Chess960 „Chess960 ist besser als Sex“ Chess Classic Mainz sorgen für Popularisierung einer zweiten Schachvariante
12.08.2005 - Das Schach des nächsten Jahrtausends soll in Mainz gespielt werden. Die Rede ist nicht etwa von dem Weltranglistenersten Viswanathan Anand, der bei den Chess Classic Mainz alle Jahre wie Lance Armstrong bei der Tour de France den „Kannibalen“ spielt. Der Schnellschach-König führte den Russen Alexander Grischuk gleich zum Auftakt der GrenkeLeasing Championship vor und liegt nach zwei der acht Partien bis Sonntagabend mit 2:0 in Front. „Wir sind nicht zu stoppen!“, verkündet Organisator Hans-Walter Schmitt gewohnt markig und meint nicht seinen Ziehsohn Anand, sondern die Schachvariante Chess960. Die ist auch sein Kind. Seit ihrer Einführung vor vier Jahren in Mainz hat sie selbst unter den traditionsbewussten Anhängern des Jahrtausende alten Spiels schon erstaunlich viele Freunde gefunden.
Die Grundidee von Chess960 hatte
Bobby Fischer entwickelt. Der Weltmeister von 1972 war die
Eröffnungspaukerei
leid. Die Stars feilen zwischen den Turnieren täglich bis zu
zehn Stunden an
ihrem Eröffnungsrepertoire, um den nächsten
Kontrahenten vielleicht im 22. Zug
der Spanischen Variante mit einer neuen Idee zu überraschen.
Daher erfand der
legendäre Amerikaner das Fischer Random Chess. Dabei wird vor
jeder Partie die
Grundstellung der Figuren nach bestimmten Regeln ausgelost. Nur die
weißen
Bauern stehen wie gewohnt auf der zweiten und die schwarzen auf der
siebten
Reihe. Die Regeln seines Idols Fischer verfeinerte Schmitt, um auch die
Rochade
- einen essenziellen Schachzug, bei dem der König in
Sicherheit gebracht wird –
im Fischer Random Chess zu ermöglichen.
Danach war Chess960 geboren. Mit
dem englischen Begriff für Schach paarte Marketingmann Schmitt
die Zahl der
möglichen Startaufstellungen, die vor jeder Partie ausgelost
wird. Auch die
„normale“ Position ist möglich, sie
trägt die Nummer 518. Mit Turnieren bei den
Chess Classic Mainz trug der Organisator aus Bad Soden das neue Spiel
hinaus in
die Schachwelt. Sogar eine Weltmeisterschaft gibt es, in der der
russische
Titelverteidiger Peter Swidler nach den ersten zwei der acht Partien
mit
1,5:0,5 gegen Zoltan Almasi führte. Der 29-jährige
Ungar hatte im Vorjahr das FiNet
Chess960 Open gewonnen und sich als Herausforderer für die
FiNet Chess960-WM qualifiziert.
„Ich bin mit Chess960 der beste
Freund der Großmeister“, behauptet Schmitt.
Schließlich können die sich zwischen
den Partien auf die faule Haut legen. Die hektische Vorbereitung auf
das Eröffnungsrepertoire
des nächsten Kontrahenten entfällt. „Die
Akzeptanz ist viel größer geworden“,
konstatiert Artur Jussupow. Der deutsche Schnellschach-Europameister
hatte 2001
in Mainz als Erster einen Wettkampf im Chess960 gewagt und
festgestellt: „Wer
es ausprobiert, wird es positiv bewerten.“ Die These des
Weltranglistenersten
Anand bestätigt sich in der Rheingoldhalle: „Wenn
die Preisgelder klettern,
steigt auch die Akzeptanz.“ Im Kampf um die insgesamt 36.000
Euro im FiNet Chess960
Open und dem folgenden Ordix Open meldeten 87 internationale
Titelträger.
Die Profis beherrschen auch
Chess960. Es sind zwar eher Überraschungen für
Amateure möglich, weil sie nicht
schon aus der Eröffnung heraus überspielt werden
– aber letztlich nähern sich
die Partien nach 15 oder 20 Zügen Stellungen an, die der
Schachspieler von den
klassischen Partien her kennt. „Die Figuren stellen
möglichst rasch wieder ihre
Dialogfähigkeit her“, befindet Eckhard Freise,
seines Zeichens eloquenter Professor
für mittelalterliche Geschichte und erster Millionär
in der Jauch-Quizshow. Der
Stammgast bei den Chess Classic Mainz ulkt: „Chess960 ist
besser als Sex – es
gibt mehr Stellungen.“
Keine Sache, die Elektronenhirne
erregt. Bei der ersten Livingston Computer-WM im Chess960 wurde das
Programm
des Frankfurters Roland Pfister seinem Namen vollauf gerecht. Die
Rochade-Regel, die nur ein bisschen schwerer als im normalen Schach
ist, führte
die Engine irregulär aus. Mit dem Patzer hatte
„Patzer“ die Partie verloren. Fast
zeitgleich hatte der Baden-Badener
Großmeister-Anwärter Rainer Buhmann den
Inder Pentela Harikrishna dank der Rochade bezwungen. König
und Turm stehen
danach immer wie im normalen Schach, auch wenn sie von
unterschiedlichen
Feldern kommen. Als Buhmann rochierte, seinen Turm so auf die d-Linie
brachte
und Material auf dieser gewann, bezweifelte Harikrishna die korrekte
Ausführung. Der herbeizitierte Schiedsrichter Sven Noppes
bestätigte jedoch
Buhmanns Rochade, woraufhin die indische Nummer zwei hinter Anand
aufgab. Es
gab auch ohne Rochade einige kuriose Kurzpartien renommierter Spieler:
So gab
der Internationale Meister Klaus Klundt nach zwei Zügen auf!
Großmeister Fabian
Döttling hatte mit 1.b3 seinen Läufer auf a1 belebt,
der sogleich nach g7
schielte. Klundt entwickelte statt den Springer g8 nach f6 jenen von h8
nach
g6. Nach Lxg7 war noch gleich die Qualität weg, weshalb der
Bayer umgehend die
Waffen streckte. Das „Schäfermatt“ des
Chess960 fand Freise in der neunten
Runde mit einem erstickten Matt nach lediglich vier Zügen
gegen einen völlig
perplexen Gegner!
Schmitt
fechten solche Problemchen nicht an. Zuversichtlich tönt der
Organisator, der inzwischen einen bundesweiten Chess960-Turnierzyklus
aufbaute:
„Ich vergleiche Chess960 mit dem Internet. Das war Mitte der
90er Jahre auch
nicht aufzuhalten.“