Nachrichten 12 Minuten Freiheit vom Gefängnis-Marathon
23.03.2005 - Das isländische Parlament hat in einer Sitzung lediglich 12 Minuten gebraucht, um sich zu entscheiden, dem Ex-Schachweltmeister Bobby Fischer die isländische Staatsangehörigkeit zu gewähren. Mit 40 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen stimmten die Abgeordneten in Reykjavik für die Einbürgerung des exzentrischen Genies, das 1972 in Island mit einem legendären Sieg über Boris Spasski Weltmeister wurde. Für die drei Lesungen benötigte das Parlament nur zwölf Minuten. Die Einwanderungsbehörde erklärte, bereits am Dienstag könne der Pass für Fischer fertig sein
Fischers Rechtsanwältin Masako Suzuki präsentiert
den neuen isländischen Reisepass.
Doch diese 12 Minuten auf dem Weg in die vermeintliche Freiheit ist nur
ein Wimpernschlag im Vergleich zum bisherigen Gefängnis-Marathon, dem
Bobby Fischer in Japan ausgesetzt ist. Seit Juli 2004 sitzt er unter dem
Vorwand der versuchten Ausreise mit einem ungültigen Reisepass in
Auslieferungshaft - eine formale Anklage oder gar ein Prozess ist in
weiter Ferne. Wahrscheinlicher droht Bobby Fischer die Ausweisung in die
USA - dort wird gegen ihn ein Steuerhinterziehungsverfahren am 5. April
eröffnet - falls eine Ausreise nach Island nicht vorher genehmigt wird.
(Lesen Sie den ausführlichen Bericht von Rene Chun bei ChessCafe.com: The
Real Endgame.)
So berichtet die Chicago Sun-Times heute schon über das vorweggenommene
Ende und zitiert Fischers japanische Rechtsanwältin Suzuki: " Wenn nicht noch etwas
ausserordentlich unerwartetes passiert, wird Bobby Fischer innerhalb
einer Woche freigelassen. Das wäre der natürliche Verlauf der Dinge".
Doch das Wettrennen an das rettende Ufer der Atlantik-Republik wird
durch die japanische Justiz entschieden.
Die Gefängnisleitung im japanischen Ushiko-Gefängnis scheute sich nicht,
Bobby Fischer unter dem Vorwand eines Frühstücks-Eier-Streits für mehrere
Tage in Isolations-Haft zu verbannen - ein willkommener Grund, um auch eine
angereiste Besucher-Delegation aus Island wieder abzuweisen. Die unsägliche Saga
der Bobby-Fischer-Verhaftung ist nun um ein Kapitel reicher geworden.
Die Reaktion und das Verhalten der japanischen Justiz-Behörden ist für
westliche Beobachter und nach den Maßstäben eines unabhängigen
Rechtssystems nicht immer nachvollziehbar.
Prof.Dr. Karel van Wolferen
Foto: Suzanne van de Kerk
Der Japan-Experte Karel von Wolferen (Vom Mythos der
Unbesiegbaren. Anmerkungen zur Weltmacht Japan. Knaur Verlag 1992) erläutert die
Unterschiede:
"Die Art, wie Höhergestellte mit
Untergebenen umgingen, war in gewissem Maß von dem ritsu-ryo-Rechtssystem
geregelt, das auf Japans ersten Gesetzbüchern basierte: dem 701 n.Chr.
formulierten Thaiho-Kodex.
Ritsu
bedeutete die Züchtigung von Übeltätern und war praktisch so belassen,
wie die Chinesen es geschrieben hatten, außer der Abstufung der Strafen
(einer Auswahl von fünf Stufen: Peitschenhiebe, Prügel, Zwangsarbeit,
Verbannung und Tod). Dies ist ein frühes Beispiel der hartnäckigen
japanischen Gewohnheit, ausländische Systeme nur teilweise zu
assimilieren und die Diskrepanzen und Euphemismen zuzukleistern. [...]
Japanischen Beamten steht es frei, zwischen den Gesetzen zu wählen und
sie zur Förderung ihrer eigenen Zwecke zu gebrauchen. Wenn Gesetz und
bürokratisches Vorgehen in Konflikt zu stehen scheinen, paßt der
Beamtenapparat das Gesetz durch eine neue "Auslegung" seinem Vorgehen
an. Die Formulierung vieler Gesetze ist absichtlich vage gelassen
worden, um dies leichter zu machen. [...] Natürlich unterschreibt Japan
formell internationale Vorstellungen von Gerechtigkeit. Seine
politischen Gewohnheiten haben jedoch verhindert, daß diese eine
wirklich lebendige Kraft wurden. Menschenrechte, demokratische Freiheit
und eine neue Idee, das "Recht auf Frieden", werden laut verkündet,
bleiben aber als Ideen vage und undefiniert."