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Das Backschisch-Gambit: Bessel Kok als Ehrengast bei den Chess Classic
28.05.2006 - Wenn das Champions Dinner am 2.Tag der Chess Classic Mainz 2006 eröffnet wird, kann Turnierdirektor Hans-Walter Schmitt die schon traditionell gewordene Liste der Ehrengäste mit einem weiteren illustren Namen versehen. Bessel Kok, der holländische Kandidat zur Wahl des neuen FIDE-Präsidenten kommt nach Mainz - entweder in seiner neuen Eigenschaft als FIDE-Präsident oder als pensionierter Manager und Schach-Macher.

Die englische Version gibt's auf www.chess960.com

Bessel Kok (rechts) mit Freunden: Gary Kasparov (links) und Vishy Anand (Mitte)

Der internationale Manager und Präsidentschafts-Kandidat Kok hat mit seiner Kampagne "The Right Move" derzeit alle Hände voll zu tun - denn es sind nur noch wenige Tage bis zum 2. Juni 2006. Dies ist ein entscheidender Tag in der Geschichte des Schach-Weltverbandes, denn dann finden in Turin die Neuwahlen für die FIDE-Präsidentschaft statt und erstmals in der jüngsten Geschichte gibt es einen veritablen Zweikampf zwischen dem Amtsinhaber, Kirsan Ilyumzhinov und Bessel Kok, dem Herausforderer und Spitzenmann der Kampagne "The Right Move".

Die Liste der Kritikpunkte über Ilyumzhinovs Amtsführung ist lang - am Ende stehen immer Forderungen nach einer demokratischen Ausrichtung des Weltverbandes und ein Ende der Backschisch-Politik. Denn Amtsinhaber Ilyumzhinov pflegt die Verbandspolitik, die Organisation von Weltmeister-Matches und seinen Einfluss auf die Funktionäre der zahlreichen Landesverbände aus seiner Privat-Schatulle zu bezahlen. Herkunft des Geldes: ungewiss, Verwendungszweck: ungewiss, Buchführungsnachweis: ungewiss.

So weist das offizielle FIDE Budget für 2006 (Quelle: Annex 7 der FIDE-Dokumentation anlässlich des Dresden Kongress 2005) eine Gesamtsumme von 750.000 Euro aus, allein 121.000 Euro davon sind für Reisen und Repräsentationsaufwand des "Triumvirats", d.h. des FIDE-Vorstands vorgesehen. Der Budgetentwurf enthält keine Spuren von Wettkampf-Veranstaltungskosten, Siegprämien bei Weltmeisterschaftskämpfen oder dergleichen - der Umweg dieser Gelder durch eine offizielle Verbandsbuchhaltung soll der Öffentlichkeit und den Wirtschaftsprüfern erspart bleiben. Transparenz sieht anders aus.

Kirsan Ilyumzhinov

Und welche Priorität das Wohlbefinden der FIDE-Funktionäre hat, ist aus den Ausschreibungsunterlagen für die Weltmeisterschaft ersichtlich (FIDE Annex 30): Demzufolge bezahlt der Veranstalter der Weltmeisterschaft den FIDE-Funktionären (Chairman of the Appeals Committe, Members of the Appeals Committee, Chief Arbiter, Deputy Chief Arbiter, Press Officer, Chairman of FIDE Medical Commission) insgesamt 27.000 US-$, damit diese Funktionäre ihre Aufgaben während eines Weltmeisterschafts-Turniers wahrnehmen können.

Und in Paragraph 12 der Weltmeisterschafts-Ausschreibung wird detailliert vorgeschrieben, für welche FIDE-Funktionärs-Privilegien der Organisator zu bezahlen hat:

  • Reisekosten in der First Class für den FIDE-Präsidenten,

  • Unterkunft in einem 5-Sterne Hotel in einer angemessenen Präsidenten-Suite,

  • Speisen und Getränke,

  • zusätzliche "complimentary services",

  • Chauffeur-Limousinen für den Transport vor Ort.

  • Assistenten müssen für die FIDE-Prinzipals zur Verfügung gestellt werden.

Betriebsräte der Volkswagen AG mussten sich schon etwas mehr Mühe geben, ihre opulenten Reisevergnügen unter der Kostenstelle "1860" im Rechnungswesen des Autokonzerns zu verbergen.

Nicht nur die eigenen offiziellen Dokumente der FIDE werfen ein zweifelhaftes Licht auf das Finanzgebaren des Weltverbands, auch die englische Schach-Journalistin Sarah Hurst hat die Amtsführung von Präsident Ilyumzhinov in den Mittelpunkt eines Sach-Buchs gestellt: Curse of Kirsan: Adventures in the Chess Underworld (Kirsan's Fluch: Abenteuer in der Schach-Unterwelt).

Der Verlag beschreibt das Buch so: "When a newspaper editor Larisa Yudina was murdered within a mile or two of City Chess, the pet project of millionaire dictator Kirsan Ilyumzhinov, Hurst began to expose the darker side of chess politics. She urged professional players to boycott the World Chess Olympiad, pointing to Ilyumzhinov’s corruption and possible involvement in the murder. But chess players had no desire to reject the millions of dollars Ilyumzhinov was pouring into prize funds, and the boycott campaign failed".

Präsident Ilyumshinov bemüht sich nicht sonderlich um ein positives Image und stellt klar: "In my country, there is only one man who plays politics, and that is me. The other men have to work, the women have to bear children, and the children have to play chess."

Auch die Beschreibung in der globalen Internet-Wikipedia bleibt unmissverständlich: "Ilyumzhinov is widely regarded as heading a corrupt regime that has proved itself incapable of developing the region. Residents of the Kalmyk capital, Elista, often hold protests and hunger strikes because of the shortage of basics such as water, and the lack of democracy. Ilyumzhinov's preoccupation is chess, and he spends his time flying around the world as president of FIDE. He built a now-crumbling "Chess City" for the 1998 Chess Olympiad, which was held a few months after the murder of leading Kalmyk opposition newspaper editor Larisa Yudina."

Die derzeitige Kampagne um das Amt des FIDE-Präsidenten ist schon seit geraumer Zeit in die heisse Phase getreten: Beschuldigungen, Einflussnahme auf Funktionäre der Landesverbände, Kritik an undemokratischen (weil nicht repräsentativen) Stimmrechtsregelungen und Zwist zwischen Verbänden und einzelnen Funktionären über deren Wahlverhalten prägen das Bild. Das Ende wird zu einem Show-Down klassischer Dimensionen à la "High-Noon" stilisiert: Der gute Sherriff gegen die Bösewichte.

"Wenn ein Präsident seine Versprechungen vergißt, hat das Volk das Recht, den Präsidenten zu vergessen". Eine Bettlerin vor einem Plakat am Baum.
Aus dem Fotoalbum der Schachjournalistin Sarah Hurst

Wenn Bessel Kok dann endlich während des Champion-Dinners der Chess Classic Mainz 2006 im Speisesaal des Hilton Hotels ein paar ruhige Minuten findet, kann er sich mit Turnier-Direktor Hans-Walter Schmitt über gemeinsame Wertvorstellungen, Turnier-Organisationen, Sponsoren-Akquisitionen und die zukünftige Förderung des Schachs im Nachwuchs-Bereich, bei Amateuren und Professionals austauschen.

Und der Visionär Schmitt wird wahrscheinlich die Gelegenheit nutzen, dem neuen FIDE-Präsidenten die Umsetzung der kommenden Hausarbeiten am Beispiel der Chess Classic Mainz zu erläutern - oder, falls Kok die Wahl nicht gewinnen sollte - einfach über Erfahrungen und Erinnerungen der Schach-Macher zu plaudern - vielleicht sogar in der WNCA zur "allmächtigen" FIDE in die Opposition zu gehen für mehr Demokratie und mehr Business.

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Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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