Nachrichten Wolfgang Unzicker war ein deutscher „Sympathieträger“ Rekordnationalspieler starb mit 80 an Herzversagen / Bester Botschafter des Schachsports
09.05.2006 - Das deutsche Schach trauert um seinen ersten bedeutenden Großmeister nach dem Zweiten Weltkrieg: Rekordnationalspieler Wolfgang Unzicker starb während seines Portugal-Urlaubs am 20. April an Herzversagen. Am 2. Mai wurde der 80-Jährige in seiner Heimatstadt München im Kreise seiner Familie - Gattin Freia, seinen drei Söhnen und deren Ehefrauen sowie drei Enkeln - beigesetzt. Der Freistaat Bayern stellte für die Trauerfeier die Hofkirche der Münchner Residenz zur Verfügung.
Alle kamen zur Unzicker-Gala80:
OB Jens Beutel, Karpov, Unzicker, Kortschnoi, Spassky und
Turnierdirektor Schmitt (von links nach rechts)
Der Präsident des Deutschen
Schachbundes (DSB), Alfred Schlya, würdigte Unzicker als „beliebten
Großmeister und Sympathieträger“.
Der 386fache Nationalspieler
„prägte wie kaum ein anderer das deutsche Schach über viele Jahre und war
neben seinen Erfolgen als mehrfacher deutscher Meister ein halbes
Jahrhundert unter den stärksten und erfolgreichsten Spielern der Republik.
Er wurde zu Recht vielfach ausgezeichnet, war Träger des
Bundesverdienstkreuzes und des Silbernen Lorbeerblattes der Bundesrepublik
Deutschland und der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Schachbundes.
Schachfreund Unzicker war Ehrenmitglied des DSB und außerdem selbst
ehrenamtlich als Bundesrechtsberater für den Dachverband tätig“.
Von 1950 bis 1982 vertrat das
Aushängeschild sein Land stets am ersten und zweiten Brett. Selbst im
hohen Alter war die Schach-Legende aktiv: Bis zum Jahr 2000 sogar noch in
der ersten Bundesliga. Im deutschen Oberhaus ging er für den Münchner SC
1836 und Duisburg ans Brett. Mitglied war der siebenmalige deutsche
Einzelmeister beim SC 1868 Bamberg, beim Polizei-Sportverein Duisburg und
dem SC Tarrasch 1945 München, den Unzicker in seinen letzten
Turnierpartien am ersten Brett in der Oberliga vertrat.
Unzicker-Gala80 2005 in Mainz
Seinen ersten großen
internationalen Erfolg feierte der gebürtige Pirmasenser 1946 in Augsburg.
Zusammen mit Fritz Sämisch wurde Unzicker als erster Deutscher zwei Jahre
danach ins Ausland eingeladen.
In Luzern belegte er auf Anhieb Platz eins.
Zahlreiche Turniersiege folgten. Der Jurist hatte dennoch „nie das Gefühl,
ich sollte Schach-Profi werden: Mir schien es im Westen zu unsicher.
Zweitens wollte ich mein Leben nicht nur dem Schach widmen“.
Den geteilten
ersten Platz mit Boris Spasski in Sotschi 1965, die Siege 1967 in Maribor
und Krems sowie die Olympiade 1964 in Tel Aviv zählte Unzicker zu seinen
„Turnieren, auf die ich stolz bin“.
Vor allem in Israel brillierte er beim
Gewinn der Bronze-Medaille sowie dem 3:1 über die übermächtige
Sowjetunion. 13:5 Einzelpunkte verbuchte der Wahl-Bajuware in Tel Aviv am
Spitzenbrett.
Aber auch den geteilten Rang vier mit Lajos Portisch 1966
beim Piatigorsky-Cup in Santa Monica wertete der pensionierte Richter als
eine seiner herausragenden Stationen. Zwar hinter Boris Spasski, Bobby
Fischer und Bent Larsen, aber, „das war sehr wichtig, vor Weltmeister
Tigran Petrosjan, Samuel Reschewski, Miguel Najdorf, Borislav Ivkov und
Hein Donner“.
Der weltberühmte Cellist Gregor
Piatigorsky, der das Weltklasseturnier organisierte, charakterisierte
Unzicker im Turnierbuch treffend: „Mit gepflegtem Äußeren, frisch rasiert
und passendem Anzug war er der Inbegriff an Ordnung. Das Klacken seiner
Absätze verriet eine unbeugsame Tradition und seine Augen und das Lächeln
die Wärme des Herzens. Während der folgenden Wochen erwarb er sich Respekt
als Person mit vielfältigen Meinungen und hoher Intelligenz. Ich genoss
unsere Unterhaltungen in deutscher Sprache und wünschte, jeder hätte hören
können, was er sagte, um so die Gefühle und Gedanken dieses freundlichen
und kultivierten Mannes zu verstehen.“
Hartmut Metz
Unzicker wusste zahllose Anekdoten
aus seiner Denksport-Karriere zu erzählen. Eine der unterhaltsamsten
betraf ihn selbst: Der Schach-Meister weilte 1951 in Jugoslawien, um
Simultanvorstellungen mit einer Urlaubsreise zu verbinden. Auf dem Heimweg
sollte er nach Ljubljana fahren, um das jugoslawische Team mit nach
Krefeld zu nehmen. Dort stand der erste Länderkampf nach dem Krieg an. Vom
Bahnhof aus wollte der deutsche Nationalspieler im Hotel „Union“ den
ortsansässigen slowenischen Schachverband telefonisch von seinem
Eintreffen in Kenntnis setzen. „Ich bin hier. Mein Name ist Unzicker“, gab
er durch die Leitung. „Wie?“, schallte es zurück, „können Sie das bitte
buchstabieren?“ Wolfgang Unzicker tat, wie ihm geheißen: „U.“ Woraufhin
sich sein Gesprächspartner rückversicherte: „U wie Unzicker?“ „Ich bin
Unzicker!“
Zu den Höhepunkten seiner Duelle
mit den Weltmeistern Max Euwe, Wassili Smyslow, Michail Tal, Tigran
Petrosjan, Boris Spasski, dem 1960 bezwungenen Bobby Fischer, Anatoli
Karpow, Garri Kasparow und Wladimir Kramnik zählte gewiss der Sieg über
Michail Botwinnik. Den Übervater der sowjetischen Schachschule schlug
Unzicker ausgerechnet am 26. Juni 1961 bei der Europameisterschaft in
Oberhausen - gewiss das schönste Geschenk zu seinem 36. Geburtstag
Der Vorsitzende Richter am
Verwaltungsgericht München galt lange Zeit als inoffizieller
„Amateur-Weltmeister“ und nahm an mehreren Kandidatenturnieren teil.
Den
Stellenwert des von allen Schach-Kollegen hochgeschätzten Gentleman bewies
sein letztes Turnier, die „Unzicker Gala 80“: Bei den Chess Classic Mainz
2005 erwiesen die drei Legenden Karpow, Spasski und Viktor Kortschnoi dem
wöchentlichen Schachkolumnisten der „Süddeutschen Zeitung“ die Ehre. Gegen
die zwei Ex-Weltmeister gelangen ihm Remis. Spasski gab nach dem
Jubiläumsturnier seiner Hoffnung den Ausdruck, auch einst noch an einer „Unzicker
Gala 100“ mitwirken zu können.
Dazu kommt es leider nicht mehr.
Unzicker (2.v.r.) beim Training im Jahre 1939
Unzicker - Fischer Schacholympiade Leipzig 1960
Najdorf - Unzicker, Schacholympiade Leipzig
1960
Auf Wiedersehen
GM Wolfgang Unzicker
26. Juni 1925 - 20. April 2006