Nachrichten Japan-Erdbeben erschüttert Bobby Fischers Gefängnis Aber die Öffentlichkeit bleibt nahezu unbewegt vom Schicksal des Ex-Schachweltmeisters
16.02.2005 - Das jüngste Erdbeben in Japan in den frühen Morgenstunden des 16.2. erschütterte mit einer Stärke von 5,4 auf der japanischen Erdbebenskala das Gebiet der Präfektur Ibaraki, nördlich der Hauptstadt Tokio. Pressemeldungen zufolge verursachte das Erdbeben 30 Verletzte. Mitten im Erdbebengebiet liegt in der Präfektur Ibaraki auch die Stadt Ushiku und damit das Gefängnis, in dem Bobby Fischer seit Sommer 2004 festgehalten wird und einem Entscheid über seine Auslieferung nach Island oder in die USA wartet. Während die Medien geflissentlich darauf hinweisen, dass das Erdbeben keinen Tsunami verursacht hat, bleibt die Öffentlichkeit weiterhin nahezu unbewegt von Bobby Fischers Schicksal.
Habeas-Corpus-Ticker
Der Habeas Corpus Ticker
Am 13. Juli 2004 wurde Ex-Schachweltmeister Bobby Fischer auf dem japanischen Flughafen
Tokio verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, mit einem "ungültigen
Reisepaß" aus Japan ausreisen zu wollen.
Am Sitz des Steuerzahlerbundes in Wiesbaden tickt
eine leuchtend rote Digital-Uhr in atemberaubender Geschwindigkeit immer
neue und höhere Zahlen in die Augen der Passanten. Damit soll auf die
Höhe der Staatsverschuldung der Bundesrepublik Deutschland aufmerksam
gemacht werden. Im Gegensatz dazu erreicht Bobby Fischers Schicksal im
Gefängnis von Ushiku anscheinend nur die Herzen der treuen Fan-Gemeinde
oder ein paar Schachspieler, denen Fischers Faszination noch im
Gedächtnis haften blieb. Der jüngste Schachzug der Fischer-Rechtsanwälte
war der Vorwurf, dass die japanische Regierung mit der lang andauernden
Haft gegen die grundlegenden Menschenrechte, wie sie beispielsweise in
nahezu allen demokratischen Staaten als eine „Habeas Corpus Akte“
verankert sind.
Doch die japanische Regierung lässt sich von
solchen Rechtspositionen schwerlich beeinflussen, der US-Regierung, die
Bobby Fischers Auslieferung nach Amerika fordert, soll’s recht sein.
In einem Interview für die Zeitung „Neues
Deutschland“ hat René Gralla Fischer’s japanische Rechtsanwälten Masako
Suzuki nach den Hintergründen der US-Einflussnahme auf die japanische
Regierung befragt:
Rechtsanwältin Masako Suzuki
Foto: AFP/nogi
Als Japans Justizministerin kürzlich
während einer Pressekonferenz gefragt worden ist, ob Tokio Fischer gehen
lasse, falls Island seine Immigration gestatte, soll Frau Chieko Nohno
»ja, ja« gemurmelt haben. Warum der neuerliche Rückzieher? Hat sich
Japan dem Druck aus USA gebeugt? Es liegt auf der Hand, dass
die Vereinigten Staaten seit Anbeginn des Falles Druck ausüben. Nach der
offiziellen Verlautbarung hat Frau Nohno gesagt, dass sie zustimme, die
Änderung des Ausreisezieles – Island an Stelle einer Deportation in die
USA – in Betracht zu ziehen. Ich nehme jedoch nicht an, dass sie
ernsthaft beabsichtigte, irgend etwas dafür zu tun, und tatsächlich hat
sie bis jetzt auch noch nichts unternommen.
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=66646&IDC=6
Schlimme Zustände im Gefängnis
Im Vordergrund der Medien-Berichterstattung stand
fast immer Bobby Fischers Verhaftung und den folgenden Verhandlungen
über eine Asyl-Gewährung in Island. Doch ein Bericht der Japan Times
wirft ein schrilles Licht über die Zustände, die im Gefängnis von Bobby
Fischer in Ushiku in der Nähe von Tokio herrschen.
http://202.221.217.59/print/features/life2004/fl20040608zg.htm
Ein Bericht der "Japan Fellowship Reconciliation"
an die UN-Kommission für Menschenrechte aus dem Jahr 2003 verurteilte
die Japanische Politik für Asyl-Suchende und deutete auf die Verstösse
gegen die internationalen Menschenrechte hin. Diese verbieten Folter,
unmenschliche Behandlungen, Erniedrigungen oder Bestrafungen. Zu den
Mißhandlungen gehören die wiederholte Unterbringung in Isolier-Zellen
oder Leder-Handschellen. Insassen sind gefesselt und für mehrere Tage
oder Wochen in diesen Zellen eingeschlossen als eine besondere Form der
Bestrafung. Die Handschellen sind dabei dauerhaft angebracht, dadurch
ist der Gefangene gezwungen, das Essen wie ein Hund zu sich zu nehmen
und er kann nach einem Toilettengang nicht die mindeste körperliche Hygiene
verrichten. Amnesty International hat im Jahr 2002 ebenfalls auf diese
schwerwiegenden Missstände hingewiesen, die Asyl-Bewerbern in Japan bei
Verhören und Abschiebe-Haft ausgesetzt sind.
Amnesty International
wirft der japanischen Regierung vor, keine unabhängigen Untersuchungen
zu diesen Vorwürfen vorzunehmen und dadurch gegen den Artikel 12 der
Konvention gegen Folter und andere Misshandlungen, die von Japan
unterzeichnet wurde, zu verstossen. Die japanische Öffentlichkeit sei
sich diesen Missständen nicht bewusst, führt die Japan Times in ihrem
Bericht vom 8. Juni 2004 weiter aus, da nahezu alle Asyl-Insassen ins
Ausland abgeschoben werden und ihre Leiden und Entbehrungen
dadurch kaum öffentliche Aufmerksam21. Dezember 2004 berichtete die
Japan Times von Hungerstreiks der Ushiku-Gefängnisinsassen als Protest
gegen die menschenunwürdigen Haftbedingungen. "Viele Teilnehmer am
Hungerstreik sind als Asyl-Suchende Langzeit-Insassen und werden dort
seit mehr als zwei Jahren festgehalten" sagte Rechtsanwalt Shogo
Watanabe.
Auch die medizinische Versorgung im
Ushiku-Gefängnis ist beklagenswert. Dr.
Junpei Yamamura besucht die Gefängnis-Insassen einmal im Monat. Dort
kann er mit den Insassen über deren Gesundheitsprobleme sprechen -
allerdings behindert durch eine dicke Glastrennwand.
Die Zustände im japanischen Ushiku-Gefängnis sind
nicht neu und die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat
in einem Bericht detailliert auf Einzelschicksale und unmenschliche
Bedingungen hingewiesen (http://web.amnesty.org/library/index/ENGASA220091997).
Das Schicksal von Ex-Weltmeister Bobby Fischer ist nicht erwähnt,
stammt der Untersuchungsbericht doch aus dem Jahr 1998. Doch die
Meldungen der Japan Times aus dem Jahr 2004 deuten darauf hin, daß sich
nicht vieles geändert hat.