05.01.2006 - In wenigen Tagen beginnt eines der größten und renommiertesten Schachturniere in Wijk aan Zee, das Corus Chess Turnier. Es wird der Schauplatz eines Wiedersehens der Weltelite sein, denn in dieser Konstellation kommen die Super-GMs nur selten zusammen. Zuletzt war dies im argentinischen San Luis der Fall, als die FIDE ein selten gelungenes Spektakel veranstaltete, das Turnier um die Weltmeisterschaft. Der Bulgare Vesselin Topalov war in bestechender Form und gewann das Turnier, der indische Superstar Vishy Anand blieb zwar gegen den späteren Weltmeister ohne Niederlage, in der Schlusstabelle kam er jedoch "nur" auf Rang 2. Jetzt treffen die beiden Spitzenspieler der Weltrangliste - getrennt nur durch die minimale Marge von 9 ELO-Punkten - wieder aufeinander. Für Spieler und Publikum geht es um die Frage, ob Topalov seinen Sieg in San Luis bestätigen kann, oder ob Anand noch eine Rechnung gegen den Bulgaren offen hat. Beide Spieler wollen es beweisen und stehen unter Zugzwang.
Eine ganz andere Auseinandersetzung leisteten
sich die beiden Kontrahenten beim Klassiker in Linares in 2005, das
zugleich die letzte Turnierteilnahme Kasparovs war - er verlor in der
letzten Runde ausgerechnet gegen den späteren Weltmeister Topalov. Doch
zuvor gelang es Vishy Anand in der zweiten Runde, eine hochdramatische
Auseinandersetzung gegen Vesselin Topalov auf subtilste Art und Weise zu seinen Gunsten
zu beenden: mit Zugzwang.
Anand (links): Weißt Du noch - letztes Jahr in Linares - als ich Dich mit Zugzwang aufs Kreuz legte?
Topalov (rechts): Na klar, aber warte nur - im 2006 Corus Turnier
werd' ich's Dir schon zeigen....
Der "Zugzwang" Schachbegriff ist mittlerweile
als Germanismus in viele Sprachen übernommen worden, so wird er
routinemässig im Englischen gebraucht und auch im Russischen (Принуждение
поезда) hat er sich in die Alltagssprache eingeschlichen. Pop-Bands,
Tanztheater, Künstler und Journalisten bedienen sich gerne des Begriffs "Zugzwangs",
um die Notwendigkeit einer dramatischen Entscheidung zu umschreiben.
Dann fallen beliebig austauschbare Schlagzeilen an wie "Assauer (Hoeneß,
Völler, Schröder, Müntefering, Merkel, Eichel, Stoiber und so weiter) in
Zugzwang". Die Schlagzeilen-Redakteure greifen in die Werkzeugskiste
der Platitüden und können früher Feierabend machen - da kommt wahre
Sehnsucht nach dem Unikat "Wir sind Papst" von der Titelseite der
Zeitung mit den roten Großbuchstaben auf.
Michael Iber über sein Theater-Stück "Zugzwang"
In "zugzwang" agiert eine tänzerin mit klängen, die ausschließlich
durch berechnung erzeugt werden. so genanntes physical modeling
simuliert physikalische eigenschaften realer instrumente, wie z.b.
die länge und stärke einer saite.
"klanglich interessant wird dieses verfahren, sobald es den auf
echten instrumenten realisierbaren rahmen sprengt, wenn z.b. die
rohrlänge einer trompete mehrere meter erreicht oder wenn die
eigenschaften einer querflöte mit denen einer e-gitarre gekreuzt
werden.
gesteuert wird dieses computer-orchester durch ein motion tracking
der tänzerin. dabei wird weniger eine 1:1 übersetzung der
tänzerischen bewegung in die musikalische ebene angestrebt, als
vielmehr die erkennung von bewegungsabläufen, auf die das
musikprogramm auf die ein oder andere weise mit einer vorgegebenen
wahrscheinlichkeitsverteilung reagieren kann. kompositorisch kommen
zwei von john cage entwickelte verfahren zum tragen: da ist
einerseits das kontinuierliche nebeneinander scheinbar unabhängiger
klangquellen wie die radiogeräte in imaginery landscape no. 4, das
sich heute in extremer form in den changierenden klangbildern der
noise music wiederfindet. zum anderen ist es das prinzip des
terminierten zufalls, ein spiel zwischen regel und freiheit, wie
cage es mit seinen amöbenartigen schablonen beispielsweise in
cartridge music realisiert hat."
Doch im Schach existiert - entgegen den hinter den Kulissen agierenden
Ränkespielen der Erdgasversorgung, der Rechtschreibreform oder der
Gesundheitspolitik - das Phänomen der totalen Transparenz.
Der Zugzwang als optische Illusion oder die Größe der
zentralen Kreise links und rechts: beide sind gleich groß
Beide Kontrahenten haben jederzeit den
identischen rationalen Informationsstand über die Position auf dem
Brett.
Doch gelegentlich unterliegen auch
Schachspieler einer Illusion über Risiken und Nebenwirkungen, ohne die
Gelegenheit zu einem aufklärenden Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker
ihrer Wahl führen zu können.
Dann obliegt es dem weiter denkenden Spieler, die
Besonderheiten des subtilen Schachinstrumentariums zu demonstrieren -
und wenn es dann wie Schuppen von den Augen des Gegners fällt, ist es auch schon
meistens zu spät.
Oft werden dann Ausreden strapaziert - daß man
einfach das forcierte Matt oder die Springergabel nicht gesehen habe -
eigentlich müssten die Pferdfiguren zum Wiehern angehalten werden,
sollten sie solch gefährliche Sprünge beabsichtigen. Im Zweikampf am
Brett kommt öfters eine Täuschungsstrategie zum Zuge, die optische
Illusionen vermitteln will. Während das eigentliche Objekt oder der
Gegenstand der optischen Täuschung für sich alleine gestellt keine
Illusion darstellt - gelingt es dem Schöpfer der optischen Illusion
durch die Schaffung eines besonderen Umfelds, diese Täuschung
herbeizuführen. Schachspieler können davon ein Liedchen singen.
Im Großmeister-A-Turnier in Wijk aan Zee sind mit
Ausnahme von Kasparov (Rücktritt vom Turnierschach), Peter Svidler
(derzeit Nummer 4 der Weltrangliste mit 2765 ELO-Zählern) und Ruslan
Ponomariov (z.Zt. die Nummer 10) alle Spitzenspieler von Rang und Namen
vertreten:
Rang
Name
ELO-Zahl
(Jan. 2006)
CORUS
Teilnahme
1.
Kasparov
2812
nein
2.
Topalov
2801
ja
3.
Anand
2792
ja
4.
Svidler
2765
nein
5.
Aronian
2752
ja
6.
Kramnik
2741
nein
7.
Leko
2740
ja
8.
Ivanchuk
2729
ja
9.
Gelfand
2723
ja
10.
Ponomariov
2723
nein
Für Topalov und Anand geht es quasi um die
Revanche für die San-Luis-Weltmeisterschaft und auch der frühere
Weltmeister im "klassischen Schach" Wladimir Kramnik wollte
seine doch
eher durchwachsene Vorstellung bei den gerade beendeten Russischen
Meisterschaften vergessen machen und hofft insgeheim zu beweisen, wer
denn nun der wahre Weltmeister ist. Doch Kramniks
Gesundheitszustand macht ihm einen Strich durch die Rechnung - er musste
bedauerlicherweise kurzfristig seine Teilnahme am Corus Turnier absagen.
Die Chess Tigers Community wünscht Kramnik rasche und nachhaltige gute
Besserung.
Wladimir Kramnik
Kramniks Pressemitteilung im Wortlaut:
"Ich möchte die Schachgemeinschaft darüber informieren, dass ich
aufgrund von gesundheitlichen Problemen nicht am Corus
Schachturnier 2006 teilnehmen werde.
Vor ein paar Jahren wurde bei mir eine spezielle Form von
Arthritis diagnostiziert. Diese Krankheit führt zu schmerzhaften
Gelenksentzündungen. Leider sind die Krankheitssymptome seit
damals häufiger und stärker aufgetreten. Eine neue, kürzlich
aufgetretene Krise erfordert eine nachhaltige klinische
Behandlung.
Die Bewältigung des aktuellen Problems innerhalb der nächsten
Monate wird mir eine Rückkehr und die Freude am Turnierschach auf
höchsten Niveau gestatten.
Ich möchte klar und deutlich betonen, dass ich - wie stets -
danach strebe, meine Schachkarriere fortzusetzen und auszubauen.
Es gibt noch viele Ziele zu erreichen."
Legt man die Performance vergangener
Turnierteilnahmen als Meßlatte an, können Peter Leko (Ungarn) oder Vishy
Anand (Indien) auf bisherige Erfolge verweisen. Leko gewann das Turnier
2005 und wurde 2004 Zweiter. Anand hingegen kam im letzten Jahr auf den
zweiten Platz hinter Leko, er gewann in 2004 vor Leko und Adams und trug
sich ebenfalls in 2003 in die Siegerliste ein. 2001 platzierte er sich
auf dem zweiten Platz hinter Kasparov. Topalov hingegen kam
lediglich 2005 auf den dritten Platz, in 2004 rangierte er an Position
4, in 2003 und in 2001 blieb ihm nur der undankbare neunte Platz unter
"ferner liefen".
Levon Aronian im Finale der Chess960-Weltmeisterschaft bei den Chess
Classic Mainz 2004
Doch das besondere Augenmerk sollte auf den von
den Chess Classic Mainz 2004 und der Berliner Bundesliga-Mannschaft SC
Kreuzberg bekannte Levon Aronian gelegt werden. Er gilt als "Rising Star" und brachte auch
im Chess960 den amtierenden Weltmeister Peter Svidler bei den Chess
Classic Mainz an den Rand einer
Niederlage. In den letzten zwei Jahren hat sich der Armenier
sensationell von Rang 45 auf nunmehr Rang 5 der Weltrangliste
verbessert. Die etablierten Spieler stehen klar unter Zugzwang. Und
Aronian reist in das winterliche Wijk aan Zee mit der Empfehlung als
World-Cup-2005-Sieger von Khanty-Mansiysk in Sibirien. Am World-Cup 2005
nahmen 128 Spitzenspieler teil, die in einem K.O.-Modus den Sieger
ausspielten, wobei sich die bestplatzierten 10 Spieler für die
Kandidaten-Matches zur Weltmeisterschaft qualifizierten.
Ob ein solcher Härtetest von Vorteil für Aronian
ist oder ob die Anstrengungen nicht zu viel werden für den jungen
Wahl-Berliner, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, daß er unter den
Weltklassespielern bereits jetzt als ein Mann mit Nerven aus Stahl gilt.
Denn bei den Chess Classic Mainz hat er wiederholt in seinem Match gegen
Peter Svidler bewiesen, daß er mit wenigen Sekunden auf der Uhr und in
kritischen Situationen noch immer den richtigen Zug gefunden hat.