12.12.2005 - Die Bedeutung eines wasserdichten Eröffnungsrepertoires für Amateure, Kinder und Jugendlichen ist unter Fachleuten umstritten. Es gibt Trainer, die bereits Neunjährige ellenlange Theorie-Linien auswendig lernen lassen und es gibt andere, durchaus ernst zu nehmende Stimmen, die bis zu einer DWZ von 1800 jegliche Eröffnungstheorie für völlig überflüssig halten.
Diese oft leidenschaftlich geführte Diskussion wollen wir an dieser
Stelle nicht wiederkäuen. Zweck unserer Kolumne ist es, dem Jugend- und
Vereinstrainer das technische Rüstzeug vorzustellen, das ihm seine
Arbeit erleichtert bzw. sie professioneller werden lässt.
Ein solches Werkzeug ist H.O.R.S.T.
Entwickelt vom Regensburger Vereinsschachspieler Stephan Schmal (DWZ
2114), selbst aktiver Spieler in der bayerischen Landesliga, soll
H.O.R.S.T. dabei helfen, das eigene Repertoire zu entwickeln, zu
dokumentieren und zu memorieren. Und obgleich das Programm bislang nur
in einer vorläufigen Version erhältlich ist, erfüllt es die vom Autoren
selbst formulierten Ziele in herausragender Weise.
H.O.R.S.T. ist übrigens eine Abkürzung des durchaus süffisanten
Langnamens: „Heuristic Opening Repertoire Specialist & Trainer“. Doch so
umständlich, wie H.O.R.S.T. zu seinem Namen kann, ist das Programm
beileibe nicht.
Schon die Startansicht ist klar und clever strukturiert: Oben das
Hauptmenü mit der Werkzeugleiste, unten die Statuszeile und in der Mitte
der Arbeitsbereich. Der Arbeitsbereich ist selbst wiederum in drei
Bereiche geteilt. Links der Eröffnungsbaum, in der Mitte das Brett samt
Kommentarfeld und rechts das Partieformular samt Trainingsergebnissen.
Einfach und intuitiv können hier die verschiedenen Varianten erfasst,
verändert und kommentiert werden. Da H.O.R.S.T. problemlos Partien im
PGN-Format importiert spart man sich eine Menge Arbeit und aknn z.B. aus
seinem Chessbase-Repertoire in wenigen Minuten eine Trainingssuite
zusammenstellen.
Besonders clever: Die Darstellung als Variantenbaum:
Bei einem Klick auf einen beliebigen Zug, wird die entsprechende
Stellung im Brettfenster angezeigt - da macht das Surfen in der Theorie
richtig Spaß. Der Variantenbaum kann auch ausgedruckt oder als PDF-Datei
expertiert werden.
Im Zentrum von H.O.R.S.T. steht jedoch das Trainingsmodul. Und das hat
es in sich:
H.O.R.S.T. bietet für ein ausgewogenes und optimal zu steuerndes
Training eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten an. Je nach Wunsch
kann der Anwender aus einem von fünf Modi und dazu optional eine
Startvariante wählen.
Für den Einstieg ins Training ist eine Hauptvariante bestens geeignet.
Für das intensive Studium der Zugfolgen sind alle Varianten nacheinander
(vollständig) zu empfehlen. Eine Variante wird dabei immer mit dem 1.
Zug begonnen, was die korrekte Zugfolge aufgrund der häufigen
Wiederholungen sehr schnell verinnerlichen lässt.
Anschließend bietet sich der Modus „Alle Varianten nacheinander“ an.
Hier wird der Beginn einer neuen Variante direkt aufs Brett gestellt,
was den Anwender zu schnellerem Umdenken und damit größerer
Gedächtnisleistung zwingt.
Schließlich können Varianten zufällig ausgewählt werden lassen, was ein
Kurz- bzw. Schnelltraining bei maximaler Gedächtnisabfrage ermöglicht.
Als Hilfestellung und Trainingsunterstützung können Kommentare sowie
Zug- und Stellungsbewertungen angezeigt werden.
Darüber hinaus werden die Namen der Eröffnung und der Variante, der
Trainingsfortschritt, die Auswertung (so wie sie in den
Trainingsergebnissen abgespeichert wird) sowie die verbrauchte Zeit und
der jeweils zuletzt ausgeführte Zug eingeblendet. Die
Trainingsergebnisse werden grafisch und tabellarisch dokumentiert:
So bieten sie eine ideale Selbst- oder Trainerkontrolle.
Noch ist H.O.R.S.T. eine Baustelle. Nahezu im Wochenrhythmus kommen
immer neue Features hinzu. Aber schon jetzt ist klar: H.O.R.S.T. ist von
einem Praktiker für die Praxis entwickelt worden - und wird weiter
entwickelt.
Deshalb bietet Stephan Schmal schon heute sein Programm mit einer
30-Tage-Lizenz kostenlos zum Download an. Er erhofft sich so möglichst
viel konstruktive Kritik aus der Praxis und freut sich über jede
Rückmeldung.
Fazit: H.O.R.S.T. ist eine interessante Bereicherung der
Schachsoftware-Szene - einfach mal ausprobieren!
Ein Hinweis aus der Sicht des Jugendtrainers: Ob mit oder ohne H.O.R.S.T.
- das stumpfsinnige Auswendiglernen von Eröffnungszügen hat gerade bei
Kindern weitaus mehr schädliche als nützliche Wirkungen. Eröffnungen
müssen zuerst verstanden und dann erst gelernt werden!
Jörg Sommer ist Pädagoge, Journalist (ACP-Mitglied) und einer der
erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren Deutschlands (
http://www.kopietz-sommer.de ).
Er hat umfangreiche Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
und ist Begründer der unabhängigen Diskussionsplattform KiSch (http://www.kinderschach.net ).