Nachrichten „Großer Schritt aus dem Chaos“ - Schach-WM in Argentinien: Ende der Spaltung und der Palaver
03.10.2005 - Die Schach-Welt ist nach zwölf Jahren der Spaltung endlich wieder auf dem Weg, nur einen König zu bekommen. Die WM des Schach-Weltverbandes FIDE im argentinischen San Luis bringt diesmal fast alle Asse ans Brett. Die Ungarin Judit Polgar, einzige Frau im achtköpfigen Feld, bezeichnet daher das Mammutturnier über 14 Runden als „historisch. Der Weltmeister wird wieder als solcher anerkannt“. Der Russe Alexander Morosewitsch nennt den mit einer Million US-Dollar dotierten Wettbewerb einen „großen Schritt auf dem Weg aus dem augenblicklichen Chaos heraus“.
Als die Schachwelt vermeintlich wieder in Ordnung war:
Die "Prager Wiedervereinigung" 2002 mit Kramnik, Iljumschinow, Kasparow,
Karpov und Kok (stehend)
Der neue FIDE-Weltmeister, der am 16. Oktober
das Zepter übernimmt, entspringt diesmal nicht einer Lotterie aus
verkürzter Bedenkzeit und 128 Teilnehmern im K.o.-System, die das Gros
der Top-Großmeister boykottiert hatte. FIDE-Präsident Kirsan
Iljumschinow hatte nach jahrelanger harscher Kritik ein Einsehen und
benannte den von ihm dem Tennis entlehnten Modus kurzerhand in Weltcup
um. Zudem überraschte das Oberhaupt der russischen Provinz Kalmückien
vor wenigen Tagen mit einer Rolle rückwärts: Die beiden gemeinsam in der
Weltrangliste führenden Viswanathan Anand (Indien) und Wesselin Topalow
(Bulgarien), Peter Leko (Ungarn/Platz 3), Peter Swidler (Russland/6),
Judit Polgar (7), Michael Adams (England/12), Morosewitsch (13) und der
lediglich an Position 34 geführte amtierende FIDE-Weltmeister Rustam
Kasimdschanow (Usbekistan) mussten ursprünglich in ihren Verträgen
unterschreiben, dass sie nur bei der FIDE um die WM spielen.
Ein Bruch des so genannten „Prager Abkommens“,
mit dem der Schach-Weltverband und Wladimir Kramnik 2002 die
Wiedervereinigung des Titels anpeilten. Kramnik hatte den im März
zurückgetretenen Garri Kasparow vor fünf Jahren entthront. Sein
russischer Landsmann hatte 1993 als Weltmeister den Titel von der FIDE
abgespalten und mit eigenen Ein-Mann-Verbänden Verhältnisse wie im Boxen
geschaffen. Vergangene Woche pochte Iljumschinow zwar in einem Interview
mit dem russischen „Sport-Express“ erneut darauf, dass nur der
Weltverband das Recht an der Weltmeisterschaft besitze – im nächsten
Atemzug schob der FIDE-Boss aber nach, dass der einzige „legale
Weltmeister von San Luis“ durchaus an ein Match gegen Kramnik „denken“
dürfe. Einzige Bedingung: Der Russe müsse „zwei Millionen Dollar durch
einen attraktiven WM-Sponsor“ einbringen.
Wladimir Kramnik
Der Hintergrund der Kehrtwende des Kalmücken um
180 Grad erfolgte aus nüchternem Kalkül. Momentan braucht der Sieger von
Argentinien den Konkurrenz-Weltmeister wahrlich nicht zu fürchten.
Kramnik baute seit seinem Triumph über Kasparow immer mehr ab. Selbst
Platz fünf wird der 30-Jährige vom Schwarzen Meer in der nächsten
Weltrangliste kaum mehr verteidigen können. Gegen Anand oder Topalow
dürfte Kramnik chancenlos sein. Auch der Weltranglistendritte Leko würde
sich kaum noch einmal eine 7:6-Führung – so wie im Vorjahr bei der WM im
schweizerischen Brissago – in der letzten Partie von Kramnik entreißen
lassen. Bei einem Erfolg des Ungarn stünde ohnehin eine Titelvereinigung
außer Frage. Leko wird ebenso wie Kramnik von dem Dortmunder Carsten
Hensel gemanagt.
Die drei Führenden in der Weltrangliste wurden
auch von den fünf anderen nominierten Großmeistern auf den
Favoritenschild gehoben. „Natürlich sind Topalow und Anand favorisiert.
Aber höchstwahrscheinlich wird der Sieger in einem ausgeglichenen
Wettbewerb erst in der letzten Runde ermittelt, wenn nicht sogar in
einem möglichen Tie-Break“, prophezeit Leko.
Sicher scheint nur eines: Kasimdschanow wird
seinen in Libyen errungenen Titel in der argentinischen
Provinz-Hauptstadt nicht verteidigen können. Der in Solingen lebende
Usbeke ist bei den Wettbüros mit einer Quote von 50:1 der krasseste
Außenseiter. Zum Vergleich: Bei Anand erhalten die Tipper nur den
2,8fachen Einsatz zurück, bei Topalow und Leko das 4,2- beziehungsweise
5,2fache. Für den bulgarischen Nationalhelden Topalow ist die WM „das
wichtigste Turnier meines Lebens. Diesen Modus mit Hin- und Rückrunde
halte ich für den besten und ausgewogensten. Der Sieger wird verdient
Champion“. Ex-Weltmeister Anand sieht eine „größere Legitimation des
FIDE-Weltmeisters als zuletzt“. Der Spitzenspieler von Bundesligist OSC
Baden-Baden ist heiß auf den ersten Zug, nachdem den indischen
Sport-Superstar das jahrelange Hickhack um die WM nervte: „Die
Schachfans in aller Welt wollen Partien sehen und kein Palaver mehr
hören!“