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Keine Angst vor Titelträgern
Aus der Praxis des Schachtherapeuten
01.01.2005 - Donnerstag, 17 Uhr. Pünktlich auf die Minute erscheint Herr Alfons Meinhard zu unserer ersten Sitzung in meiner Praxis. Er hatte sich schon vor Wochen bei mir angemeldet und bat um ein Gespräch. Während er die schwere Eichentür langsam und vorsichtig schloss, hielt er die metallene Türklinke gedrückt und ließ sie erst wieder hoch, nachdem die Tür den Rahmen leicht berührte. Er begrüßte mich sehr förmlich und ich sah ihm an, dass es ihm auf der einen Seite unangenehm war mich aufzusuchen und dass er auf der anderen Seite froh war, diesen Schritt in Richtung Psychoanalyse und Therapie gemacht zu haben. Während unserer Begrüßung musterte ich ihn flüchtig und erkannte bereits die ganzen Ausmaße seiner Unsicherheit.

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Keine Angst vor Titelträgern

„Herr Meinhard, bitte setzen Sie sich.“ Doch sein verstohlener Blick Richtung Ledercouch ließen mich hinzufügen: „Sie können sich auch gerne auf die Couch legen, wenn Ihnen das angenehmer ist.“

Nickend bewegte sich Herr Meinhard zur Couch und legte sich etwas unbeholfen darauf. Er wusste nämlich nicht wohin mit seinen Händen und so wechselten diese mehrmals die Lage, bis sie zusammengefaltet auf seinem Bauch, ihre Endstation gefunden hatten.

„Herr Meinhard, Sie haben einen sehr schönen Namen!“, fing ich bereits mit meiner Therapie an, ohne dass er es merkte. Irritiert schaute er mich an. Mir war klar, dass ich in ihm einen einsamen Menschen vor mir hatte, der wohl von seinem Vater wenig Liebe erhalten hatte. Der es noch nicht geschafft hatte, eine längere Beziehung zu einer Frau aufzubauen und der selbst kleine Komplimente nicht gewohnt war. Außerdem brachte ich bei ihm gewisse zwischenmenschliche Verhaltensregeln durcheinander, in dem ich als Mann so zu ihm sprach. Er dachte bestimmt, dies sei nur Männern gegenüber Frauen vorbehalten.

„Alfons“, fuhr ich fort, „ist ein romanisierter westgotischer Name und bedeutet soviel wie ‚Tapfer’ und ‚Kämpfer’. Meinhard kommt aus dem althochdeutschen und hat die Bedeutung von ‚fester Macht’.“ Ein Lächeln wich jetzt seinem verunsicherten Gesichtsausdruck. „Auf ihren schönen und bedeutungsvollen Namen können Sie wirklich stolz sein!“

Nach einer kurzen Pause nahm ich das Gespräch wieder auf. „Herr Meinhard, Sie kamen mit einem bestimmten Anliegen zu mir. Möchten Sie mir sagen, um was es sich handelt?“ „Ja. Ich spiele Schach, wie Sie sich sicher denken können und habe es darin auch zu einer passablen Spielstärke gebracht. Auf Open-Turnieren komme ich in letzter Zeit öfters auch gegen Titelträger. Meist sind es FM’s, aber auch IM’s und GM's hatte ich schon als Gegner.“ „Ja“, warf ich ein, „das ist doch bestimmt interessant gegen gute Spieler antreten zu können – oder?“

„Das schon“, antwortete Herr Meinhard, „aber ich fühle mich innerlich so blockiert. Ich denke, die lachen über jeden Zug den ich ausführe, weil sie wissen, dass ich im Vergleich zu ihnen ein Patzer bin.“ „Herr Meinhard, ich habe eine gute Nachricht für Sie.“ „Ja?“, schaute er mich mit großen Augen an.

„Ab heute ist Ihr Problem kein Problem mehr! Sehen Sie, in meine Praxis kommen nicht nur Vereinsspieler wie Sie, sondern auch Internationale Meister und Großmeister. Und raten Sie mit welchem Problem die sich an mich wenden?

„Tut mir leid.“, antwortete er, „Ich weiß nicht...“ „Viele von denen berichten über ihren Druck, Partien gegen Schwächere gewinnen zu müssen. Wie unsicher sie sich dabei fühlen. Wie sie nicht sicher abwägen können, wie weit der Amateur die Varianten berechnen kann. Wie sie oft Spezialeröffnungen vorgesetzt bekommen, in denen sich der vermeintlich Schwächere besser auskennt. Und wie peinlich es sein kann, an einen Amateur seinen Skalp zu verlieren.“

Ich blickt ihn an und riet ihm: “Herr Meinhard, Sie sind der ‚Tapfere’, die ‚feste Macht’ und können gegen die Jungs befreit aufspielen. Sie als Underdog haben nichts zu verlieren – die Titelträger aber alles! Legen Sie los wie die Feuerwehr! Die Großen im Schach kochen doch auch nur mit Wasser und gehen die letzten Meter ebenfalls nur zu Fuß zur Toilette! Spielen Sie in dem Bewusstsein, dass Ihr Gegner Angst hat, mit einem Fehler, selbst wieder zum Patzer zu werden!

Und stellen Sie sich während der Partie den Meister ruhig mal in langen Unterhosen vor.“

Nach dieser Sitzung sah ich Herrn Meinhard in meiner Praxis nie wieder. Dafür erschien sein Bild in einer Schachzeitung, in der es hieß, er habe dem späteren Gewinner des Open’s die einzige Niederlage beigebracht. Schachtherapeut

Manfred Herbold

Published by Gerhard Kenk

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