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Begegnungen in Wijk aan Zee (2): Ströbeck, Sturm, Superschach und Snert
28.01.2006 - Schachfans kommen bereits seit vielen Jahren in Januar nach Wijk aan Zee um die Partien der stärksten Spieler der Welt zu bestaunen. Wie immer sind die Turniere in den Großmeistergruppen hart umkämpft, auch das 78. Turnier war keine Ausnahme. Aber die Partien der Großmeister A, B und C- Gruppe sind nur ein Teil des Events. In nicht weniger als 18 zusätzlichen Turnieren und Veranstaltungen können Schachspieler während der kalten und oft stürmischen Jahreszeit in Wijk selber spielen. Auch in den unteren Ratingklassen wird jede Partie ausgekämpft.

Die Zehnerturniere sind immer sehr beliebt bei den Schachfans, aber auch das Schnellschachturnier am zweiten Wochenende ist oft innerhalb weniger Tagen ausgebucht. Corus organisiert auch kleine Turniere für die Kunden des Unternehmens, es werden niederländische Meisterschaften für Journalisten und Parlamentarier organisiert, die Jugend darf in spezielle Simultanveranstaltungen gegen namhafte Gegner spielen. Außerdem findet jährlich ein besonderes Match zwischen den Dörfern Wijk aan Zee und dem Schachdorf Ströbeck statt. Dieses Jahr gewann Ströbeck klar 9,5-1,5.

     Schachdorf Ströbeck

Das Dorf  Ströbeck liegt im Nordharz, etwa 60 Km südlich von Braunschweig in der Nähe von Halberstadt und hat 1200 Einwohner. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort im Jahr 995.

Lebendiges Schach im Schachdorf Ströbeck.
Foto: Schachverein Ströbeck

Weltweit bekannt ist Ströbeck durch das Schachspiel, welches das Dorf prägt und weshalb der Ort Schachdorf  Ströbeck genannt wird.

 Der Legende nach soll ein im 11. Jahrhundert in Ströbeck inhaftierter Adliger seinen dortigen Bewachern das Spiel beigebracht haben. Im Schachbuch des Gustavus Selenus (Leipzig 1616) wird Ströbeck im 4. Buch, 9. Kapitel ausführlich erwähnt. Seit 1689 sind öffentliche Aufführungen von Schachpartien belegt, bei denen die Schachfiguren durch entsprechend verkleidete Menschen dargestellt wurden.

Diese Tradition wird noch heute von dem 1883 gegründeten Ströbecker Schachverein fortgeführt. An der Grundschule ist Schach seit 1823 ein Pflichtfach. Außer dieser nach dem Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker benannten Schule gibt es als Sehenswürdigkeiten das Gasthaus zum Schachspiel und das Schachmuseum. Im Mai 1991 wurde das Schachmuseum eröffnet. Zu sehen ist beispielsweise ein wertvolles Schachbrett, das den Ströbeckern 1651 vom Kurfürsten von Brandenburg geschenkt wurde.

Wussten Sie, dass in Ströbeck traditionell abweichend von den offiziellen Schachregeln gespielt wird? Es gibt eine vorgegebene Anfangsstellung. Die Bauern ziehen aus der Grundstellung nur ein Feld und es gibt keine Rochade. Gelangt ein Bauer auf die gegnerische Grundreihe, so muss er zunächst in drei "Freudensprüngen" auf sein Ausgangsfeld zurückkehren, bevor er in eine andere Figur umgewandelt wird. Aber es gibt noch eine sonderbare Variante….

     Superschach

Ein andere besondere Variante wurde in Wijk aan Zee am letzten Wochenende gespielt: Superschach. Den Erfinder, Dr. Henk van Haeringen habe ich bereits 2001 in der Universität Maastricht kennen gelernt, als er während der Computerschach WM seine originelle Variante präsentierte.

Superschach: Dr. van Haeringen erklärt die Spielidee, Boris Spasski wirkt skeptisch.
Foto: Eric van Reem

Van Haeringen: „Auf hohem Niveau Schach spielen erfordert heutzutage eine eingehende Kenntnis der Eröffnungstheorie.

Wegen des riesigen Umfangs der modernen Eröffnungstheorie spielt diese eine zu große und manchmal sogar beherrschende Rolle.

 Immer mehr Schachspieler, darunter Großmeister wie Garry Kasparov und Bobby Fischer, die zu den stärksten Schachspielern der Welt zählen, erachten diese Entwicklung als ein Problem. Superschach behebt diese Schwierigkeit: Superschach ist eine natürliche und logische Erweiterung von Schach, bei der die Spieler zusammen in einer einfachen Prozedur die Anfangsaufstellung festlegen. Superschach ist praktisch normales Schach ohne Eröffnungstheorie. Superschach wird auf einem üblichen 8×8-Schachbrett mit normalen Schachfiguren und einigen neuen Figuren gespielt. Die Amazone beispielsweise zieht wie die Dame oder wie der Springer. Das Studium der Eröffnungstheorie ist in der Praxis nicht zweckmäßig weil es zu viele unterschiedliche Anfangsaufstellungen gibt.“

Dieses Jahr wurde bereits zum dritten Mal in Wijk die niederländische Meisterschaft im Superschach gespielt und Van Haeringen erzählte stolz, dass sich immer mehr Spieler für Superschach interessieren und dass sich dieses Jahr wieder 33 Spieler angemeldet hatten. Außerdem hat der Niederländer einen Sponsor gefunden und es werden regelmäßig Lehrgänge organisiert. Wenn Sie die Chess Classic Turniere in Mainz in den letzten Jahren besucht haben, haben Sie bestimmt schon mal den grauhaarigen Herrn mit den merkwürdig aussehenden Figuren gesehen. Letztes Jahr unterhielt er sich in Mainz lange mit Boris Spassky über Superschach. (siehe Bild) Auf www.superschaak.nl  oder www.superchess.nl  finden Sie Infos über diese etwas andere Art Schach zu spielen. Übrigens konnte der niederländische IM Jop Delemarre sein Superschachtitel dieses Jahr verteidigen.

     Der Sturm von 1990

Eric van Reem

An einem stürmischen Freitag traf ich den niederländischen Journalist Jules Welling und wenn es in Wijk stürmt, denken altgediente Teilnehmer an das Jahr 1990 zurück.

Auch Turnierveteran Jules Welling kann ein Lied davon singen: er besuchte dieses Jahr bereits zum 44. Mal das Turnier in Wijk aan Zee!

Er erinnert sich: „ 1990 stürmte es so stark, dass das Dach des „Dorpshuis De Moriaan“, wo auch heute noch gespielt wird, einzustürzen drohte. Das Dach wurde zwar verstärkt, aber es war trotzdem nicht stabil genug um gegen den starken Regen und den Sturm zu bestehen: es stürzte ein.

Etwa 1000 Schachspieler standen ohne Brett, ohne Figuren und, schlimmer noch, ohne Spielsaal da. Innerhalb von 24 Stunden wurde eine neue Spielstätte gefunden: die Großmeister spielten im „Hotel Kennemerduin“, die Amateure konnten im „Heliomare“ weiterspielen, wo am letzten Tag der Tradition folgend immer die berühmte Erbsensuppe gegessen wurde.“

     Snert

Gourmet in Wijk aan Zee: Der Schachjournalist Dagobert Kohlmeyer genießt die traditionelle Erbsensuppe "Snert"
Foto: Eric van Reem

Welling hat viele Turnierbücher geschrieben und traf  in der langen Zeit als Journalist alle großen Spieler der Welt. 

 In seinem Buch „Aus erster Hand - Begegnungen mit den GM des Schachs“ aus 1994 können Sie einige besonders schöne Geschichten nachlesen, die allerdings noch besser werden, wenn Jules die Geschichten an der Bar erzählt, gemütlich mit einem Pilsje in der Hand. Und zwar stundenlang!

Man könnte noch stundenlang weiter schreiben über Gäste in Wijk aan Zee…plötzlich läuft einem Anatoli Karpov über den Weg, Bessel Kok, vielleicht der nächste FIDE Präsident, war einige Tage zu Besuch in Wijk, Schachlegende Jan Timman besuchte das Turnier.

Sogar der niederländische Regierungschef Jan-Peter Balkenende kam kurz vorbei….und wann kommen Sie mal nach Wijk aan Zee? Wie Sie sehen, trifft man dort viele interessante Persönlichkeiten. Also dann, bis nächstes Jahr! Dann können Sie vor Ort die leckere Erbsensuppe probieren, auch Snert genannt. Wie Sie auf dem Bild sehen ist auch der bekannte Journalist Dagobert Kohlmeyer ein bekennender Snertfan.

Eric van Reem

Published by Gerhard Kenk

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