Nachrichten M-Tel: Weltklasse-Schach oder die synchrone Ästhetik
19.05.2006 - 19:15 Uhr/ In einigen Sportarten ist die Ästhetik und ein synchroner Bewegungsablauf das Non Plus Ultra - Punktrichter bewerten diese Präzision und auch Zuschauer ergötzen sich daran. Davon können Eiskunstpaarläufer, Synchronschwimmerinnen oder Synchronkunstspringer vom 10-Meter Turm ein Lied davon singen. Auch die Schachtheorie kennt einige symmetrische Eröffnungen, doch werden beispielsweise nach den Analysen des englischen Großmeisters Tony Kosten der Symmetrische Variante in der Englischen Eröffnung lediglich Remis-Chancen zugestanden. Ein ganz anderes Novum leistete sich die Weltspitze im Schach in der 8. Runde des M-Tel-Turniers in Sofia, von Insidern gerne als Zweikampf OSC Baden-Baden gegen den Rest der Welt tituliert - die sechs Kontrahenten begannen ihre drei Partien alle mit der Ruy Lopez Eröffnung und einer schön synchronen Zugfolge.
GM Peter Svidler demonstrierte gegen seinen Klubkamerad vom OSC-Baden-Baden
Etienne Bacrot die fliessende Abfolge der Spanischen Eröffnung - um dann
im 37. Zug den Arbeitstag mit einem Remis ausklingen zu lassen.
Weltmeister Topalov wählte in seiner Partie gegen Ponomariov ebenfalls die
ästhetische Synchronität in der Spanischen Eröffnung. Beide nutzten wie die Kontrahenten Svidler und Bacrot am Nachbar-Tisch identische Zugfolgen, ehe sich Ponomariov im 12. Zug für eine Abweichung entschied. In
einer spannungsgeladenen Partie leiteten die Kontrahenten in ein zähes
Endspiel ein, hier behielt Weltmeister Topalov gegen den bis zum bitteren
Ende kämpfenden Ponomariov die Nase vorn: 1:0 für Topalov, den Lokalmatador und
Volkshelden in Bulgarien.
Auch im vielleicht vorentscheidenden Match um Turniersieg und
Tabellenführung, das überraschenderweise der derzeitige Tabellenführer Gata Kamsky gegen Vishy Anand
bestritt, sah es kurz nach der synchronen Abfolge im Spanier aus, doch dann
entschied sich Kamsky für die Abtauschvariante und schlug den schwarzen
Läufer auf c6 im 4. Zug.
Ferdinand Niebling, SC Frankfurt-West beim 1.
Chess960-Main-Taunus-Cup in Bad Soden 2005.
Foto: Thomas Schulze Generators Communication
Danach folgten die Kontrahenten den
Hinweis-Schildern auf der Theorie-Autobahn, spielten eine Ruy-Lopez-Nebenvariante, die schon Topalov (mit Schwarz) 1997 beim Madrid
Magistral Turnier gegen GM Alexej Shirov siegreich oder Ferdinand Niebling
vom SC Frankfurt-West 1997 bei den Seniorenmeisterschaften in Potsdam mit
Remis abschliessen konnten.
Als sich nach 30 Zügen endlich der Kanonendonner
des Eröffnungsgemetzels legte, war die Partie Kamski - Anand zum Übergang
ins Endspiel angelangt. Beide Damen waren schon abgetauscht, der
Damenflügel war gesäubert von störenden Bauern, beide Kontrahenten
verfügten noch über ihre Türme. Anand hatte einen Mehrbauer, dafür drohte
Kamsky dank seiner Initiative ein Bauern zu gewinnen.
Doch Kamsky lies
sich in dem Endspiel nicht mehr die Butter vom Brot nehmen, ob Anands
König in der entscheidenden Phase ein paar Schritte zu weit vom Brennpunkt
des Geschehens entfernt war, werden die Analysten sicherlich bald
herausgefunden haben. Am Ende gab es im 39. Zug ein Remis, Kamsky
verteidigte seine führende Position in der Tabelle mit numehr 5,5 Punkten
aus 8 Partien. Anand, der mit einem Paukenschlag von zwei
aufeinanderfolgenden Schwarzsiegen in das Turnier startete, liegt mit 4,5
Punkten aus 8 Partien auf dem zweiten Platz.
Tabelle nach der 8. Runde
Rang
Name (ELO)
Punkte
Leistung
ELO neu
+ / -
1.
Kamsky (2671)
5,5
2895
2695
+24
2.
Anand (2803)
4,5
2776
2800
-3
Topalov (2804)
4,5
2788
2802
-2
4.
Svidler (2743)
4
2747
2743
0
5.
Bacrot (2708)
3
2657
2702
-6
6.
Ponomariov (2738)
2,5
2604
2724
-14
Die ELO-Gewinne und
ELO-Verluste sind nur ungefähre Werte und können von der offiziellen
Auswertung abweichen. ELO-Zahlen Stand: Mai 2006