TopTurniere Adee, Biel! Carlsen und Radjabov teilen Platz 2
03.08.2006 - Als Turniersieger stand Alexander Morozevich bereits eine Runde vor Schluß fest, so daß sich heute nur die Frage stellte, was der Rest der jungen Rasselband noch auf Lager hatte, um die Schachfans zu verwöhnen. Teimour Radjabov sah früh ein, dass er Morozevich nicht in Versuchung führen sollte und bot nach 10 Zügen das Remis an, doch dafür gaben sich die übrigen Vier alle Mühe, noch mal an ihrem Ergebnis zu feilen. So schlug zuerst Yannick Pelletier überraschend deutlich Andrei Volokitin und Magnus Carlsen zog nach, indem er Lazaro Bruzon dessen fünfte Niederlage beifügte. Carlsen und Radjabov teilen sich somit den zweiten Platz mit einem respektablen Abstand von 2 Punkten zu Volokitin und Pelletier. Abgeschlagen muss sich Bruzon mit der roten Laterne begnügen.
Seinen besten Auftritt bei diesem Turnier hatte sich Yannick
Pelletier für die letzte Runde aufgehoben. Mit scheinbar leichter Hand
fegte der Schweizer seinen Gegner Andrei Volokitin vom Brett. Anders
kann man es schon fast nicht mehr beschreiben, was sich in dieser Partie
abspielte. Nach 22 Zügen war der Ukrainer bankrott und hatte nur noch
entfernt Schwindelchancen, die Pelletier aber souverän vermied. So kommt
er abschließend noch zu einem kleinen ELO-Plus, das er sich vor dem
Turnier bestimmt als Minimalziel gesetzte hatte, da er schließlich der
Letzte der Ratingliste war. Unzufrieden dürfte Andrei Volokitin sein.
Der Vorjahressieger war zu keiner Zeit in der Lage, seinen Titel würdig
zu verteidigen, doch zumindest hatte er seine ELO halbwegs gehalten. Die
Niederlage gegen Pelletier jedoch kostet ihn in der Gesamtabrechnung 8
Punkte, die erst einmal wieder gewonnen werden wollen.
Ganze 10 Züge lang beschäftigten sich Teimour Radjabov und Alexander
Morozevich in ihrer Partie miteinander, dann war das bereits erwartete
Remis besiegelte Sache. Morozevich siegt daher mit einem deutlichen
Vorsprung von 1,5 Punkten vor dem Feld, sichert sich ein
beachtliches ELO-Plus und schickt sich an, Platz 4 in der Weltrangliste
einzunehmen. Teimour Radjabov hat sich entsprechend seiner zunehmenden
Spielstärke keinesfalls unter Wert verkauft, doch den ganz großen Wurf
konnte er nicht landen. Zu sehr auf Sicherheit bedacht war er in manch
entscheidender Situation. Beide Helden werden wir im August beim
nächsten Top-Event, den Chess Classic in Mainz, wieder sehen. Radjabov
wird den Gang in die Höhle des Tigers wagen und sich mit Vishy Anand in
seinem Wohnzimmer auf der Bühne der Mainzer Rheingoldhalle messen. Das
hat er selbst so gewollt, wie er nach seinem Sieg im ORDIX Open der
letzten Chess Classic verkündete, doch dafür wird er definitiv noch eine
Schaufel Kohlen nachlegen müssen. Mit einer Portion durchaus gesundem
Neid wird sich Alexander Morozevich das Ganze in Mainz live ansehen und
vielleicht eine Spur mehr zum Inder halten. Zu gerne hätte er Radjas
Platz eingenommen und jeder weiß, dass er Vishy einen heißen Tanz bieten
könnte. Aber es kann halt immer nur einer gegen den Tiger von Madras antreten. Ganz Sportsmann wird
er dennoch nicht aufgeben und auch in diesem Jahr die harten Open in
Mainz spielen. Vielleicht auch, um sich für die Chess Classic 2007 zu
bewerben!? However, the Chess Tigers are watching you, Moro! ;-)
Magnus Carlsen - Lazaro Bruzon 1-0
Viel hatte sich Magnus Carlsen für Biel vorgenommen und er darf und
sollte zufrieden sein mit seiner Leistung. Klar schmeckt ein Turniersieg
immer besser, doch dass an Morozevich in diesem Turnier kein
Vorbeikommen war, weiß keiner besser als er selbst. Er fügte dem Russen
dessen beiden einzigen Niederlagen bei und musste jeweils zusehen, wie
dieser sich danach völlig unbeeindruckt an den anderen Kollegen bitter
dafür rächte. Doch mit dem Sieg im Minimatch und der heutigen
Glanzleistung gegen Lazaro Bruzon hat Magnus Carlsen deutlich beweisen,
dass er sich im Kreis der erweiterten Weltspitze behaupten kann und noch
unendliches Potential für mehr hat. Satte 3,5 Zähler hinter ihm auf dem
letzten Platz wird sich Lazaro Bruzon dagegen alles andere als gut
fühlen. Ihm wollte aber auch einfach nichts gelingen und so kam zum
Frust noch die Resignation. Keinen Sieg auf dem Konto und ein Minus von
circa 24 ELO-Punkten sind Strafe genug, so dass sich weitere Kritik
erübrigt. Auch er gehört noch zu den jungen Wilden und wir werden
sicherlich bald schon wieder andere Kost von ihm geboten bekommen.
Abschließend gebührt dem Organisationsteam rund um den Präsidenten
des 39. Internationalen Schachfestivals in Biel, Peter Bohnenblust,
höchste Anerkennung. Während in Dortmund die Elite mit wenigen
Lichtblicken nur Schach zum Weggucken serviert, haben die Young Guns in
der Schweiz mächtig für Furore gesorgt. Nie zuvor habe ich bei einer
Internetübertragung erlebt, dass ein anderes Turnier interessanter war,
als ein parallel laufender Event der Kategorie 19! Ob das wohl an der angenehmen Remisquote von knapp 40% liegt? Auf jeden Fall ist das ein Grund, sich vögeliwohl zu fühlen.