TopTurniere Schon Dopingverdacht killt die Sponsoren Interview mit Hans-Walter Schmitt zur Fide-WM in Elista
05.10.2006 - Während sich schon unzählige Großmeister und Fans erdrückend klar und öffentlich gegen das Verhalten von Veselin Topalov und Silvio Danailov ausgesprochen haben, bat ich den Vorstandsvorsitzenden der Chess Tigers und Vater der Chess Classic um ein Interview. Zu gerne wollte ich wissen, wie der Veranstalter eines Weltklasseturniers, - welches im Jahr 2000 die Premiere schaffte alle Top-10 Spieler in Bad Soden am Taunus zu vereinigen - über die empörenden Ereignisse bei der Fide-WM denkt. Wem gilt seine Sympathie? Wurde dem Schach neuerlich Schaden zugefügt? Was kann man tun? Wer gewinnt in Elista?
Sie sind ein renommierter Veranstalter und seid 1994 im Geschäft. Was sagen Sie zu dem
Verhalten Ihrer
Kollegen von der FIDE bei der Weltmeisterschaft in Elista?
Sich aus
der Distanz ein Urteil zu bilden, ist immer schwierig, aber wenn man die
Fakten, die Konversation zwischen den Parteien und die Haltung des
eindeutig nicht neutralen Veranstalters FIDE in Elista ansieht, muss
man Folgendes aus Sicht der Fide berücksichtigen:
1. man hat einen
eigenen Weltmeister Veselin Topalov und
2. einen „weißen“,
feindlichen Ritter namens Weltmeister Vladimir Kramnik.
Die Fidegesellen
Makropolus, Azmaiparashvilli, Gijssen, Vega, Kutin und Gasunov sind sich
Ihrer üblen Taten vielleicht gar nicht recht bewusst! Das ist in diesem Teil der
Welt doch leider so Gang und Gäbe mit Bakschisch und Vorteilsnahme im Amt. Der generelle
Fehler ist im Übrigen, dass der Kampf in Elista ausgetragen wird, weil
kein einziger Sponsor zu finden war. Sie hätten in Reykjavik, Berlin,
Paris, London, Madrid, New York, Rio de Janairo oder Sydney spielen
sollen. Wenn Schach wirklich seriös betrieben würde, gäbe es auch große
Sponsoren. Dann wäre die öffentliche Kontrolle durch die Medien und
Gremien ebenfalls viel effektiver.
Aber durch solche Aktionen kommt man doch wieder auf die Titelseiten der
Gazetten z. B.: Wall Street Journal / New York Times – das ist doch
genug Kompensation für das Schach!?
Bad news are good news!
Das wissen alle Zeitungsleute! Ein Mord auf der Schachbühne, haltlose
Beschuldigungen oder gar Verleumdungen, der Veranstalter streckt den
Weltmeister in der Pressekonferenz mit der Faust nieder. Solche Sachen sind nur
temporär interessant für die Presse. Sie bringen letztendlich eine edle
Sportart nur in Verruf, aber eine nachhaltige Verbesserung für eine Sportart
oder gar Marktanteile bringen sie niemals. Dopingverdacht killt alle
Sponsoren!
Was
würde denn stattdessen dem Schach nützen?
Ein ehrlicher Kampf,
gut organisiert, live zu sehen in aller Welt, fair und spannend ohne
jeglichen Verdacht des elektronischen Dopings. Souveräne Veranstalter
mit professionellem Turniermanagement, die unabhängig von jeder
Einflussnahme der Protagonisten sind und jedem Teilnehmer die absolut
gleichen Chancen garantieren. Klare, zeitlich langfristig wirkende
Regeln und kalkulierbare Qualifikations- und WM-Kämpfe. Schach hat
alles, was das Zuschauen spannend machen kann: bekannte Regeln weltweit,
hohes Ansehen bei Laien und Experten, Leistungserbringung unter Zeitdruck,
und, und, und...
Die ersten zwei
Partien waren Werbung für das Schach - es kam schon richtig Euphorie in
den Schachklubs auf. Der Kampfgeist unter den Protagonisten, vielzügige
spannende Partien, das Fiebern um den Ausgang des gesamten Wettkampfes.
Der von allen Schachfreunden geliebte oder gar verehrte Kämpfer Topalov
mit seinem fantasievollen modernen Schach wurde ausgekontert von einem
staubtrockenen Positionsspieler. Kramnik spielt die Wahrheit, kein
Trickschach, keine Schnörkel, keine Show für die Galerie, nur klares,
geradliniges und auf Erfolg getrimmtes, rationales Schach.
Wieso ist schon allein der Verdacht des Dopings / Betruges so ein
schlimmes Gift für das Schach?
Die FIDE hat sich
jahrelang, um physikalisch wirkendes Doping gekümmert - mit zuviel
Kaffee und Tee, Beta-Blockern, EPO, Anabolika und noch anderen Dingen,
die im körperlichen Sport leistungsfördernd sind, aber im Denksport
Schach überhaupt nichts bringen. Auf das elektronische Doping beim
7-Stunden-Schach haben Sie überhaupt keinen Wert gelegt, außer die
Handybenutzer unter Generalverdacht zu stellen. Dieser Wettkampf stellt
den ganzen Turnierschachsport unter Generalverdacht, egal ob Open,
Mannschaftskämpfe, Klubmeisterschaften. Überall, wo Leute von Ihrem
Brett aufstehen und sich unbeaufsichtigt bewegen können, wird die
Vermutung, dass sie betrügen linear steigen mit der Güte und der
Fehlerlosigkeit ihrer Partie. Dies ist absolut fatal und schreckt
Geldgeber ab! Die wollen Geld investieren für sauberen, aufregenden und
spannenden Sport, für Sport, bei dem der Ausgang des Wettbewerbs völlig
offen ist. Was das Team Topalov als psychologische Waffe benutzt hat, um Kramnik aus
der Fassung zu bringen, wird einem Bumerang gleich kommen.
Wie
könnte das aussehen mit dem Bumerang?
Für das Team Topalov:
Beispielsweise könnte ein Expertenteam einmal untersuchen, wie ein
jahrelang im Turniergeschäft tätiger Spieler plötzlich im gesetzten
Alter von 30 Jahren nicht mehr eine Leistung von 2730 - 2740 bringt,
sondern konstant über 2800 spielt - mit unglaublichen Serien von Siegen
in San Luis, Morelia / Linares und Sofia. Bei den Schnellschachturnieren
in Leon und Monaco spielt er nur wie ein mittelmässiger 2700er und in
Mainz gegen Anand tritt er erst gar nicht an. Für die Schachwelt ist der
fortwährende Niedergang der Sponsorfreundlichkeit zu erwarten.
"Die einzigen Maßnahmen, die helfen sind, den Gegner an der Basis zu entzaubern."
Was
kann man tun, um diesen Trend umzukehren?
Aufklären und
konsequente Maßnahmen ergreifen. In Turnieren prophylaktisch tätig
werden. Wer beim Betrügen erwischt wird, erhält für mindestens zwei
Jahre eine weltweite Sperre und kommt auf eine Liste. Die zweite
Variante ist, „schneller“ zu spielen, und die dritte Variante ist, alle
Vorbereitungen mit Chess960 auszuhebeln – diese Art Schach zu spielen,
wird schneller kommen, als heute noch viele glauben möchten.
Aber was macht man mit dem Team Topalov, welches offensichtlich die Mittel
der Diskreditierung und Verleumdung benutzt, um den russischen
Weltmeister Vladimir Kramnik aus der Fassung zu bringen - mit Erfolg übrigens.
Einen Punkt haben sie Kramnik bereits gestohlen, also scheint die
Methode zu greifen...
Okay, der
Attackierende ist erstmal im Vorteil, er besitzt das
Überraschungsmoment. Aber nur so lange, bis die Gegenseite die richtigen
Maßnahmen gefunden hat. Die einzigen Maßnahmen, die helfen sind, den
Gegner an der Basis zu entzaubern. Mit klaren, juristischen und
praktischen Maßnahmen oder ihm einfach die Maske vom Gesicht reißen. Oft
ist es auch so, dass sich diese Leute selbst entzaubern.
Der Prozess der
Entzauberung hat ja mit dem Solidarprinzip der Internetbenutzer und der
Kollegen Großmeister schon eingesetzt. 100 Großmeister auf Kramniks
Seite, dagegen keiner auf Topalovs Seite. Veselin Topalov hat viel von
seinen Sympathiewerten eingebüsst und wird sie nie wieder
zurückgewinnen. Sollten aber seine Behauptungen richtig sein, ist
Vladimir Kramnik erledigt und sollte auf Lebenszeit gesperrt werden. Ich
stehe allerdings nach der Faktenlage eindeutig auf Kramniks Seite.
…
das kann doch noch nicht alles sein! Als internationaler Veranstalter
hat man doch auch Macht?
Das ist ein sehr
präziser Einwand. Ja, die Veranstalter in Wijk aan Zee, Morelia /
Linares, Monaco, Dortmund, Mainz und Korsika könnten dem Team Topalov
einen lauten Protest oder auch nur einen stillen Boykott androhen, wenn er
nicht sofort diese haltlosen Beschuldigungen und diese Faxen einstellt.
Eine zweijährige Nichteinladung zu den Turnieren würde ihn
wahrscheinlich an seiner empfindlichsten Stelle treffen – am Geldbeutel.
Außerdem könnten einige seiner Kollegen aus der Top 10 das von Silvio
Danailov organisierte Turnier in Sofia boykottieren.
Wer
gewinnt in Elista?
Der Attackierende oder der
wie eine falsche Schlange Agierende ist eindeutig im Vorteil - also
Topalov! Der haltlos beschuldigte und bestohlene Spieler ist in einem
riesigen Dilemma und wird normaler Weise verlieren. Der "Gutmensch" unterliegt oft dem "Teufel" und seinen Tricks - hier gibt es oft keine kurzfristige Gerechtigkeit, aber nach einiger zeitlicher Distanz reguliert sich das wieder zu Gunsten des besseren Spielers. Ich stehe auf der
Seite Kramniks, ich hoffe und bete, aber ich befürchte das Topalov jetzt die besseren Karten hat und Danailov nachher mit seiner diffizilen Taktik und
schäbigen Machenschaften als großer Stratege dasteht und prahlt.
Was
hätten Sie als Manager von Kramnik nach der fünften Partie beim Stand
von 3:2 gemacht?
Wahrscheinlich kann das Team Kramnik aus juristischen Gründen, Verträge, Sanktionen, Schadensersatzansprüche, etc. nicht anders handeln, ich hätte trotzdem alle sieben Sachen gepackt und wäre mit einer 3:1 Führung abgereist. Vor diesem abgekarteten Spiel hätte ich meinen Weltmeister geschützt und mit Ihm und seinen Freunden versucht eine westliche Opposition aufzubauen mit einem Wettbewerber für die FIDE. Fatal würde ich es jetzt zusätzlich empfinden, wenn das bulgarisches Kaissa-Management (Danailov) auch noch den Grand Prix der klassischen westlichen Turniere Corus & Linares unter seine Fuchtel bekommt.
Vielen Dank für das
Gespräch!
Das Interview führte Mike Rosa
mit Hans-Walter Schmitt (Vorstandsvorsitzender Chess Tigers / Cheforganisator
Chess Classic Mainz)