Nachrichten Zu Tode betrübt - Himmel hoch jauchzend! Alle Bundesliga-Favoriten patzen - oder ist nur ein Stück Normalität eingetreten
20.11.2006 - Der graue alte Wolf der Bundesliga, der Porzer Mäzen Wilfried Hilgert, hatte sich die erste Heimvorstellung seiner Truppe noch viel erfolgreicher vorgestellt: den Neulingen aus Remagen und Bann gehörigen Respekt abverlangen und dem jungen Powerteam aus Baden-Baden in die Suppe spucken. Letzteres gelang wieder einmal nicht ganz unverdient und verschaffte dem Porzer Fuchs mehr als nur Genugtuung für den verpatzten Auftakt am Freitag gegen den Nachbarn aus Remagen. Der amtierende Meister aus Baden-Baden muss sich endlich an die Rolle des ständig Gejagten gewöhnen und die Meisterrolle á la "Bayern München" positiv annehmen, auch wenn man ohne die Superstars Anand und Svidler spielen muss - oder sogar einmal einen "Grand ohne Vier" zu spielen hat. Am Sonntag gegen Neuling Remagen zeigte dann das Team von der Oos wirklich Charakter und kam sehr nah an das Leistungsoptimum heran.
Am Freitagabend verließ der Porzer Mäzen Wifried Hilgert im Sturmschritt den Ort des Grauens im Sportzentrum "Wahn", ganz ohne Gruß. Gerade hatte seine Truppe unter der Leitung von Mannschaftsführer Georg Hinz dem Neuling Remagen Tribut zollen müssen - 3:5 hieß es am Ende für das Team von der Ahr und der Mannschaftsführer Peter Noras konnte ein breites Grinsen nicht ganz verbergen, denn seine Mannschaft hatte den hohen Favoriten Porz auch ohne den eigenen Spitzenspieler Vassily Ivanchuk in Erklärungsnotstand gebracht. Wenige Minuten später kam die Botschaft aus Hamburg: HSK gegen Werder Bremen 6:2. Ja, spinnt den die Schachbundesliga? Wollen denn alle Mitfavoriten gleich am Anfang nachweisen, dass die Bundesliga in der Saison 2006/2007 das langweiligste Turnier von der Welt werden soll - genauso wie die Auguren, die Schachweisen und die "Immerbesserwissenden" es lange vor der 1. Runde prophezeiten? Alles bis dahin war ja noch halbwegs in schöner Ordnung, denn der Geheimtipp auf die Meisterschaft, die Bindlach Aktionäre und der amtierende Meister OSC Baden-Baden marschierten doch! Aber nach den durchaus für Experten nicht überraschenden Niederlagen der Baden-Badener gegen den Erzrivalen aus Porz und den Bindlachern gegen die Kreuzberger war der Status Quo vor der Saison wieder hergestellt - alle Teams fangen quasi wieder von vorne an - ein kollektiver Fehlstart nach nur vier Runden der Favoriten und hohen Favoriten, unfreiwillig publikumswirksam inzeniert mit der Prognose: Spannung pur bis zum letzten Spieltag.
Ein spannendes Bundesliga-Wochenende in Köln-Porz mit tollen Überraschungen!
Das Sportzentrum in Porz-Wahn, Spiellokal und Unterkunft
Außenansicht an einem trüben verregneten Novemberwochenende
Gut beschildert konnte die Wettkampfstätte gefunden und das Porzer Geheimnis entdeckt werden
Die Gastgeber in Köln-Porz: Wilfried Hilgert und Georg Hinz waren am Sonntagabend mit dem Wochende recht zufrieden
Der große Sieger am Freitagabend war das Team aus Remagen. Der symphatische Mannschaftsführer Peter Noras konnte seine Freude darüber nicht ganz verbergen. Die Leistung seines Teams mit dem 5:3 Coup gegen einen der Meisterschaftsfavoriten SG Porz wurde nach dem sicheren 5:3 Sieg gegen den Baden-Badener Reisepartner SC Bann zu einem echten Faustpfand auf den Verbleib in der 1.Bundesliga und ließ zu Recht eine "breite" Brust zum Vorschein kommen.
Mannschaftsführer des SC Remagen: Peter Noras
Das Aufeinandertreffen der Schachgiganten SG Porz und OSC Baden-Baden war hart umkämpft.
Das Baden-Badener Team ging leicht favorisiert in den Wettkampf. Die Gewinnerwartung war rein mathematisch 4,552 Punkte. Auch ohne die in Moskau beim Tal Memorial Blitz spielende Brett 1 und 2 der Kurstädter, Viswanathan Anand und Peter Svidler, sollten die Chancen völlig intakt sein, die angezählten Porzer mit breiter Brust dieses Mal zu besiegen. Vor zwei Jahren musste man an gleicher Stätte Lehrgeld bezahlen mit einer 3,5:4,5 Niederlage im Kampf um die Meisterschaft und Werder Bremen war am Schluss der lachende Dritte. Ein Jahr davor gab es im Stechen um die Meisterschaft in Baden-Baden ein hochdramatisches Finale mit einem überaus glücklichen 4,5:3,5 Sieg der Domstädter. Im letzten Jahr hatte der OSC Baden-Baden keine Probleme das Finale gegen die auf die Meisterschale chancenlosen Porzer mit 6:2 zu gewinnen, zumal die Porzer Truppe das Spitzenbrett Anand gegen Adams kampflos abtrat. Das taktische Geplänkel am Vorabend verbunden mit der sensationellen Niederlage der Hausherren gegen den Aufsteiger Remagen erzeugte abermals eine ganz besondere Stimmung vor dem Wettkampf - allerdings diesmal nicht mit der absoluten Pflicht der Ooser, die Porzer unbedingt schlagen zu müssen, denn die hatten ja schon 2 Minuspunkte und die Bremer hatten auch schon 2 Minuspunkte - was soll da schon passieren?
Diese Konstellation bei wichtigen Kämpfen erzeugt regelmäßig eine schwer zu lösende Aufgabe für den Favoriten, wenn das Team nicht das volle Bewusstsein der eigenen Stärke in sich trägt und nach möglichen Helfern außerhalb des selbst zu beeinflussenden Leistungsbereiches sucht nach dem Motto: "Die Liga ist stärker geworden und deshalb werden sich schon die Mitbewerber um den Meistertitel sich gegenseitig die Punkte wegnehmen". Dies alles kann gut kalkuliert und zutreffend sein, aber für die Vorbereitung auf ein Schlüsselspiel absolut abträglich. Wer möchte schon von vornherein die Favoritenrolle freiwillig haben, aber wenn die Fakten so eindeutig sind, kann man schlecht diese verleugnen, egal mit welchen Argumenten. Konnten die Baden-Badener nach zwei fehlgeschlagenen Anläufen ohne Glück, letztes Jahr die Meisterschaft mit Glück in den Begegnungen mit Tegernsee, Bremen, Mühlheim und Katernberg erringen, so muss man sich doch immer wieder klar machen als fairer Sportsmann, dass die Meisterschaften in den Topbegegnungen letztendlich entschieden werden - in den sogenannten 4-Punkte-Schlachten. Die ganzen Vorschauen der Experten auf die Saison 2006/2007 sagten unisono das Gleiche: da brauchen wir erst garnicht zu spielen, Baden-Baden ist unschlagbar und die Stellvertreterdiskussion über den Einsatz der Ausländer in der Bundesliga begann, um das ehemalige Konzept der Baden-Badener um Sponsor GRENKELEASING AG mit Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Grenke herum einzufordern: regionale, nationale und internationale Spitzenspieler an die Bretter zu bringen. Obwohl sich der OSC Baden-Baden konzeptionell mit Mannschaften in der 1. der 2. und der 3.Liga aufgestellt hat, gelingt es nicht so ohne Weiteres die Breite von regionalen und nationalen Spitzenspieler in der Geschwindigkeit zu erzeugen, um eventuell auch beim Europapokal für Mannschaften erfolgreich zu sein. Hier ist Geduld vom OSC gefordert, systematische und methodische Entwicklung im Schachzentrum Baden-Baden und das Bewusstsein, dass man um Talente bemüht sein sollte, aber jugendliche Reisende nicht aufhalten kann. Der Druck auf das Baden-Badener Team steigt dadurch extern und intern und diese Erwartungshaltung gilt es anzunehmen und zur natürlichsten Sache der Welt zu gestalten.
Zurück zum eigentlichen Wettkampf: beide Mannschaften gingen mit kontrollierter Offensive ans Werk, nur Vallejo-Pons ging seine Kontrahenten Kobalia so ungestüm an, dass keiner so recht wusste, was eigentlich in der Partie los war. Der extra vom Tal Memorial angereiste (müde) Alexei Shirov - echt professionelle Haltung - spielte zum erstenmal mit Weiss Katalanisch gegen Mister Bundesliga, Rafael Vaganian, und stand positionell aussichtsreich. Bacrot hatte eine Qualität eingesackt, aber van Wely trug seine Weißpartie dynamisch vor. Harikrishna, Nisipeanu, Movsesian standen ebenfals gegen ihre Gegner Graf, Timman und van den Doel hoffnungsvoll. Schlosser gegen Kritz und Nielsen gegen Korneev remislich. An allen Bretter wurde gefightet bis Schlosser und Kritz, beziehungsweise Nielsen und Korneev in den Remishafen mündeten. Dem Sieg von Shirov gegen Vaganian standen dann bei der Zeitkontrolle die Niederlagen von Vallejo-Pons gegen Kobalia und Bacrot gegen Van Wely gegenüber. Porz führte 3:2, aber die Baden-Badener hatten zwei kleine Gewinnchancen an den Brettern Movsesian gegen van den Doel und Harikrishna gegen Graf. Nisipeanu gegen Timman. wurde leistungsgerecht bald Remis und die letzten beiden Partien endeten nach Kampf bis zur letzten Patrone auch remis - der Endstand des Wettkampfes war dann 4,5:3,5 für Porz. Ein durchaus gerechter und verdienter Sieg für die Porzer. Ein Quentchen Glück braucht jeder noch so starke Wettkämpfer und dies war eindeutig heute auf der Porzer Seite.
GM Alexei Shirov mit 2 Punkten aus 2 Partien war der Spieler des Wochenendes
Die Baden-Badener GM Etienne Bacrot und GM Francesco Vallejo-Pons waren von Beginn an unter Druck
Die Porzer GM Loek van Wely und GM Mikhail Kobalia machten zwei volle Punkte
Die Baden-Badener Neuzugänge GM Liviu-Dieter Nisipeanu und GM Pentala Harikrishna konnten ihre vorteilhaften Stellungen nicht verwerten.
Am Sonntag hatten die Kurstädter aus Baden-Würtemberg dann den Überraschungstabellenführer SC Remagen zum Gegner. Die Baden-Badener Mannschaft war keineswegs geschockt, wütend oder gar enttäuscht vom Vortag, sondern war glänzend eingestellt von Teamkapitän Sven Noppes und spielte wie ein schweizer Uhrwerk, routiniert, präzise, unaufgeregt und außerordentlich erfolgreich. Am Schluss stand ein 7,5:0,5 zu Buche - vielleicht zwei halbe Punkte zu hoch, aber die können ja auch noch wichtig werden, wie uns die nähere Vergangenheit lehrt. Neuzugang Liviu-Dieter Nisipeanu musste sich mit dem einzigen Remis zufrieden geben. Das Baden-Badener Team ist noch sehr jung und verfügt über außerordentliches Potenzial auch was die Betreuung des Teams durch Teamkapitän Sven Noppes und dem "neunten" Mann, dem Baden Badener Urgewächs GM Fabian Döttling anbetrifft, der für fachkundige Kommentare im Liveticker und bei der Betreuung des ganzen Teams unterstützend wirkt. Seine regelmäßigen und aktuellen Analysen zu den besten Partien des Wochenendes sind absolut lesenswert auf der OSC Baden-Baden / Homepage
Nachdem später dann noch die 5:3 Niederlage der Bindlacher gegen die Kreuzberger bekannt wurde, wurden jedem der verantwortlichen Vereinsstrategen sofort klar, dass trotz aller Turbulenzen und besonderen Geschehnisse im Kampf um die Meisterschaft, eigentlich nichts geschehen ist, außer das einer der Mitfavoriten Werder Bremen schon vier Minuspunkte hat.
Die Aktivposten um das Schachwochende in Köln-Porz
Der "neunte" Mann im Team GM Fabian Döttling (OSC Baden-Baden)
Der charismatische Niederländer Jan Timman (SG Porz)
Einer der jüngsten Bundesligaspieler Falko Bindrich (SC Remagen)
Die starke Frau hinter der neuen Webseite der Schachbundesliga: Irena Vaganian