Nachrichten „Schlachtfest“ in Argentinien Schach-WM: Topalow deklassiert alle Gegner
07.10.2005 - Es ist ein wahres „Schlachtfest“, das Wesselin Topalow bei der Schach-WM in Argentinien veranstaltet. Den Kommentatoren vor Ort wie dem einstigen Vizeweltmeister Nigel Short und den begeisterten Fans während der Live-Übertragungen im Internet fällt höchstens noch eine zweite Bezeichnung zur Weltmeisterschaft ein: „Blutbad“. In der siebten Runde gewannen alle vier Großmeister mit Weiß ihre Partien. Kein einziges langweiliges Remis wurde geschoben. Für die Höhepunkte bei dem Wettbewerb um eine Million Dollar Preisgeld ist aber vor allem Topalow zuständig: Der kampfstarke 30-Jährige ließ sich auch nicht von Titelverteidiger Rustam Kasimdschanow stoppen und zwang den Usbeken in 74 Zügen in die Knie. Seine atemberaubende Bilanz zur Halbzeit baute der Bulgare damit auf 6,5:0,5 Punkte aus.
Anand ist der einzige der Topalov zwi halbe
Pünktchen abknöpfen konnte
Dank der zwei Zähler Vorsprung auf den Russen
Peter Swidler, der Judit Polgar (Ungarn) bezwang, besteht kein Zweifel
am neuen Weltmeister des Schach-Weltverbandes FIDE.
Aus der Rückrunde
benötigt Topalow kaum mehr als 3:4 Punkte, um erstmals den höchsten
Thron auf den 64 Feldern zu besteigen.
Dass die der Weltranglistenzweite
holt, steht außer Frage – die spannendere Frage ist, wer dem Großmeister
weitere Punkte abknöpfen soll. Bis dato gelang dies lediglich
Viswanathan Anand. Der Weltranglistenerste aus Indien konnte dabei nur
äußerst glücklich ins Remis entwischen. Ansonsten hätte Topalow sogar
ein perfektes Resultat vorzuweisen.
Aber auch so bleibt die Bilanz des
bulgarischen Nationalhelden mit einer Rating-Performance von
3.150 Elo-Weltranglistenpunkten gigantisch. Diese Leistung ist
vergleichbar mit einem 100-Meter-Sprinter, dem die Schnellsten der Welt
eine Sekunde hinterherhinken.
Im Schlepptau des zweitplatzierten Swidler
(4,5:2,5) folgen mit unglaublichen drei Punkten Rückstand auf Topalow
die beiden anderen ehemaligen Topfavoriten auf den Titel, Anand und
Peter Leko (beide 3,5:3,5). Letzterer bewies nach seinem Fehlstart
ansteigende Form und schlug Schlusslicht Michael Adams (England), der
wie Polgar 2:5 Zähler aufweist. Anand, der ebenso furios wie Topalow mit
2,5:0,5 Punkten gestartet war, muss nach seinem Einbruch und der
Niederlage gegen Alexander Morosewitsch – der Russe liegt damit
gleichauf mit Kasimdschanow (beide 3:4) – alle Hoffnungen begraben. Der
Baden-Badener Bundesliga-Spitzenspieler wird in Argentinien nicht das
zweite Mal FIDE-Weltmeister werden.
Der Grund, warum die Schach-Fans Topalow lieben,
ist derselbe wie sein Erfolgsgeheimnis: sein kompromissloses Spiel.
Schnöde, schnelle und langweilige Remis hat der ehemalige
Jugend-Weltmeister schon immer abgelehnt. Als 17-Jähriger gewann der
drahtige Bulgare 1992 in Spanien zehn offene Turniere – das schafft man
nur, wenn man zu viele Unentschieden vermeidet. Den Stil hat sich
Topalow bewahrt und wird nun nach sieben weiteren Runden mit dem Titel
belohnt. Damit ist „Topi“ am Ziel seiner Träume, das er vor dem Turnier
in San Luis auch verbal kompromisslos formuliert hatte: „Ich denke nur
daran, die WM zu gewinnen.“