Nachrichten Das Drama des Favoriten Wenn das Brett brennt
06.01.2005 - Im Sport kommt es gelegentlich zu recht ungleichen Paarungen und zu Recht spricht das Publikum dann von Favoriten und Aussenseitern. Gelingt es dann einem Aussenseiter, entgegen allen Erwartungen einen Sieg über den Favoriten zu landen, heben die Sportexperten die Augenbrauen und nehmen mit Verwunderung das Ergebnis zu Kenntnis. In solchen seltenen Momenten werden Legenden geschaffen – eine willkommene Abwechslung im sportlichen Einerlei der Seriensieger.
Daran erinnern Überraschungen wie weiland der
sensationelle Sieg im Boxkampf von Max Schmeling über Joe Louis oder das
Wunder von Bern anno 1954. Auch im Schach gibt es gelegentlich
unerwartete Überraschungen. Unvergessen ist der überraschende Sieg von
Bobby Fischer im WM-Match gegen Boris Spassky 1972 in Reykjavik.
In einer sehenswerten Partie des
Internationalen Smartfish Schachturniers in Drammen (Norwegen) 2005 ereignete sich
eine Situation, als Weiß einen Turm einstehen liess – nur um den
spielentscheidenden Angriff am Königsflügel konsequent fortsetzen zu
können. (Siehe Diagramm unten).
Schwarz leistete sich im weiteren Verlauf einen
sub-optimalen Verteidigungszug. GM Artur Jussupow hatte im
Live-Kommentar just über diesen Spieler in einer anderen Partie
anlässlich der Chess Classic Mainz 2004 geäussert: „Wenn jetzt Schwarz
nicht die Drohung sieht und trotzdem den Figurenaustausch annimmt, müsste ihn
sein Trainer in den Allerwertesten treten". Jussupow benutzte eine eher
geläufigere umgangssprachliche anatomische Bezeichnung – hier sei die
jugendfreie Umschreibung wiedergegeben.
Position nach 28. ...cxd4.
Quelle: Chessbase.com
Im weiteren Verlauf gelang es dann dem Spieler mit
den weißen Figuren trotz Zeitnot, Schwarz im 38. Zug zur Aufgabe zu
zwingen – so überzeugend war sein Angriff am Königsflügel vorgetragen
worden. Weiß zeigte sich in der anschliessenden Pressekonferenz
erleichtert, Schwarz zeigte sich überhaupt nicht erst vor Presse und
Publikum.
Übrigens: mit Weiß spielte GM Magnus
Carlsen, schon mit 14 Jahren als „Wunderkind“ hochgelobt und mit einer ELO-Zahl von 2553 noch nicht unter den Top-100 der Weltrangliste. Mit
Schwarz spielte die momentane Nummer 10 der Weltrangliste, Super-GM
Alexij Shirov („Fire on the Board“) ELO-Zahl 2713.