Nachrichten „Brutale Bestrafung“ durch brillanten Anand Chess Tiger Hartmut Metz zur vierten Partie Ausführlicher WM-Pressespiegel zu den ersten vier Partien
30.04.2010 - Veselin Topalov sitzt tief gebeugt über dem Brett. Die Nase berührt fast den König – doch der ist nicht mehr zu retten. Die Angriffsmaschinerie des Schach-Weltmeisters läuft ab dem 23. Zug auf Hochtouren, die am anderen Brettflügel stationierten schwarzen Springer können ihrem Monarchen nicht mehr zu Hilfe eilen. Weitere 23 Züge später ist alles vorbei. „Die Bestrafung des unvorsichtigen Bauernzugs nach h6 war brutal. Anand spielte brillant“, zeigte sich der ehemalige britische Vizeweltmeister Nigel Short beeindruckt. Der Inder gewann auch seine zweite Weiß-Partie im Militärklub von Sofia und führt nach vier der zwölf Partien mit 2,5:1,5.
„Ganz sicher war ich mir bei dem Springeropfer auf h6 nicht – aber ich sah auch keine Verteidigung mehr für Topalov“, berichtete ein gut gelaunter Sieger über seine Gedankengänge mehr als eine Stunde zuvor. „Nach dem Springereinschlag war ich verloren“, bestätigte der bulgarische Herausforderer. Mühsam rang sich Topalov ein Lachen ab, als er zu den Gründen seiner schwachen Vorstellung befragt wurde: „Das müssen wir analysieren. Wenn ich das jetzt wüsste, wäre das Ergebnis wohl anders ausgefallen.“
Viswanathan Anand - Veselin Topalov (4. Partie)
GM Klaus Bischoff
Eine Erklärung findet Großmeister Klaus Bischoff. „Anand ist wie schon bei der WM 2008 in Bonn gegen Wladimir Kramnik in der Eröffnung exzellent vorbereitet“, meint der Frankfurter, der vor zwei Jahren als WM-Chefkommentator in der Kunsthalle fungierte. Zwar sei bei der Pleite in der ersten Partie „etwas schiefgelaufen – aber ansonsten leistet sein fantastischer Sekundantenstab glänzende Arbeit“, urteilt Bischoff, der heuer die Duelle live im Chess Tigers Training Center in Bad Soden analysiert. Die Schachschule hatte Anand vor wenigen Wochen persönlich ganz in der Nähe seines deutschen Wohnsitzes eröffnet - die Stimmung unter den Fans des „Tigers von Madras“ war hier nach dem zweiten Sieg entsprechend euphorisch.
Kurz vor der Pressekonferenz
Oben rechts gibt Topalov gerade die vierte WM-Partie auf
Eine Vorentscheidung in dem Match um zwei Millionen Euro sieht Bischoff noch nicht, auch wenn der Titelverteidiger „wie ein Uhrwerk immer die besten Züge“ gefunden habe. Der elffache deutsche Rekordmeister im Blitzschach weist Anand nach dem Remis mit Schwarz und dem erneuten Weiß-Triumph nun aber eindeutig die Favoritenrolle zu. Schließlich dürfte dem Weltranglistenvierten notfalls ein 6:6 reichen – in einer Schnellschach-Verlängerung gibt nicht nur Bischoff Topalov gegen den „schnellen Brüter“ aus Indien keine Chance.
Der Tiger von Madras bei der Pressekonferenz nach seinem zweiten Sieg
Von dem katastrophalen Start mit einer schnellen Schlappe in Runde eins scheint sich Anand gut erholt zu haben. Als er in der dritten Partie wieder die schwarzen Steine führte, ließ der 40-Jährige die Finger von der Grünfeld-Indischen Verteidigung und griff zum bewährten slawischen Aufbau. Topalov konnte nicht viel herausholen und fügte sich in eine Zugwiederholung zum Remis. Ganz anders der „Tiger von Madras“ mit Weiß: Den „Aufschlag“ im Schach donnert er nicht wie einst ein Boris Becker im Tennis knallhart in Richtung Gegner. Ein fintenreiches Service à la John McEnroe zeichnet sein Spiel aus. Mit kleinen, feinen Manövern trickst Anand den Weltranglistenzweiten aus und jongliert ihn in Stellungen, die Topalov schlechter versteht. Bei seinem zweiten Sieg verbesserte der Weltmeister die WM-Partie von 2006 zwischen Kramnik und Topalov im zehnten Zug mit einem Springermanöver, wonach sein Kontrahent in langes Nachdenken verfiel und später unmerkliche Fehler beging, die sich zur Katastrophe aufaddierten.