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Kramnik zieht Parallelen zur Wirtschaft
Russischer Weltmeister Gastredner vor deutschen Unternehmenslenkern
19.10.2005 - Die Tageszeitung Financial Times Deutschland, die Experten der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) und die Unternehmensberatung Bain&Company küren alljährlich die „Strategen des Jahres“. Zum zweiten Mal in Folge erhielt Jochen Zeitz, Chef des äußerst erfolgreichen Sportartiklers Puma, in Frankfurt den Preis zugesprochen. Auf Initiative der Financial Times war auch ein Schachstratege zum Ehrungsabend eingeladen – und er sollte Stellung beziehen zu den Strategien auf den 64 Feldern samt deren Übertragbarkeit auf die Wirtschaft: Weltmeister Wladimir Kramnik hielt vor den Unternehmenslenkern die Keynote-Rede.

Financial Times Deutschland
BAIN & COMPANY
WHU Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung

Weltmeister Wladimir Kramnik machte vor deutschen Firmenbossen Werbung fürs Schach.
Foto: Financial Times Deutschland

Der 30-jährige Russe übernahm die Aufgabe gerne. Zum einen konnte er vor versammelter Wirtschaftsprominenz für Schachsponsoring werben, zum anderen fühlte sich Kramnik auch ein wenig der Financial Times Deutschland (FTD) verpflichtet. Durch die wohlwollende Berichterstattung im Sportteil des lachsfarbenen Blattes, das Schach häufig breiten Raum einräumt, hatte sich der Hauptsponsor für sein WM-Match gegen Peter Leko 2004 gefunden. Der schweizerische Zigarrenhersteller Dannemann und ihr Chef Christian Burger hatten sich über die FTD für Schach erwärmt und die Weltmeisterschaft in Brissago ausgerichtet. Ob Kramnik mit seinem Manager Carsten Hensel diesmal Kontakte zu einem Vorstandsvorsitzenden knüpfen konnte, der ein Vereinigungsmatch gegen den neuen FIDE-Weltmeister möglich macht? Zwei Millionen Dollar fordert die FIDE als Börse. Nachstehend Auszüge aus Kramniks Rede in Frankfurt:

Verehrte Gäste, meine Damen und Herren,

die Auszeichnung für den „Strategen des Jahres“ ist binnen kürzester Zeit zu einem der prestigeträchtigsten Ereignisse der deutschen Geschäftswelt geworden. Bain & Company, die Financial Times Deutschland und WHU Vallendar haben mich gebeten, heute ein bisschen über Strategie im Schach und in der Geschäftswelt zu reden. Ich habe mich sehr über diese Einladung gefreut, weil ich dadurch Gelegenheit habe, in diesem Zusammenhang ein wenig Werbung für das Schachspiel zu machen.

Schach ist die anspruchsvollste Form des intellektuellen Wettbewerbs. Schachprofis treffen Entscheidungen und sind es gewohnt, die volle Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen. Schach ist ein elegantes und regelgebundenes Spiel, dessen Prinzipien ganz einfach und logisch auf jede Branche und jede Lebenslage angewendet werden können. Schachspieler haben gelernt, nach der Wahrheit zu suchen, Situationen und Positionen genau zu analysieren, um das beste Ergebnis zu erreichen. Deshalb denke ich, dass unsere Kinder für ihre Ausbildung vom Schachspielen lernen können. Aber auch für Geschäftsleute aus aller Welt kann Schach Vorbildfunktion haben.

Meine Damen und Herren, dies bringt mich zum Thema meiner Rede: „Strategie in Schach und im Geschäftsleben“. Es gibt eine Reihe von Erfolgsfaktoren, die sich in beiden Bereichen ähneln. Heute spreche ich aber über Strategie – aus meiner Sicht der wichtigste Faktor.

Wladimir Kramnik bei den Chess Classic Mainz

Ein extrem wichtiger Faktor beim Schach ist es, bei einer bestimmten Stellung auf dem Brett den richtigen Zug zu finden.

Dafür muss man strategisch denken und die langfristige Richtung bestimmen. Andernfalls ist es unmöglich, den richtigen Zug zu finden.

 Seit Wilhelm Steinitz, dem ersten Schachweltmeister, wissen wir, dass gute oder richtige Züge, oder Entscheidungen nicht von ungefähr kommen. Im Schach bestimmt eine klare Logik die Verbindung zwischen Strategie und Taktik. Kurzfristige Taktik muss einhergehen mit einer weitsichtigeren Strategie.

Mein Ziel ist es deshalb immer, profundes strategisches Denken mit cleveren kurzfristigen Taktiken zu verbinden.

Trotz der Unterschiede zwischen der Geschäftswelt und Schach, haben beides etwas gemeinsam: Strategie. Deshalb ist es interessant und nützlich, Denkweisen des Schachspiels auf die Geschäftswelt zu übertragen und umgekehrt. Ohne Wettbewerb wäre Strategie nicht nötig. Dann wäre Planung nur eine technische Optimierung.

Wir wissen alle, dass der Wettbewerber bei Geschäftsstrategien eine wesentliche Rolle spielt. Dies gilt auch für Schach. Die Spieler sind Menschen, und die Entscheidungen, die sie treffen, sind abhängig von ihrem Hintergrund, ihrer Erfahrung, ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Persönlichkeit, und so weiter. Wenn eine Stellung für mich optimal ist, heißt dies nicht, dass sie für einen anderen Spieler mit anderer Persönlichkeit und einem anderen Stil das Richtige ist. Es gibt also nicht eine beste strategische Position, keine Einheitslösung. Der richtige Plan einer strategischen Stellung sollte nicht ausschließlich auf der Grundlage von objektiven Schachüberlegungen oder in Ihrem Fall auf der Grundlage des Markt- oder Geschäftsumfelds gemacht werden.

Aus meiner Sicht reicht es nicht aus, das Material, die Initiative oder andere strukturelle Überlegungen ganz allgemein zu beurteilen. Auch der Stil und die Persönlichkeit des Wettbewerbers sollten in den Entscheidungsprozess einbezogen werden.

Meine Damen und Herren, im Geschäftsleben wie im Schach werden Handlungen sehr häufig von außen nach innen betrachtet. Beim Schach kann jeder die gleichen Bücher lesen, die gleichen analytischen Computerprogramme verwenden und bestimmte Stellungen oder Situationen gleich beurteilen. Wenn aber jeder dasselbe tut, ist eine Blockierung die Folge.

Die objektive Basis dieser Sichtweise von außen nach innen ist sicher wichtig, aber es ist sehr riskant, diesen Ansatz allzu starr auf eine Strategie anzuwenden. Diese Vorgehensweise macht es sehr einfach, einander zu imitieren und zu kopieren – das bekannte Problem der Neutralisation.

Ich bin überzeugt davon, dass dieser Ansatz lediglich zum grundlegenden Handwerkszeug gehört, um auf dem höchsten Leistungsniveau mithalten zu können – in meinem Fall mit den besten Schachspielern und Gehirnen der Welt.

Seit 2000 habe ich an drei sehr großen Zweikämpfen teilgenommen. Ich habe gegen Garri Kasparow in London den Weltmeistertitel gewonnen, bin in Bahrain auf den besten Computer der Welt getreten und habe erst vergangenes Jahr in der Schweiz meinen Titel gegen einen der stärksten Großmeister der Welt verteidigt: Peter Leko. All diese Wettkämpfe waren äußerst schwierig, und ich habe viel an Erfahrung gewonnen. Bei all diesen Schachpartien musste ich die richtige Strategie ausarbeiten, um letztendlich erfolgreich zu sein.

Meine Damen und Herren, damit bin ich bei der Botschaft des heutigen Abends angelangt. Diese ist meiner Ansicht nach sowohl für Schach als auch für das Geschäftsleben von zentraler Bedeutung. Meine Anregung ist einfach und klar: Jeder sollte seine Kernkompetenzen identifizieren und darauf aufbauen, anstatt sich seiner Umgebung anzupassen.

Ich bereise viele Länder der Welt, aber ich kann sagen, dass Deutschland wie meine zweite Heimat ist. Hier habe ich viele Wettkämpfe bestritten, und mein Manager ist Deutscher. Ihr Land hat über die Jahrhunderte hinweg umfassende Kernkompetenzen entwickelt. Daher bin ich überzeugt, dass Deutschland in Zukunft an der Spitze der weltweiten Wirtschaftsentwicklung stehen wird. Ich bin mir bewusst, dass Ihr Land vor sehr wichtigen Wahlen steht, und der Probleme, die hier bestehen.

Deutschland, das Märkte in Europa entwickelt, die seinen eigenen Kernkompetenzen entsprechen, wird sich im globalen Wettbewerb der Wirtschaft für die besten Strategien entscheiden. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund für Pessimismus. Ich persönlich nehme Deutschland als Beispiel für meine Theorie, dass man seinen eigenen Weg gehen muss und nicht in die Fußstapfen der anderen treten sollte. Natürlich gehe ich dabei nicht willkürlich vor, sondern baue bei einer bestimmten Partie oder in meiner Karriere im Allgemeinen auf mein profundes Wissen um meine eigenen Stärken und Schwächen und die meiner Gegner. (ham)

Hartmut Metz

Published by Gerhard Kenk

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