TopTurniere Magische Anziehungskraft Corus-Turnier in Wijk aan Zee eröffnet die Saison
31.12.2004 - Es gibt wahrlich viele aufregende Flecken auf dieser Erde, die
Berufstouristen anziehen können: Surfer zieht es an den Strand der
Hawaii-Insel Maui, Skifahrer träumen von der Streif in Kitzbühel,
Rallye-Fahrer zieht die Strecke Paris-Dakar in ihren Bann. Was
Schachspieler alljährlich in Europas Kulturdorf Wijk aan Zee zieht,
bleibt für den Betrachter eigentlich unergründlich - um so mehr, wenn
man sich die windigen Januar-Tage an Nordhollands Stränden im
Schneegestöber vorstellt.
Neun
von Zehn
Strandkörbe in Wijk an Zee. (Foto: Fred Triep)
Doch die Weltelite des Schachs - zumindest die meisten davon -
scheint es nicht zu kümmern. Aus Indien kommt GM Vishy Anand, aus Cuba
nimmt mit GM Lazaro Bruzon der letztjährige Gewinner des
Corus-B-Turniers teil und aus dem Baby-Urlaub meldet sich Mama Judit
Polgar wieder im Turnierschach zurück. Somit ist die Weltelite des
Schachs fast vollständig versammelt, die Nummer zwei (Anand), drei (Kramnik),
vier (Morozevich), fünf (Topalov), sechs (Leko), sieben (Adams), acht (Svidler)
und neun( Judit Polgar) sind lückenlos aufgereiht fast wie die
sommerlichen Strandkörbe an den Nordsee-Dünen. Lediglich die Nummer 1,
Gary Kasparov, hat wichtigere Dinge im Terminkalender stehen als in Wijk
aan Zee ans Brett zu gehen.
Anand
Kramnik
Morozevich
Topalov
Leko
Adams
Svidler
Polgar, J.
Ponomariov
Grischuk
Short
van Wely
Sokolov
Bruzon
The Winner
Das
Orakel von Wijk an Zee
Und so gibt es natürlich im Vorfeld des Turnier-Klassikers die
spannenden Fragen: Kann Vorjahressieger Vishy Anand seinen Erfolg
wiederholen und das Corus-Turnier zum dritten mal hintereinander und zum
vierten Mal insgesamt gewinnen? Wie wirkt sich die Spiel- und Baby-Pause
für die stärkste Frau im Männer-Schach aus und kann Judit Polgar als Nummer
neun der Weltrangliste sich im Vergleich mit ihren männlichen
Schachspielern Auge in Auge messen? Und wie wird der kubanische GM Bruzon seine Nerven in den Griff bekommen, wenn er den ganz Großen im
Weltschach gegenübersitzt?
Viswanathan Anand, der Gewinner des Corus-Turniers 2004, stieg mit
seinem dritten Turniersieg in den Elitekreis der Sieger, die das Turnier
jeweils drei Mal gewinnen konnten: Es sind Donner, Geller, Kasparov und
John Nunn. Anands Gewinnrate von 65,4% ist nur geringfügig unter dem
historischen Durchschnitt von 66.2%, mit dem die vergangenen Turniere
gewonnen wurden. In seiner achten Turnierteilnahme in Wijk aan Zee hatte
Anand insgesamt 65 Gewinnpunkte in 104 Spielen gewonnen und eine
Gewinnrate von 62.5% erreicht. Sollte Anand auch in diesem Jahr als
Turniersieger hervorgehen - was angesichts der aufsteigenden Performance
der aktuellen Nummer 2 der FIDE-Rangliste im Bereich des Möglichen
liegt, würde er in den illustren Kreis der Vierfach-Gewinner
aufgenommen. Hier sind Max Euwe (1940, 1942, 1952 und 1958), Portisch
(1965, 1972, 1975, 1978) und Korchnoi (1968, 1971, 1984 und 1987) in den
Annalen verewigt.
Lange Rochade gegen kurze Tsunami
Sturmschachturnier trotz(t)
Wind und Wellen:
Turnierdirektor Jeroen van den Berg.
Auch Weltklasseschachspieler können sich den Naturgesetzen nicht
entziehen, wenn sie sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz
befinden. So erlebte das Turnier in Wijk an Zee im Jahre 1990 eine
denkwürdige Taufe. Eric van Reem berichtet:
"Wenn es in Wijk stürmt, denken altgediente
Teilnehmer an das Jahr 1990 zurück. In dem Jahr stürmte es so stark,
dass das Dach des „Dorpshuis De Moriaan“, wo auch heute noch gespielt
wird, einzustürzen drohte. Das Dach wurde zwar verstärkt, aber es war
trotzdem nicht stabil genug um gegen den starken Regen und den Sturm zu
bestehen: es stürzte ein. Etwa 1000 Schachspieler standen ohne Brett,
ohne Figuren und schlimmer noch ohne Spielsaal da. Innerhalb von 24
Stunden wurde eine neue Spielstätte gefunden, die Großmeister spielten
im „Hotel Kennemerduin“, die Amateure konnten im „Heliomare“
weiterspielen, wo am letzten Tag der Tradition folgend immer die
berühmte Erbsensuppe gegessen wird. Aus diesem stürmischen Turnier
entstand eine neue Tradition, das so genannte „Sturmschachturnier“, ein
Blitzturnier für alle Teilnehmer die tagsüber noch nicht genug Schach
gespielt haben. Auch für die Organisation und Turnierleiter ist dies
eine willkommene Gelegenheit mal selber eine Partie zu spielen.
Turnierdirektor Jeroen van den Berg spielt zum Beispiel gerne mit."