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Surrealistische Symbolik des Schachs
Wenn der Traum vom Sieg unter der Guillotine des Patts endet
11.12.2004 - Im Jahre 1982 verlieh ihm ein europäischer König einen Adels-Titel, nach ihm wurde ein Asteroid benannt und zeitlebens galt er als Inbegriff der selbstdarstellerischen Eigenvermarktung, als Wegbereiter und Ikone des Surrealismus und als Gestalter einer surrealistischen Symbolik im Schach.

Marquis de Pubol (Foto von Carl Van Vechten aus dem Jahre 1934)

Klar, die Rede ist von Marquis de Pubol, Kunstfreunden und dem breiten Publikum als Schöpfer der "Brennenden Giraffen" oder Salvador Domenec Felip Jacint Dali Domenech - kurz Dali genannt.

Seine Visionen und bildhaften Darstellungen haben die optische Präsenz des Schachs auf eine neue surrealistische Ebene gehoben.

Unverwechselbar ist Dalis Visualisierung der vergänglichen Zeit, wie es Schachspieler zur Genüge kennen. In einem seiner berühmtesten Gemälde - "Traum" oder in der Kurzbezeichnung "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen" betitelt - verdeutlicht der spanische Maler die surrealistische Visionen. In diesem Gemälde aus dem Jahr 1944 kombiniert Dali Symbole, wie sie auch - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - in Schachkreisen verwendet werden.

Chesstiger (oben)
Dalitiger (unten)

Berühmt ist der springende Tiger, voller Kraft, Anmut und im Sprung auf das Opfer begriffen. Auch für den Förderverein der "Chesstigers" wählten die um das optische Erscheinungsbild des Vereins bemühten kreativen Köpfen eine nahezu identische Symbolik.

Die Muße des Malers: Gala Dali (oben).
Die Muße des Schachspielers (unten)

Und der Schachclub Bad Soden, gelangweilt von den sich ewig ähnelnden Vereinssymbolen mit Schachfiguren, beschritt neue Wege und nutzte ein neuartiges Logo für seine Webseiten im Internet. Das Body-Paint-Bild einer liegenden Frau, die ein Graphik-Atelier in Dresden schuf, hat verblüffende Ähnlichkeiten mit der Frau aus Dalis "Traum".

Unübertroffen ist Dalis Symbolik, wenn er den Moment des Aufwachens aus einem Traum visualisiert. Hier wird der kraftstrotzende Tiger mitten im Angriffssprung hinterrücks von einem Ungeheuer aus den Tiefen des Meeres verschlungen. Gerade dieses Momentgefühl beschleicht viele Schachspieler im sicheren Gefühl ihrer Stärke und dem unmittelbar bevorstehenden Sieg - nur zu oft rettet sich der scheinbar Unterlegene mit einem Patt vor der Niederlage.

Dali beschreibt diesen Moment: "Man stelle sich zum ersten Mal die Freudsche Entdeckung des typischen Traums einer langen belehrenden Fabel vor, der aus der Augenblicklichkeit eines Zufalls entsteht und zum Erwachen führt. Ebenso wie eine auf den Hals eines Schlafenden fallende Stange gleichzeitig zum Erwachen und zu einem langen Traum führt, der beim Fallbeil der Guillotine endet, löst das Summen einer Biene hier auf diesem Bild den Stich des Stachels aus, von dem Gala (die Frau des Malers) aufwacht. Die ganze Biologie des Kreativen bricht plötzlich aus dem Granatapfel hervor."

Und hier schliesst sich der Kreis der Symbolik: Der Traum, der Stich der Biene, der Fall der Guillotine, das Siegesgefühl bei einer Schachpartie und das sekundenschnelle Entsetzen, wenn das Patt erkannt wird.

Salvadore Dali
(1904-1989)

Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen

Ausschnitt: Der Moment des Patts - wenn die Guillotine fällt

Doch im Schach gibt es keinen Gang zum Schafott, wo der Delinquent gefesselt, mit verbundenen Augen vom Scharfrichter unter die Guillotine gelegt wird - da passiert alles freiwillig. Bei nahezu gleicher Ausgangsstellung manövriert sich der eine oder andere Spieler bewußt oder unbewußt in eine mißliche Lage und nur die Visionskraft des Kontrahenten entscheidet über Sieg, Niederlage oder Patt. Diesem typischen Verlauf folgen gelegentlich Amateurspieler, die eigentlich über die Stufe des ahnungslosen Anfängers hinweg sein sollten, was in einer  Partie zwischen Distler (DWZ 1434) und Mayer (DWZ 1698) in dem reichen Fundus des Schachtherapeuten zu finden ist.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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