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Borik: Beutels Best
oder wie ein Amateur einen Weltklassespieler an den Rand einer Niederlage gebracht hat
17.07.2006 - Aufsehen erregende Siege von Amateuren gegen Spitzenspieler gibt es hier und da zu sehen, dann erhellen sie das Firmament des Schachuniversums wie eine sterbende Galaxis - der Amateur zehrt von seinem Glanz und verschwindet danach wieder in der Versenkung. Daß solche Niederlagen nicht immer auf das Wohlgefallen des Besiegten stossen, hat beispielsweise Weltmeister Raoul Capablanca bei einem Turnier in seiner Heimatstadt Havanna (Kuba) demonstriert.

OB Jens Beutel, Mainz

Dort stand der kubanische Nationalheld am Rande einer Niederlage - und er ließ den anwesenden Bürgermeister von Havanna ans Brett rufen und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Daraufhin ließ der Bürgermeister als Hausherr der Veranstaltung den gesamten Turniersaal räumen - und erst als niemand mehr anwesend war, gab sich der große Capablanca durch Aufgabe seinem Gegner geschlagen. Er wollte einfach keine Zeugen seiner Niederlage haben.

In der denkwürdigen Partie des Amateurs Jens Beutel gegen die aktuelle Nummer 45 der Weltrangliste, Alexey Dreev (Russland, Elo 2666) wäre fast wieder eine Galaxis gestorben. Doch der Russe Dreev griff tief in die Trickkiste der Profis und versuchte, Jens Beutel "über die Zeit zu heben", was ihm nach 107 Zügen gelang - Beutel wurde ein Opfer der Uhr - als fairer Sportsmann wollte er keine kubanischen Tricks anwenden.

"Mir ist es einfach nur ein Bedürfnis, Beutels beste Leistung (und wirklich eine der besten Leistungen eines Amateurs, die ich je gesehen habe) der Öffentlichkeit zugänglich zu machen" schrieb IM Otto Borik, Chefredakteur des Schachmagazins 64 (http://www.schuenemann-verlag.de/schach-magazin/) als er die Spielkommentare den Chess Tigers zur Veröffentlichung zur Verfügung stellt. Danke Otto Borik, das publizieren wir gerne.

J. Beutel (D/SV Mainz-Mombach) A. Drejew (Russland)

Caro-Kann B 13

1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. Ld3 Sc6 5. c3 Dc7 6. Se2 Lg4 7. h3 Lh5 8. Db3 e6 9. Lf4 Ld6 10. Lxd6 Dxd6 11. Sg3 Lg6 12. Lxg6 hxg6 13. Sd2 Sf6 14. Sf3 Sd7 15. 0–0 0–0–0 16. Tfe1 Kb8 17. a4 Tc8 18. a5 a6 19. Dd1 Ka8 20. Dd2 Dc7 21. b4 Sa7 22. Tac1 Sb5 23. Se2 Sd6 24. Dd3 Dc4 25. Ted1 Dxd3 26. Txd3 Se4 27. Sd2 Sxd2 28. Txd2 Sf6 29. f3 Se8 30. Sf4 Sd6 31. Sd3 g5 32. Sc5 32 Züge sind gespielt worden, und der Weltklassegroßmeister hat gegen den OB keine Spur von Vorteil. Die beiden Springervorposten auf c4 bzw. c5 heben sich in ihrer Wirkung auf. Der Profi versucht in der Folge, den spielstarken Amateur „über die Zeit zu heben“, was ihm im Prinzip letztlich auch gelingt, aber erst im Bereich des 100. Zuges und – nachdem der Topgroßmeister knapp einer Niederlage entrinnen konnte. 32. …Kb8 33. Te2 Th6 34. Te5 Tg6 35. Kf2 Kc7 36. Te2 Kd8 37. Tce1 Tb8 38. Ta2 Ke7 39. Tae2 Th8 40. Tc1 Kd8 41. Sd3 Ke7 42. Sc5 Tf6 43. Tee1 Tf5 44. Sd3 Th4 45. Te5 Txe5 46. Sxe5 Th8 47. Sd3 Kd7 48. Sc5+ Kc6 49. Ke2 Sc4 50. Ta1 Te8 51. Kf2 Sd6 52. Sd3 Kd7 53. Tc1 Ke7 54. Sc5 Tc8 55. Ke2 Tc7 56. Kd2 Sf5 57. Te1 Sh4 58. Te2 Kd6 59. Ke1 Sg6 60. Kf2 Kc6

Hier hätte der OB den „kapitalen Bock“ erlegen können: 61. Sxe6! fxe6 (Oder 61. …Te7 62. Sd8+ Kc7 63. Txe7+ Sxe7 64. Sxf7) 62. Txe6+ Kb5 63. Txg6 mit gewonnenem Endspiel, das wie folgt hätte verlaufen können: 63. …Txc3 (63. …Kc4 64. Td6! Kxc3 65. Txd5 Kxb4 66. Txg5+–) 64. Txg5 Tc7 65. Txd5+ Kxb4 66. h4 Kc4 67. Tc5+ Txc5 68. dxc5 Kxc5 69. f4! b5 70. axb6 Kxb6 71. f5 a5 72. f6 gxf6 73. h5 mit Gewinn. Schade, schade um diese Chance, dies hätte Schlagzeilen gegeben!

61. Tc2 Kb5 62. Ke3 Sf4 63. Sd3 63. h4! mit Bauerngewinn. 63. …Sg6 64. Sc5 Kc4 65. g3 Se7 66. Kf2 Sf5 67. Tc1 Sd6 68. Ke2 Tc8 69. Kd2 Th8 70. Th1 Kb5 71. Kd3 Kc6 72. Th2 Sf5 73. g4 Sh4 74. Ke3 Sg6 75. Sd3 Kd6 76. Sc5 Tb8 77. Sd3 Tc8 78. Sc5 Kc6 79. Kd2 Th8 80. Ke3 Sf4 81. Sd3 Sxd3 81. …Txh3? 82. Txh3 Sxh3 83. Se5+ Kb5 84. Sxf7 Kc4 85. Kd2 nebst Sd6+ wäre schon wieder günstig für Weiß.

82. Kxd3 f6 83. Kd2 e5 84. Kd3 Kd6 85. c4 dxc4+ 86. Kxc4 Tc8+ 87. Kd3 Tc1 88. dxe5+ Kxe5 89. h4 gxh4 90. Txh4 Kf4 91. Th7 Tc7 92. Ke2 Te7+ 93. Kf2 Td7 94. Ke2 Tc7 95. Th5 Kg3 96. Tf5 Te7+ 97. Kd3 Kf2

98. g5? Mit nur noch rund 30 Sekunden auf der Uhr bringt sich Jens Beutel um die Früchte seines großen Kampfs.

IM Otto Borik, Chefredakteur Schachmagazin 64

Dabei ist es reine Glücksache, ob man sich mit wenig Zeit (z. B. im Blitz) für das Aktivieren des Königs oder des Turms entscheidet, die Chancen stehen 50:50. Mit 98. Kd4 Te3 99. Kc5 war immer noch ein Remis möglich, z. B. 99. …Te6 (99. …Txf3? 100. Kb6 und Weiß gewinnt sogar! 99. …Tb3 100. g5 erst jetzt! 100. …Txf3 101. Txf3+ Kxf3 102. gxf6 gxf6 103. Kb6 f5 104. Kxb7 f4 105. b5!, und Weiß wird ein Damenendspiel mit einem Mehrbauern spielen.) 100. Kd5 Te3 101. Kc5 Te6 102. Kd5 remis? 102. …Tc6 103. g5 Ke3 104. gxf6 gxf6 105. Th5 Kxf3 (105. …Tc7 106. Tf5 Tc6 107. Th5 remis) 106. Th7 f5 107. Txb7 Tc8 108. b5 mit Remis. 98. …fxg5 99. Txg5 Kxf3 100. Tf5+ Kg4 101. Tf1 g5 102. Kd4 Kh3 103. Kc5 g4 104. Th1+ Kg2 105. Th6 g3 106. Tg6 Tf7 107. b5 Kf2 0:1

Ungeachtet des versäumten Gewinns und der weggeworfenen Punktteilung war dies einer der größten Kämpfe, die wir von einem Amateur gegen einen Weltklasseprofi gesehen haben.
Otto Borik, Chefredakteur Schachmagazin64.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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