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Unterhaltung

Schachmacher (I): Wie Manager Bessel Kok den dritten Prager Fenstersturz inszenierte - Quo Vadis Kasparov
Auch Kasparov wirft das Handtuch im Kampf um die WM

24.01.2005 - Für Prag war der 6. Mai 2002 eigentlich nur ein mittelmäßig wichtiges historisches Datum, doch für den Holländer Bessel Kok war es der bisherige Höhepunkt als Schachmacher. Die goldene Stadt hatte schon andere bedeutende historische Ereignisse erlebt und verkraftet, nahezu jeder Schüler der Prä-Pisa-Generation kennt den "Prager Fenstersturz" im Jahre 1618, der den Beginn des dreißigjährigen Kriegs in Europa einleitete. Jetzt verabschiedete sich auch Garry Kasparov frustriert und enttäuscht aus dem WM-Wettkampfzyklus der FIDE.

     Fehdehandschuh und Kriegserklärung

Prager Fenstersturz Anno 1618

Die Geschichte der Stadt Prag unterscheidet den ersten und zweiten Fenstersturz. Der erste Prager Fenstersturz steht am Anfang der Hussitenkriege. Am 30. Juli 1419 stürmten Anhänger des Jan Hus, das Neustädter Rathaus in Prag, um dort gefangene Glaubensgenossen zu befreien. Dabei warfen sie die katholischen Ratsherren aus dem Fenster. Das schmerzhafte des ersten Prager Fenstersturzes wurde durch die unter dem Rathausturm wartenden Bauern verursacht: sie hatten in Erwartung des Fenstersturzes ihre Heu- und Mistgabeln senkrecht aufgestellt - die Ratsherren wurden dadurch bei ihrem Sturz aus dem Fenster regelrecht aufgespießt.

Der zweite Prager Fenstersturz war zwar historisch wesentlich bedeutungsvoller, doch die Verletzungs- und Todesgefahr der stürzenden Opfer war geringer. Nach dem Tod des Habsburgers Rudolf II wurde die Glaubensfreiheit in Böhmen immer weiter eingeschränkt. Unzufriedene protestantische Adlige zogen am 23. Mai 1618 auf den Prager "Hradschin" und warfen nach einer improvisierten Gerichtsverhandlung die in der Hofkanzlei anwesenden katholisch- kaiserlichen Statthalter aus einem Fenster im 2. Stock aus etwa 20 m Höhe. Anschließend warfen sie noch den Schreiber Johannes Fabricius hinterher. Alle drei überlebten, weil sie – so heißt es – auf einen Misthaufen unter dem Fenster fielen. Der Schreiber Fabricius wurde später geadelt und erhielt den Namenszusatz "von Hohenfall". Dieses Defenestrieren war eine härtere Version des Werfens eines Fehdehandschuhs, eine Kriegserklärung an den Kaiser.

     Friedensvertrag

Bessel Kok

Bessel Kok hatte am 6. Mai 2002 wohl weniger den Prager Fenstersturz anno 1618 als Zeichen der Kriegserklärung im Sinn, vielmehr brachte er die wichtigsten handelnden Personen der Schachwelt zur Unterschrift unter einen Friedensvertrag an einen Tisch. Wer war Bessel Kok? Weshalb gelang es ihm, die divergierenden Interessen der Schachwelt fein auszubalancieren und auszugleichen?

Vier Jahre vor der russischen Besatzung Prags im Jahre 1968 kam Kok als Student nach Prag, um eine Thesis über kommunistische Kooperative zu schreiben. Jahrzehnte später ereilte ihn wieder ein Ruf Prag, dieses Mal, um ein verkrustetes staatliches Telefon-Monopol zu reformieren.

Bessel Kok mit seiner Frau

Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Amsterdam trat der 1941 in Holland geborene André Frans Bessel Kok 1973 in den Finanzbereich der neu gegründete Gesellschaft S.W.I.F.T.ein. S.W.I.F.T. (Society for Worldwide Interchange of Financial Telecommunication) war eine Gemeinschaftsgründung international tätiger Banken, um den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zu rationalisieren, zu beschleunigen und zu vereinfachen.

Im Mittelpunkt dieses neuen Konzepts stand ein "Message Switching Center", ein Computersystem zum Empfangen und Weiterleiten von elektronischen Zahlungen. Das Konzept wurde 1973 von der englischen Consultingfirma Logica Ltd. entworfen und nahm nach nur vier Jahren Entwicklungsarbeit im September 1977 seinen Betrieb auf. Rasch entwickelte sich das System zu einem Weltstandard. Bessel Kok stieg auf der Karriereleiter auf und war zwischen 1986 und 1992 Chief Executive Officer (CEO).

Koks Kuh als Tiger-Imitation:
Die Eurotel-Cow-Parade für Sponsoren in Prag

Parallel zu seiner Managementkarriere hatte Kok sich als Organisator großer Schachturniere einen Namen gemacht. Er organisierte das elitäre S.W.I.F.T. Schachturnier in Belgien, später die Eurotel World Chess Trophy in Prag und war als Veranstalter dieser Großturniere mit den Großen der Schachwelt bekannt. Als einer der vielen öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen inszenierte er in Prag die die Eurotel-Cow-Parade: Von Sponsoren-Firmen bunt bemalte Gips-Rindviecher wurden in der Innenstadt als Blickfang aufgestellt - Bessel Kok als Ober-Cowboy.

Mit seinem beruflichen Wechsel zunächst an die Spitze der staatlichen belgischen Telefongesellschaft BELGACOM und später an die Spitze der tschechischen Cesky Telecom vollzog Bessel Kok auch einen Ortswechsel nach Prag. Mit diesem beruflich bedingten Umzug wanderten auch seine Sponsoren-Aktivitäten und die Organisation von Schachturnieren mit und fortan sollte das Eurotel-Schachturnier für Schlagzeilen sorgen.

Auch hinter den Kulissen war Bessel Kok als Schachmacher aktiv: so gründete er die Online World Chess B.V. und auch mit Garry Kasparov zusammen die GMA.

     Деньги Денег Денег

Mittlerweile hatte sich in der Schachwelt auch einiges getan. Nach dem Gewinn der Schachweltmeisterschaft  1985 gegen Karpov hatte der überragende Garry Kasparov sich mit der FIDE überworfen und organisierte seinen eigenen Schachweltverband PCA ("Professional Chessplayers Association"). Die Absicht war klar: Der nächste Weltmeisterschaftskampf gegen den Herausforderer Nigel Short sollte in Eigenregie der PCA zwecks Gewinnmaximierung vermarktet werden und die Zeitung "Times of London" unterstützte als Sponsor dieses Match mit $ 2,5 Millionen. Dieses Ansinnen trieb fortan eine tiefe Kluft zwischen der FIDE und dem besten Schachspieler der damaligen Zeit wie weiland die Glaubenskriege der Hussiten in Böhmen und Mähren oder der Glaubenskrieg, der als 30jähriger Krieg die Geschichte Deutschlands nachhaltig beeinflußte.

Die Weltorganisation FIDE reagierte auf die Gründung der PCA und strich die Abtrünnigen Kasparov und Short kurzerhand aus der Weltrangliste. Nach weltweiten Protesten wurde die Streichung zurückgenommen. Doch die Gründung der PCA war nicht die erste Separatisten-Bewergung, die gegen die FIDE gerichtet war. Bereits im Jahre 1986 gründeten Kasparov und Bessel Kok die GMA ("Grandmaster Association"), die eine beeindruckende Grand-Prix-Turnier-Serie mit den höchstens jemals bezahlten Preisgeldern in der Geschichte des Schachs auslobte. Nach einem Disput zwischen Kasparov und Kok fiel die GMA auseinander - mit weitreichenden Konsequenzen für das professionelle Schach.

I work all night, I work all day
To pay the bills I have to pay
Ain't it sad.
And still there never seems to be
 A single penny left for me
That's too bad.
In my dreams I have a plan
If I got me a wealthy man,
I wouldn't have to work at all,
I'd fool around and have a ball...

Money, money, money.
Must be funny,
In the rich man's world
Money, money, money.
Always sunny,
 In the rich man's world
Aha-ahaaa,
All the things I could do.
If I had a little money.
It's a rich man's world.

ABBAs Credo "Money, Money, Money"
>>>hier hören

Die Schachprofis nahmen einen weiteren Anlauf, ihre Probleme und ihre Zusammenarbeit mit der FIDE in den Griff zu bekommen - eine weitere Vereinigung wurde gegründet, die ACP (Association of Chess Professionals) unter der Führung von GM Joel Lautier. Und Lautier nahm bei seiner Stellungnahme zu den Wiedervereinigungsplänen kein Blatt vor den Mund:

"Schach-Wettkämpfe für die Wiedervereinigung wurden durch die FIDE wiederholt angekündigt und dann wieder abgesagt. Das Endergebnis ist ein Witz. Der offizielle FIDE-Weltmeister Ruslan Ponomariov bekommt nun ein Angebot, in der ersten Runde der Herausforderungsserie sich zu qualifizieren während sein Herausforderer Garry Kasparov erst im grossen Finale gegen den Sieger der Qualifizierung antritt. Nicht einmal in der skandalösen Box-Welt sieht man solche absurden Situationen, bei denen der Titelträger sich vorher qualifizieren muß um dann später gegen seinen Herausforderer anzutreten."

Auch Garry Kasparov kritisierte FIDE indem er später den Qualifizierungsmodus in Frage stellte:

 "FIDE disqualifizierte Bobby Fischer und Kasparov, aber sie stolperten mit Ponomariov durch einen Hürdenlauf von fünf Fristenverlängerungen  in sechs Monaten, ohne Ergebnis. Dies führte nicht einmal dazu, dass die FIDE Ponomariov den WM-Titel aberkannte. Die Unfähigkeit  Ponomariov zu disqualifizieren zeigt die ganze Misere des derzeitigen organisierten Schachs".

Die Interessenlage der professionellen Schachspieler richtete sich nicht nach dem FIDE-Grundsatz "Gens Una Sumus" oder gar dem offiziellen Leitsatz aller Schachverbände und Vereine zur Förderung des Schachspiels - sondern etwas anderes war der gemeinsame Nenner und die Motivation der handelnden Personen. Es geht wie so oft um den schnöden Mammon, so wie es  von der schwedischen POP-Gruppe ABBA besungen wurde ("Money, Money, Money"). Und auch der zweite ABBA-Lehrsatz (russisch: "Победитель берет все это" oder amerikanisch: "The Winner takes it all") wurde liebend gern von professionellen Schachspielern der modernen Zeit umgesetzt. Bei bedeutenden Schach-Zweikämpfen wie etwa Weltmeisterschaften, modifizierten sie diesen Grundsatz nach einer Hedging-Strategie, die im neudeutschen Management-Jargon als "Win-Win-Situation" umschrieben wird. Demnach billigten sie dem Verlierer eines Zweikampfes auch schon mal einen Teil des üppigen Preisfonds zu - man könnte ja vielleicht auch einmal auf der Verliererstrasse enden.

Die Zentrifugalkräfte der Schachprofis mit ihren Absetzbewegungen schwächte den Einfluß der FIDE - und Bessel Kok hatte als Strippenzieher hinter den Kulissen eine echte Herausforderung gefunden. Er versuchte die stark zersplitterte Schachwelt wieder über einen gemeinsamen Weltmeister zu einigen und als Ergebnis präsentierte er das K&K-Konzept (Kasparov und Kok) für ein "Wiedervereinigungs-Modus".

Bessel Kok überragt sie alle: Vor dem Prager Zofin-Palast präsentiert er der Öffentlichkeit stolz die vereinigte Schachwelt und die "5K's": Kramnik, Kirsan Ilyumzhinov, Kasparov, Karpov, Kok (stehend) GM Vishy Anand überragt sie alle: er gewinnt das Eurotel-Turnier 2002 in Prag und bleibt trotzdem vom WM-Qualifikations-Modus ausgeschlossen.

Das Eurotel-Schachturnier in Prag im Jahre 2002 war der gebührende Rahmen, um in einer publizistisch hervorragend vorbereiteten Kampagne ebenfalls den "Prager Wiedervereinigungsplan" zu präsentieren und als Vertrag von den handelnden Personen unterschreiben zu lassen: Die Gruppe der 5K wurde geboren: Kasparov, Kramnik, Kok, Karpov und FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov standen im Rampenlicht, als die feierliche Unterzeichnung zelebriert wurde.

Lückenhafter Plan, chaotische Realisierung: die Hälfte (*)der TOP-20 Weltranglistenspieler blieben vom Qualifikationsmodus ausgeschlossen

So genial die Anbahnung hinter den Kulissen eingefädelt wurde und die unterschiedlichen Interessenlage der Beteiligten zusammengeführt wurden, so eklatant waren die Schwächen des Plans und die Schwierigkeiten der Umsetzung.

Der Friedensvertrag wird unterschrieben

Hinter dem Plan konnte die besondere Interessenlage kaum kaschiert werden. Der punktstärkste Schachspieler der Welt, Garry Kasparov, hatte zuvor in einem offiziellen Match im November 2000 in London seinen  WM-Titel gegen Wladimir Kramnik verloren, trotzdem wurden Kasparovs Interessen (siehe Полифонические мелодии) allen anderen untergeordnet.

Der Abtrünnige sollte wie der biblische verlorene Sohn eben wieder in den Schoß der FIDE-Familie zurückkehren.

Die Hälfte der damals aktuellen Weltspitze  (siehe Spieler der obigen FIDE-Tabelle in Fettdruck) im Schach wurde in dem ausgetüftelten Qualifikations-Schema nicht berücksichtigt, und so dauert das Schisma der Schachweltspitze auch heute noch an.

      Расстроенный Каспаров добавляет полотенце

Mit der Unterzeichnung des Prager Wiedervereinigungsabkommen glaubten sich die Schachspieler und Schachmacher am Ziel ihrer Wünsche angekommen. Doch von diesem publizistischen Gipfel folgte alsbald der Abstieg: die geplanten Weltmeisterschafts-Kandidaten-Duelle wurden mehrfach verschoben, vertragliche Zusagen nicht eingehalten, Sponsoren sprangen ab und Termine wurden verschoben. Alles also "business as usual" aus Sicht der FIDE. Und so war es die lange aufgeschobene Frust bei Garry Kasparov, der dann gestern (18. Januar 2005) dem Wiedervereinigungsplan den dritten "Prager Fenstersturz" bescherte:

"Im Jahr 2002 vereinbarte ich mit FIDE in Prag die Vereinigung des Schachweltmeisters. Während der letzten zweieinhalb Jahre wurden diese Qualifikationsmatches viermal fest eingeplant und jedes Mal wurden die festen Termine verschoben und die verbindlichen finanziellen Zusagen ignoriert. Vier Mal habe ich meine schachliche Lebensplanung darauf eingerichtet. Gestern habe ich nun die Verhandlungen gestoppt. (...) Im Jahr 2002 träumte ich von einem legitimen Weg den Titelkampf wieder zu beleben und den wirklichen Weltmeistertitel zurück zu gewinnen. Dies scheint nun nicht mehr möglich zu sein. (...) FIDE hat bewiesen, dass diese Organisation unfähig für diese Aufgabe ist, während andere Beteiligte unwillig sind."

Auch Wladimir Kramnik äußert sich in einem Interview in 2004 zum Prager Wiedervereinigungsplan:

Die Vereinbarung von Prag wurde einfach von der FIDE nicht eingehalten, nicht ein einziger Punkt. Sie unterschrieben den Vertrag und haben ihn sofort komplett vergessen. Im Vertrag wurde eine komplette neue Struktur des Welt-Schachs formuliert. Der Punkt war: es gibt eine neue Organisation mit Bessel Kok. FIDE hat tatsächlich die Weltmeisterschaft aufgegeben. Sie sagten, daß FIDE diese nicht mehr organisieren wolle und daß die Gruppe von ehrwürdigen Personen diese nun organisieren. Wir werden unseren Namen dazu geben und etwas Geld dafür bekommen. Es war eine komplette Reorganisation des Welt-Schachs, dies war der grundlegende Gedanke. Am nächsten Tag war alles vergessen. Ich weiß, daß Bessel Kok am nächsten Tag einfach rausgeschmissen wurde. Das ganze war nur ein Trick, sie wollten nur ein paar Ziele erreichen, alle beide: Ilyumzhinov und Kasparov. (Das Interview wurde in New in Chess im August 2004 veröffentlicht und bei Chessbase nachgedruckt). 

     Alice im Wunderland

Kurz nach dem vermeintlichen Friedensvertrag im Schach in 2002 begann auch die berufliche Fortüne von Bessel Kok sich zu wenden. Die Politik in der Tschechischen  Republik nahm immer stärker Einfluß auf die Geschicke des Telefonunternehmens. Kok verlor seine Führungspositionen bei den tschechischen Telefongesellschaften und zog sich nach Disputen und Enttäuschungen auch aus der Schachwelt zurück.

In einem Interview mit der Zeitschrift "The Prague Tribune" im November 2000 wurde Schachmacher und Manager Kok danach gefragt, wie er gerne in Erinnerung bleiben würde. "Ein bißchen wie die Cheshire-Katze aus der Fabel Alice im Wunderland". In dieser Fabel sitzt die Katze auf einem Ast und antwortet Alice auf ihre Frage, sie sei vollkommen verloren und wüßte nicht, wohin sie gehen sollte: "Wenn Du nicht weißt wohin du gehen willst, wird dich jeder Weg ans Ziel bringen". Und dann offenbarte er sein Management-Credo: "Ich mag gerne etwas erreichen, das vom Publikum nicht unmittelbar als ein Weg in die richtige Richtung gedeutet wird. Führung durch Geheimnisse - das ist etwas, was mir gefällt".

Bessel Kok: Management by Mystery

 

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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