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Otto Schily ist am Zug
Eine neue Runde im Auslieferungs-Gambit um Bobby Fischer
19.12.2004 - Ein kleines bordeauxfarbene Buch aus der Bundesdruckerei wird jetzt offensichtlich zum heiß begehrten Objekt im Auslieferungsdrama um den inhaftierten Ex-WM Bobby Fischer: ein Reisepass der Bundesrepublik Deutschland.

Normalerweise wird dieser von den Einwohnermeldeämtern der Republik in ihrer Eigenschaft als Passbehörde ausgestellt, doch wenn es um die Wirrungen bei Bobby Fischers Verhaftung und Auslieferungsbegehren geht, ist nichts mehr auch nur annähernd im Bereich der Normalität.

Jetzt meldet die AFP eine Story, die allen Anschein einer Wende hat:

"Der in Japan inhaftierte Schachmeister Bobby Fischer will mit Hilfe eines deutschen Passes in Island eine neue Heimat finden und so einer Auslieferung in die Vereinigte Staaten entgehen. Nach der Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung für Island brauche Fischer, dessen Vater Deutscher ist, nur noch die deutsche Staatsbürgerschaft, sagte der Präsident des "Komitees zur Befreiung Bobby Fischer", John Bosnitch, am Donnerstag in Tokio. Erst wenn er diese erhalten habe, könne er nach Island ausreisen. Die deutsche Botschaft in Japan habe bestätigt, daß die Papiere von Fischer in Ordnung seien."

Rückblick: 1972 war ein ereignisvolles Jahr für die Schach- und Justizwelt. Der Amerikaner Bobby Fischer besiegte sensationell den sowjetischen Titelverteidiger und holte den Titel in die Vereinigten Staaten. Die Justiz der Bundesrepublik Deutschland war mit der Bewältigung des RAF-Terrorismus beschäftigt und Rechtsanwalt Otto Schily verteidigte den als RAF-Sympathisanten angeklagten Horst Mahler.

Bobby Fischer 1972:
verteidigte den König
Otto Schily 1972:
verteidigte den Terroristen

Aufgrund dieser Erfahrungen müsste es für den bekennenden Schach-Fan und Gelegenheits-Spieler Otto Schily, zur Zeit im Hauptberuf Innenminister, kein Problem darstellen, sich mit den Rechten und Pflichten inhaftierter Zeitgenossen herumzuschlagen.

GM Azmaiparashvili und Innenminister Schily in Berlin

Und irgendwie hat Otto Schily immer wieder mit inhaftierten Schach-Großmeistern zu tun: Auch ein anderer GM, der FIDE-Vize Azmaiparashvili stand anlässlich der Schacholympiade in Calvia im Mittelpunkt eines Sicherheits-Skandals und saß in der Folge in einem spanischen Gefängnis in Mallorca. ...mehr

GM Azmaiparashvili wurde nach wenigen Tagen ohne Otto Schilys Hilfe aus dem Gefängnis auf Mallorca entlassen - im Falle des Bobby Fischer ist jedoch Schily jetzt am Zug.

Die Anträge auf die deutsche Staatsbürgerschaft für Bobby Fischer sind ein wichtiger Meilenstein, um aus dem Gefängnis in Tokio entlassen zu werden und eine drohende Auslieferung in die Vereinigten Staaten zu verhindern.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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