TopTurniere Hintergrund 3. Partie: G8-Gipfel ohne Handschlag Peinliches Prozedere beim Beenden einer von beiden Seiten gut gespielten WM-Partie - Dopingkontrolle verlief reibungslos
28.04.2010 - "Ich bin hierher gekommen, um einen WM-Wettkampf nach Weltmeisterschaftsregeln und nicht nach "Sofia-Regeln" zu spielen", erklärt der amtierende Weltmeister aus Indien, Viswanathan Anand. Sein Herausforderer aus Bulgarien, Großmeister Veselin Topalov, besteht weiterhin einseitig darauf, dass er für sich die sogenannten "Sofia-Rules" reklamieren und zur Anwendung bringen darf - wenigstens ein Teil daraus - welche die folgende organisatorische Abwicklung eines Remis vorsieht: Er teilt dem Schiedsrichter mit, dass er seinem Gegner ein Remis anbietet, der Schiedsrichter teilt dem Gegner mit, dass sein Gegner ihm ein Remis vorschlägt. Dieser denkt nach, ob er das Angebot annimmt oder ablehnt und teilt seinen Entschluss dem Schiedsrichter mit. Der Schiedsrichter teilt dem Remis anbietendem Spieler dies mit und die Partie wird entweder weitergespielt oder mit Handschlag oder auch ohne beendet. "Kasperle-Theater ohne Hintergrund, außer den Gegner zu stören" nannte es ein Journalist. Man muss sich vorstellen, dass bei dieser Abwicklung eines Remisangebotes beide Spieler am Tisch sitzen oder zumindest sitzen können. Wie soll man diesen Zustand beurteilen: kindliches Verhalten, pure Einfältigkeit, Tradition vergessen, ungehörige Respektlosigkeit vor dem Gegner und der Institution, verbohrte Uneinsichtigkeit, schachschädigendes Verhalten, schlechtes Vorbild gebend, psychologische Kriegsführung, Unverschämtheit, Provokation oder einfach nur unwürdige "Eselei" bis hin zur echten "Dummheit".
Man muss sich jetzt noch vorstellen, dass die sogenannten "Sofia-Rules" eine weitere Instanz vorsehen, nämlich diejenige, dass ein Fachgremium aus internationalen Meister oder Großmeistern beurteilt, ob ein Remisangebot überhaupt berechtigt ist! Ursprünglich war die Regel vom korsischen Veranstalter Batesti in einem Open eingeführt worden, weil er die Kurzremis in den letzten Runden reduzieren wollte, ehe der Bulgare Silvio Danailov sie auch für sein M-Tel Masters im klassischen Schach (Turnier mit 6 Teilnehmer doppelrundig) entdeckte und zur "Sofia-Regel" maketingtechnisch ausschlachtete. Die etwas erfahreneren Organisatoren in Linares, Luis Rentero und der Chess Classic Mainz, Hans-Walter Schmitt, haben dieses ungebührliches Verhalten der Spieler mit "scharfen Verweisen, Geldstrafen und öffentlichen Standpauken eingedämmt" oder gar schwarzen Listen geführt, die für Nichteinladungen zu Rate gezogen wurden. Den Großteil der vielen kämpfenden und lange ihre Partie ausspielenden Teilnehmer wollten sie nicht in Sippenhaft nehmen, malträtieren oder unnötig beleidigen wegen ein paar schwarzer Schafe. Die Unsitte der kurzen Remis in Rundenturnieren und Open können damit per Regel eingedämmt werden, aber in Zweikämpfen oder gar WM-Matches ist das völlig überflüssig. Keiner der Protagonisten kann hier physisch oder psychisch in Nachteil geraten, wenn Kurzremise an anderen Tischen vereinbart werden. Einzig und allein die Zuschauer im Saal und weltweit im Internet hättet das Recht, zu protestieren oder das ganze Geschehen mit Missfallen zu begleiten.
Enttäuscht sind viele fachkundige Beobachter von der Zuschauerresonanz vor Ort in Sofia: Nach zwei sensationellen und entschiedenen Auftaktpartien kamen gestern nur 30-35 zahlende Zuschauer in den Military Club, davon zwei aus Deutschland, Jessica & Thomas Meisegeier. Man hätte erwarten können, dass nach so einem spektakulären Auftaktschlacht die wenigen Sitze (240) nicht ausreichen, wenn der bulgarische Volksheld Veselin Topalov, an vielen Einfallstraßen groß plakatiert, nach der höchsten Krone im Schach greift. Der G8-Gipfel der Figuren auf dem ungewöhnlichen Feld g8 fand aufgrund außergewöhnlicher Manöver Einzug in den Titel dieses Artikels. Zuerst steht der Springer auf g8, dann folgt das einfache Decken des Bauers g7 mit Tg8 und später wird der Läufer von h7 über g8 ins Spiel gebracht. Derlei wird in der Turnierpraxis gar nicht so oft gesehen.
Die Auswahl der Tür der Alexander Newski Kathedrale zeigt die "rechte" Eingangstür des Hauptportals. Weltmeister Anand und Herausforderer Topalov sind scheinbar jetzt normal im Match. Einen großen Vorteil hatten die zwei entschiedenen Partien 1 und 2 schon von der organisatorischen Seite: der Veitstanz um die Remisvereinbahrung entfiel.
Impressionen vom WM-Match in Sofia und Umgebung
Die dritte der zwölf Türen in der Alexander Newski-Kathedrale
3. Partie: WM-Handschlag vor der Partie in der Topalov die weißen Steine führte ...
Die Pressekonferenz nach der dritten Partie v.l.n.r.: Herausforderer Veselin Topalov, Kommentatorin A. Stefanova, Übersetzer R. Anatasov, ECU Präsident B. Kutin und Weltmeister Viswanathan Anand
3. Partie: Slawisch verteidigte sich Vishy Anand Genau wie Kramnik in Elista gegen den gleichen Gegner
Nach fünf Minuten wird der Vorhang geschlossen und der Saal abgedunkelt
Fide-Vize Präsident Georgios Makropolous erklärt Anand-Delegationsmitglied Hans-Walter Schmitt, wie die Remisangebote stattzufinden haben. Oder doch eher umgekehrt ... ?
Chess Tigers on Tour Ehepaar Jessica und Thomas Meisegeier vor dem Military Club in Sofia
Die prunkvolle Sofioter Universität - Haupteingang
Der bulgarische Schachheld macht Werbung für die Telekommunikationsfirma M-Tel
Relaxen vor dem großen Spiel Viele Bänke in Sofia laden zum gemütlichen Mittagsschlaf ein
Wasserspiele "Am Brunnen vor dem Tore" des Grand Hotel Sofia beliebter Treffpunkt für Schachzocker (1, 2, 5 oder 10 Leva) ist die Währung!