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Der Untergang: Er kam schneller als erwartet.
25.12.2005 - Die als unsinkbar geltende "Titanic" konnte ihren Mythos nur ganze 5 Tage unter Beweis stellen. Nach dem Start zur Jungfernfahrt am 10. April 1912 kollidierte sie am 15. April mit einem Eisberg und sank, dabei verloren 1500 Menschen ihr Leben. Der Untergang der Titanic wurde 1997 vom kanadischen Regisseur James Cameron verfilmt. Bisherige Annahmen über den langsamen Untergang des Luxus-Liners mussten jedoch revidiert werden, als die Entdeckung neuer Wrackteile die Schlußfolgerung nahelegte, daß die Titanic nach Ansicht von Fachleuten schneller gesunken ist als bisher vermutet wurde. Vor einem ähnlichen Dilemma stehen Schachspieler, wenn sie denn einmal auf die Verliererstrasse einbiegen.

Der russische Schachspieler Vadim Zvjaginsev beim Ausgleichssport

Zum Glück muss Filmregisseur James Cameron seinen epochalen Film über den Untergang der Titanic angesichts dieser neuen Entdeckungen nicht neu drehen - genau so wenig, wie Schachspieler eine verlorene Partie nochmals gegen den gleichen Gegner mit den gleichen Zügen nachspielen.

Denn dazu sind die Verlierer oft mental nicht dazu willens, wie der Ausgang der historischen "unsterbliche" Partie zwischen Wilhelm Steinitz und Carl von Bardeleben von 1895 im englischen Hastings verdeutlichte.

Carl von Bardeleben erkannte, daß die Partie nach dem 25. Zug unrettbar - mit Matt im 35. Zug - verloren war, stand grußlos vom Brett auf und verließ kommentarlos den Spielsaal, ohne Gegner und Schiedsrichter zu informieren.

Der in Kanada geborene Filmregisseur Cameron nutzte die historisch überlieferten Umstände des Titanic-Untergangs zu einem wahrhaft epischen Drama, seine rührselige Liebesstory gewann die Herzen der Zuschauer, klingende Münzen an den Kinokassen und 11 Oscars als Auszeichnung. So zahlte sich die minutiöse Detail-Arbeit Camerons bei der Ausstattung der Titanic-Ballsäle und die präzisen Anweisungen bei den Dreharbeiten aus, obwohl die Entstehungsgeschichte und der Blick hinter die Kulissen vielen Zuschauern verschlossen blieb. Einen kleinen Einblick in Camerons präzise Planung bietet eine Skizze zu den Dreharbeiten einer Salon-Szene auf der Titanic, in der akkurat die Winkel der Kameraeinstellungen und Brennweiten vorgegeben sind, um solche Schlüsselszenen wirksam in Pose zu setzen.

Bei Schach-Wettkämpfen haben es Gegner und Zuschauer auf den ersten Blick einfacher - sie können hautnah und aus nächster Nähe in Augenschein nehmen, wie die Großmeister dieser Welt ihr Handwerk ausüben. Die Position der Figuren ist für alle gleichermassen sichtbar - es kann also keine Überraschungen geben. Sollte man meinen. Denn die Kontrahenten hecken ihre Pläne im Kopf aus, ohne Skizzen, Notizen oder die geringsten Hinweise auf ihre Absichten  - gelegentlich mit einem verträumten Blick an die Decke, wie es Alexej Shirov bei seinen mentalen Analysen zu tun pflegt. 

Unsinkbar: Titanic-Kapitän Edward John Smith

Und wenn der deutsche Skispringer Jens Weisflog sagt: "Du fliegst nur so weit wo Du auch im Kopf schon bist" trifft diese Sichtweise voll und ganz auf die Schachspieler zu. Der Weg zum Matt ist schon im Kopf voraus bestimmt - gelegentlich baut der Gegner noch einige Umleitungs-Schilder auf.

Ähnlich wie der Titanic-Kapitän Edward John Smith, der von seiner Reederei ein Jahresgehalt von 1,250 britischen Pfund sowie einen "No Collision", also eine Art  "Unfallfrei"- Bonus in Höhe von 200 Dollar bekam, musste auch der russische Großmeister Alexander Khalifmann zu einem gewissen Zeitpunkt in seiner Partie bei den Russischen Meisterschaften 2005 erkennen, daß er mit einem Eisberg namens Vadim Zvjaginsev kollidierte.

Der 29jährige Zvjaginsev ist auch den Besuchern der Chess Classic Mainz wohl bekannt, verpasste er doch nur knapp den Sieg bei den Chess960-Open, als er gegen den Armenier Levon Aronian in den Schlussrunden eine Niederlage kassierte.

Über seine Chess960-Erfahrungen äusserte sich Zvjaginsev: ""Ich hatte viel Spass am ersten Tag. Ich habe nie vorher Chess960 gespielt und es ist für mich sehr ungewöhnlich schon beim ersten Zug nachdenken zu müssen. Einige Anfangsstellungen waren ziemlich kompliziert. In der dritten Runde konnte ich nur mit Mühe gewinnen. Zum Teil war ich nach der Partie nicht mehr in der Lage mich an die Ausgangstellung zu erinnern." Dieses Problem dürfte der russische GM im traditionellen Schach nicht haben.

GM Vadim Zvjaginsev

(3) Zvjaginsev,V (2659) - Khalifman,A (2653) [B20]
ch-RUS Superfinal Moscow RUS (2), 20.12.2005
 

1.e4 c5 2.Na3 Nc6 3.Bb5 Qc7 4.Nf3 g6 5.c3 a6 6.Bxc6 Qxc6 7.0-0 Bg7 8.d4 d6 9.d5 Qc7 10.h3 Nf6 11.Bf4 0-0 12.Re1 b5 13.Qd2 Bb7 14.Rad1 Rfe8 15.c4 Qb6 16.Bh6 Bh8 17.b3 e6 18.Ng5 exd5 19.cxd5 Re7 20.Re3 Rae8 21.Rde1 a5 22.Nb1 b4 23.Qc2 Nd7 24.Nd2 Ba6 25.Ngf3 Ne5 26.Bg5 Nxf3+ 27.Nxf3 Rd7 (siehe Diagramm - es droht die Kollision mit dem Eisberg)

Partie Zvjaginsev - Khalifman nach 27. ...Re7 - d7

28.e5 dxe5 29.Nxe5 Rxd5 30.Nxf7 Rxe3 31.Rxe3 Kxf7 32.Re7+ Kf8 33.Qe4 Rd1+

Partie Zvjaginsev - Khalifman nach 33. Qe4

34.Kh2 Qd6+ 35.f4 Bf6 36.Bh6+ Kg8 37.Qa8+ 1-0

Zum Nachspielen: Vadim's Apfel:
 http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1281957

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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