Zu den Youth Classic bitte hier klicken...
Zur DSEM Chess960 bitte hier klicken...
Zu den Youth Classic Simultans...
Zum Geburtstagsvideo Vishy Anand...
Top Turniere
TopTurniere
Alles kein Problem!
Silvio Danailov mit erstem, zaghaftem Säbelrasseln vor der WM
22.03.2010 - Dass das mit Spannung erwartete WM-Duell nicht erst am 23. April mit dem ersten Zug beginnen würde, ist klar. Seit Monaten tüfteln beide Kontrahenten mit ihrem persönlichen und teils geheimen Stab die besten Eröffnungen, Strategien und möglichen Szenarien aus und greifen dabei ganz sicher auch auf die besten Computer und Schachprogramme zurück, die jemals für eine WM-Vorbereitung zur Verfügung standen. Sollten sich sowohl der amtierende Weltmeister Viswanathan Anand als auch sein Herausforderer Veselin Topalov mal zum kommenden Match geäußert haben, dann stets mit dem nötigen Respekt für den Gegner – kleinere, harmlose Sticheleien eingeschlossen. Doch jetzt scheint Silvio Danailov in seiner Funktion als Organisator und Manager von Topalov allmählich die Stimmung aufheizen zu wollen, anders lassen sich seine jüngsten Statements jedenfalls nicht erklären. Grund einer absurden und teils sehr unsachlich geführten Diskussion auf der bekannten Schachnachrichten-Seite Chessvibes.com ist die Tatsache, dass Vishy Anand nicht unter der so genannten Sofia-Regel spielen möchte und Topalov ihn – laut Danailov – dazu zwingen wird, indem der Bulgare keine Remisangebote annehmen wird und während der Partie auch nicht mit dem Inder sprechen will.

Topalov & Danailov 2008 in Bilbao

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass nun – vornehmlich auf Chessvibes.com – eine öffentliche Diskussion über Silvio Danailov und das angekündigte Verhalten von Veselin Topalov geführt wird? Angefangen hat alles mit einem Video-Interview, welches Danailov am Rande der Europameisterschaft der französischen Schachnachrichten-Seite Europe Echecs gegeben hat. Der Interviewer GM Robert Fontaine hatte Topalovs Manager zunächst nach dem Stand der Vorbereitungen für das WM-Duell gefragt, um dann mit der Frage nach der Sofia-Regel die Büchse der Pandora zu öffnen. Manche nennen das journalistische Pflicht, andere wiederum fragen sich, was diese Regel mit einem Match zwischen zwei Spielern zu tun hat und warum man überhaupt danach fragen muss. Der französische GM konnte sich den geplanten Nadelstich jedenfalls nicht verkneifen und Danailov antwortete dankbar und ohne Zweifel mit einer Provokation Richtung Anand. Das wiederum nahm Chessvibes-Kolumnist Arne Moll zum Anlass, unter dem Titel „Not again!?“ einen Artikel zu verfassen, der wirklich kein gutes Haar an Danailov und nur wenige an Topalov übrig lässt und nicht mit vermeintlichen Parallelen zum berüchtigten WM-Match in Elista zwischen Vladimir Kramnik und Veselin Topalov geizt. Die logische Folge, wenn man eine News-Seite im populären Stil eines Blogs führt: Es entbrannte und brennt noch immer ein hitziger Disput unter den Lesern, in welchem natürlich jeder weiß, was wirklich Sache ist, was tatsächlich gesagt wurde beziehungsweise gemeint war und nicht mit Ideen geizt, wie die eine oder die andere Seite nun reagieren sollte. Schauen wir, welche Worte Danailovs den Stein ins Rollen brachten:

Auszug aus Danailov-Interview
mit GM Robert Fontaine von Europe Echecs

(Übersetzt aus dem Englischen)

Gefragt, ob die Sofia-Regel bei der Weltmeisterschaft zur Anwendung kommen wird, antwortet Danailov wie folgt:

Wenn kein Spieler Remis bietet oder annimmt, wird sie Anwendung finden. Vishy [Anand] ist nicht einverstanden, aber er wird dazu gezwungen sein, denn Topalov wird ihm keine Remisen anbieten und er wird auch nicht mit ihm sprechen. Was soll passieren? Er wird dazu gezwungen sein. Das ist das Beste, ansonsten … Ich weiß nicht, es gibt Leute, die völlig konservativ sind, die sind gegen diese Regeln, aber das ist die Zukunft des Schachs. Das steht fest! Jedermann versteht das jetzt! Natürlich, ich verstehe, es gibt einige Spieler, alte Spieler, die nicht arbeiten möchten … Sie mögen Kurzremisen und was auch immer. Sie mögen es, diese anzubieten, aber das ist jetzt vorbei! Schach … wir brauchen einen professionellen Sport und in einem professionellen Sport können wir das nicht machen.

Zur Erklärung: Die Sofia-Regel wurde erstmals 2005 von Danailov beim Mtel Masters eben in Sofia eingeführt und war dazu gedacht, leidige Remisabsprachen und Kurzremisen zu verhindern. Es war den Spielern untersagt, selbstständig ein Remis zu vereinbaren. Sie mussten den Schiedsrichter konsultieren, welcher seinerseits mit der Hilfe eines beratenden Großmeisters über den Remisantrag befand.

Anand - Topalov beim Corus 2008

Sinn oder Unsinn dieser Regel wurden über die Jahre hinlänglich diskutiert, doch Tatsache ist, dass immer mehr große Turniere diese in zumeist abgeschwächter Form (kein Remis vor dem 30. oder 40. Zug) anwenden, um ihre Veranstaltungen spannender zu machen. Es sei, wie es sei, doch welchen Zweck soll eine Regel, welche zudem in keinem offiziellen Regelwerk zu finden ist, bei der Weltmeisterschaft zwischen zwei Spielern erfüllen? Traut man dem fünfzehnten Weltmeister und der Nummer 2 der Weltrangliste nicht zu, selbst zu entscheiden, ob man den Punkt teilen möchte oder eben nicht? Anand ist 40 und Topalov 35 und man könnte doch meinen, dass diese beiden gestandenen Superstars alt genug sind, selbst und mit klaren Worten ein Remisangebot auszusprechen, oder im Falle einer gegnerischen Offerte das Remis abzulehnen, wenn man denn glaubt, die Partie noch gewinnen zu können. Und im äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass der Weltmeister seinem Herausforderer einen (zu) frühen Friedensschluss anbieten sollte, so handelt Topalov absolut im Rahmen der gültigen FIDE-Regeln, wenn er das Angebot mit Schweigen beziehungsweise dem Ausführen eines Zuges beantwortet. Inwiefern man Anand damit allerdings quasi die Sofia-Regel aufzwingt, wird wohl Danailovs Geheimnis bleiben.

Mr. Chessvibes, Peter Doggers

Überhaupt wirkt das komplette Statement des Bulgaren eher unvorbereitet und hinterlässt nicht den Eindruck, dass dies nun der gefürchtete Auftakt einer versuchten Schlammschlacht sein soll. Es mag ja ein paar Großmeister geben, die sich bei „… alte Spieler, die nicht arbeiten möchten …“ angesprochen fühlen, aber Viswanathan Anand kann er dabei ja wohl nicht gemeint haben. Falls doch, so kann er sich der Tatsache gewiss sein, dass er seine Meinung spätestens nach der Weltmeisterschaft ändern wird! Also, alles gar nicht so schlimm, sondern nur ein zaghaftes Säbelrasseln, welches aufgrund mangelnder Skandälchen rund um die WM etwas lauter klingt, als es ist. Von Seiten des Weltmeisters und seines Stabes wird es dazu jedenfalls keine Reaktion geben. Es gibt schlicht wichtigere Dinge.

Da dieses Video-Interview nebst dem Artikel von Arne Moll jedoch die Gemüter der Leser derart erhitzte, fasste sich der Gründer der Chessvibes-Seite, Peter Doggers, ein Herz und bot Danailov die Möglichkeit, sich nochmals zu äußern und Missverständnisse auszuräumen. Das tat dieser dann auch in Form eines offenen Briefes an Chessvibes, der wie folgt lautet:

Open Letter von Silvio Danailov an Chessvibes
(Übersetzt aus dem Englischen)

Ich habe nie gesagt, dass Veselin nicht mit Anand sprechen wird. Was ich gesagt habe ist, dass er kein Remis bieten wird und von ihm kein Remis annehmen wird. Das ist ein Unterschied.

Die lange Story ist die folgende: Während der Verhandlungen erfüllten wir alle Wünsche von Anands Team (und das waren viele, glauben Sie mir). Ferner stellten wir den größten Preisfonds der letzten 15 Jahre (in Krisenzeiten!) von zwei Millionen Euro (was das doppelte Preisgeld des Matches in Bonn ist). Die FIDE bat Anand, für die Organisatoren nur eine kleine Sache zu tun: In Sofia unter den Sofia-Regeln zu spielen. Der Grund ist, das Match würde auf diesem Weg aufregender werden und die Stadt Sofia würde dadurch weltweit mehr Publicity erlangen.

Sie lehnten ab, denn, wie Aruna [Anands Frau und Managerin] sagte, es wäre schwierig, dafür Schiedsrichter, ein Beschwerdekomitee, einen beratenden GM, etc. auszuwählen. Daraufhin boten wir Ihnen an, sich selbst alles auszusuchen, was sie bräuchten, um die Sofia-Regel zu akzeptieren: Schiedsrichter, Beschwerdekomitee, einen beratenden GM, etc. Sie lehnten erneut ab, dieses Mal ohne jeglichen Grund oder Erklärung.

Natürlich haben sie das legale Recht, abzulehnen, aber unserer persönlichen Meinung nach, zeigen sie keinen Respekt gegenüber den Organisatoren, den Sponsoren und der Stadt Sofia.

Daraufhin hat Veselin beschlossen, während der Partien keine Remisen anzubieten oder von Anand anzunehmen. Auch er hat dieses legale Recht. Er wird zudem während den Partien nicht mit Anand kommunizieren, nur über den Schiedsrichter. Natürlich heißt das nicht, dass er überhaupt nicht mit Anand sprechen wird, nur nicht während der Partie. Generell mag es Veselin nicht, während einer Partie durch Reden oder Remisangebote gestört zu werden.

Wo ist hier das Problem?

Warum nennen Sie das eine Provokation?

Das ist die ganze Story, Sie können selbst urteilen.

Des Pudels Kern trifft die Frage: Wo ist das Problem? Es gibt kein Problem! Jedenfalls nicht von Anands Seite, denn der Weltmeister hat lediglich abgelehnt, unter einer für Matches völlig unnötigen Regel zu spielen, die zugleich auch noch den Namen des Austragungsortes trägt. Das Argument, er würde damit dem Austragungsort nicht den nötigen Respekt zollen, entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik. Als würde Sofia mit seiner über 5000 Jahre alten Geschichte ernsthaft davon profitieren, dass bei einem weiteren Höhepunkt in ihrer Historie die berühmte „Sofia-Regel“ zur Anwendung kam.

Topalov im Interview

Statt einfach froh zu sein, dass sich Anand ohne langes Federlesen darauf eingelassen hat, gegen den Herausforderer auf dessen heimischem Boden zu spielen, scheint man in Topalovs Lager krampfhaft darauf bedacht, dies nach Außen zu einem Vorteil für den „Gast“ zu drehen. Beweis dafür ist das folgende Zitat aus dem Topalov-Interview, welches man auf der frisch eingerichteten offiziellen WM-Seite findet. Wohlgemerkt, nicht der aktuelle Weltmeister wurde als Erster zu Wort gebeten, sondern sein Herausforderer! Zu seiner Meinung über Anand gefragt, antwortete der Bulgare unter anderem:

„… Bezüglich des anstehenden Matches – Aus psychologischer Sicht wird es Anand in Sofia viel einfacher haben als ich. Jeder erwartet von mir nichts als den Sieg. Falls er verlöre, würden die Leute sagen: Er spielte auf feindlichem Boden! Sollte er gewinnen, wäre er ein Held! …“

Tja, wenn Topalov das so sieht, ist das sein Problem – wahrscheinlich das einzige Problem, was es bezüglich der nahenden Weltmeisterschaft wirklich gibt. Interessant auch die These des Herausforderers, mit der Hilfe Anands wäre ein höherer Preisfonds möglich gewesen. Tatsache ist jedenfalls, dass sein Manager schon dafür gesorgt haben wird, dass das Spektakel im Herzen Bulgariens für sich selbst und seinen Schützling ein gutes Geschäft wird. Sollte Topalov nur halb so meisterhaft mit Geld umgehen können, wie er Schach spielt, dann sollte es uns um seine finanzielle Zukunft wahrlich nicht bange sein.

Der amtierende Weltmeister
Viswanathan Anand

Was dagegen bisher noch nirgends zu lesen oder zu hören war, ist die Tatsache, dass Anand wie selbstverständlich auf ein weltmeisterliches Privileg verzichtet hat, welches vor noch gar nicht so langer Zeit als völlig selbstverständlich galt. Dies besagt nämlich, dass der Weltmeister für den Fall eines Gleichstandes nach regulärer Spielzeit seinen Titel behält. Anand hat stattdessen dem Schnellschach-Tiebreak zugestimmt, nicht weil er der mehrfache Weltmeister in dieser Disziplin ist, sondern weil es die Spannung des Matches erhöht. Neben dem Austragungsort ein Zugeständnis, welches entscheidende Bedeutung für den Ausgang der WM haben kann. Doch damit ist die Schmerzgrenze dessen, was man sich vom Titelverteidiger wünschen darf, eindeutig erreicht.

Ob Topalov und Danailov damit leben können oder nicht, ist Anand einerlei. Die Verträge sind unterschrieben, die Termine stehen fest und für den Inder zählt nur noch das, was sich auf den 64 Feldern abspielen wird. Weder er noch sein Team werden mit Vorbehalten gegen die bulgarischen Veranstalter und den Gegner nach Sofia reisen, bereit, auf dem Schachbrett zu klären, wer spätestens nach dem 12. Mai den Weltmeistertitel trägt. Sei es gegen einen schweigenden oder einen redseligen Gegner. Alles kein Problem!

Offizielle Matchseite der WM 2010




_______________________________________________________________________


Wer gewinnt die Schachweltmeisterschaft 2010?
Viswanathan Anand
Veselin Topalov
pollcode.com free polls



Mike Rosa

Published by Mike Rosa

Dieser Artikel wurde 2210 Mal aufgerufen.


Impressum     Datenschutz
Copyright © 2026 - Chess Tigers Schach-Förderverein 1999 e.V. / CT