Nachrichten Schach erregt Frauen weniger Judit Polgar erste Teilnehmerin bei einer WM-Endrunde der Männer: Taugt die Dame wenigstens zur Königsmörderin?
11.10.2005 - „Es gibt keine einzige Frau, der ich nicht einen Springer vorgeben könnte und trotzdem gewänne“, tönte einst Bobby Fischer. Der legendäre Weltmeister von 1972 weiß sich zwar noch immer eins mit manchem Schachverrückten – die Zeiten, in denen die Großmeister mühelos das schwache Geschlecht vom Brett fegten und anschließend chauvinistisch kalauerten, „die haben es eben nicht so mit dem Denken“ oder „die spielen halt so ungern Schach, weil sie da vier Stunden schweigen müssen“, sind allerdings vorbei. Selbst die Vorgabe eines Bauern statt eines dreimal so starken Springers kann sich heute keiner mehr gegen eine starke Schachspielerin leisten.
Bobby Fischer spielte 1970 in Argentinien ein vielbeachtetes Match gegen
Miguel Najdorf
Das gilt vor allem bei Judit Polgar. Die
Ungarin löste mit 15 Jahren nicht nur Fischer als jüngsten
Großmeister aller Zeiten ab, sondern ist derzeit im argentinischen
San Luis die erste Teilnehmerin eines WM-Rundenturniers bei den
Männern.
Als aktuelle Siebte der
Herren-Weltrangliste qualifizierte sich Polgar für den Wettbewerb.
Die beste Schachspielerin aller Zeiten hat jedoch keine Chance
mehr, ihren letzten großen Traum auf den 64 Feldern zu
verwirklichen: Nach elf der 14 Partien kann die 29-Jährige nicht
einmal mehr rechnerisch Weltmeister werden.
Mit lediglich 3:8 Punkten liegt die
Budapesterin abgeschlagen auf dem achten und letzten Platz.
Noch einmal spannend könnte es im Kampf um
den Titel werden: Peter Swidler verkürzte durch seinen Sieg über
Alexander Morosewitsch den Abstand auf 1,5 Punkte.
Durch einen Erfolg im direkten Duell gegen
den bisher ungeschlagenen Wesselin Topalow (8,5:2,5) hätte der
Russe (7:4) in der vergangenen Nacht den Abstand bis auf einen
halben Zähler verkürzen können. Der Bulgare Topalow remisierte
nach hartem Kampf gegen den Engländer Michael Adams, der mit 4:7
Punkten nur auf dem vorletzten Rang liegt. Minimale Chancen wahrte
zudem der Weltranglistenerste Viswanathan Anand (6,5:4,5). Der
Inder zertrümmerte die Stellung des damit vorzeitig entthronten
Titelverteidigers Rustam Kasimdschanow und nahm Revanche an dem
Usbeken für die Vorrundenniederlage. Vierter ist Morosewitsch
(5,5:5,5) vor Peter Leko (5:6), der gegen seine ungarische
Landsfrau mit Schwarz schnell zu einem Remis kam, und
Kasimdschanow (4,5:6,5).
Judit Polgar
bei den Chess Classic Mainz 2003
„Meine kleine Schwester spielt nicht so
gut wie sonst“, stellt Ex-Weltmeisterin Susan Polgar fest und
verweist auf deren zwischenzeitliche 14-monatige
Schwangerschaftspause. Judit bleibe dennoch „die beste Spielerin
aller Zeiten“.
Das gilt für die 29-Jährige, obwohl sie
bis auf zwei Ausnahmen seit Kindesbeinen nie bei den Frauen
antrat. Judit Polgar „langweilen“ solche Duelle. Unverblümt
erklärt sie: „Ich habe ein Problem mit dem Niveau“ und fordert die
Aufhebung von reinen Frauen-Wettbewerben, um eine Nivellierung zu
erreichen.
Die zweitbeste Spielerin, Susan Polgar,
folgt bei den Männern erst auf Position 214. Nur knapp ein Dutzend
Frauen hat bisher den Herren-Großmeister-Titel errungen.
Worauf fußt diese Diskrepanz der
Geschlechter beim Denksport Schach? Zunächst einmal betreiben
deutlich mehr Männer das königliche Spiel. Der Frauenanteil im
Deutschen Schachbund liegt im internationalen Vergleich besonders
niedrig mit rund sechs Prozent. Selbst Boxen hat einen mehr als
dreimal so hohen Frauenanteil. Mädchen interessieren sich anfangs
durchaus für Schach, gehen aber nicht so im nervenaufreibenden
Tanz der 32 Figuren auf wie Jungs. Bezüglich der „Einstellung und
Willenskraft“ räumt Judit Polgar Unterschiede ein: „Ich arbeite
nicht Tag für Tag dafür wie manche Männer. Ich könnte problemlos
500 Spieler dieser Sorte benennen“, sagt sie.
Mädchen beim Schachspiel (1): Natalia Schulze-Solano im Spiel gegen ihren jüngsten Bruder Adrian Schulze-Solano bei einer Chess960-Variante beim 1. Main-Taunus-Cup
in Bad Soden.
Foto: Thomas Schulze, Generators Communication
Mancher Meisterspieler ist weltfremd und
analysiert nächtelang einen neuen Läuferzug in der Sizilianischen
Verteidigung oder begeistert sich für ein geniales Damenopfer. Das
erregt manchen Akteur mehr als jede andere Leidenschaft. Aussagen
wie „Schach ist besser“ zu den Themen Frauen und Sex von
Fischer&Co. spiegeln die Ansichten wider. Derlei Versinken in der
Materie fehlt selbst Polgar. Die lebenslustige Ungarin, die mit
einem Arzt verheiratet ist, räumt ein, dass ihr
Eröffnungsrepertoire für die Weltspitze zu schlecht sei.
Mädchen beim Schachspiel (2): Judit, Susan, Sophia (von links) und Vater
Laszlo Polgar
Mangelndes Tüfteln an den ersten 20 Zügen konstatiert auch der
ehemalige Vizeweltmeister Nigel Short. „Judit ist begabt, aber
ihrem Spiel mangelt es an Solidität“, konstatiert der englische
WM-Kommentator. Dies seien die Gründe, warum die Weltranglistensiebte dann aus schlechten Stellungen heraus das
Ruder in San Luis nicht mehr herumreißen könne und ihr erst ein
Sieg gelang. Auch wenn es mit dem WM-Titel nichts wird, in der
letzten Runde könnte Judit Polgar doch noch eine Hauptrolle in San
Luis zufallen: Die unberechenbare Schach-Königin trifft auf
Topalow und krönt den neuen König - oder wird zur Königsmörderin.