Nachrichten Bei FIDE liegen die Nerven blank: Kanonendonner nach Karpov-Interview
01.08.2005 - Bei der Schachweltorganisation liegen die Nerven blank: Nach dem Interview von Ex-Weltmeister Anatoly Karpov fährt die FIDE schwere Geschütze auf. Mit Kanonendonner wird die Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit getragen. FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov hält sich bedeckt - seine Vizepräsidenten Azmaiparashvili und Makropoulos ziehen in die Publizitäts-Schlacht. Es geht um Charakterfragen, Vorwürfe, nicht ausgesprochene Gerichtsurteile, Millionen-Zahlungen und das Finanz-Chaos des Weltschachverbands.
Karpov-Interview
schlägt hohe Wellen
Zarpuschka, die imposante Kanone des russischen Zaren:
Weil das Rohr zu kurz ist, ist die Kanone zum Abfeuern ungeeignet.
Foto: Steffen Habermann, www.anagoria.de
Eigentlich war es eher
journalistische Routine. Hartmut Metz, Pressesprecher der Chess Classic
Mainz, Schach-Journalist und im Hauptberuf Ressortchef "Aus aller Welt /
Magazin" beim Badischen Tagblatt in Baden-Baden, hatte ein Interview mit
Ex-Weltmeister Anatoly Karpov geführt.
Anlaß war dessen Teilnahme an der
Schach-Gala zugunsten von GM Unzicker, der dieses Jahr seinen 80.
Geburtstag feierte und aus diesem Anlass bei den Chess Classic Mainz
entsprechend gewürdigt werden sollte.
Mit von der Partie werden
Boris Spassky, Viktor "der Schreckliche" Kortchnoi und eben Karpov sein.
Ein illustres Quartett, das in dieser Zusammenstellung selten
anzutreffen ist.
Anatoly Karpov. Foto: Joara Chaves
Im Interview äußerte sich
Karpov zu aktuellen und grundsätzlichen Fragen des Schachs, natürlich
auch zur FIDE und deren organisatorischen Zustand, den andere Kenner
der Szene gelegentlich mit "Chaos" umschreiben.
Dann war das Interview
fertig, die Bestätigung des Gesprächspartners eingeholt und alsbald
publiziert.
Eric van Reem lieferte noch die Übersetzung ins
Englische, das war's auch schon.
Fast schon Routine.
Doch dann geschah etwas, was
eigentlich der Traum jedes Journalisten ist: Kaum war das Interview auf
Chessbase.com in englisch erschienen, reagierte die FIDE.
Und zwar auf
zunächst eigenartige Weise. Der Kritik Karpovs an der Amtsführung des
FIDE-Präsidenten ("Selbst
ein Schwachkopf macht es besser als Iljumschinow"), folgte ein
publizistischer Doppelschlag wie Kanonendonner.
Spieler, Journalist und Interview-Fragesteller:
FM Hartmut Metz
Retourkutsche
#1 - Die Nachbetrachtung der Mallorca-Affaire
FIDE Vize GM Zurab Azmaiparashvili nahm
Karpovs Fehdehandschuh auf und antwortete mit persönlichen
Anschuldigungen, dem Vorwurf von Kasparovs charakterlichen Defiziten und der Behauptung, dass er
selbst Monate nach dem Mallorca-Zwischenfall schliesslich als unschuldig bestätigt
wurde. Wir erinnern uns: Anlässlich der Siegesfeier bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft
in Calvià (Mallorca) protestierte Azmaiparashvili vehement gegen den
Ablauf der Siegesfeier, die Angelegenheit eskalierte, es kam zu
Handgreiflichkeiten mit Sicherheitskräften. Azmaiparashvili wurde von
der Polizei verhaftet und ins Gefängnis von Palma gesteckt.
Vielleicht ist Azmaiparashvili in dieser Angelegenheit persönlich
nicht ganz objektiv, denn die Pressemitteilungen der FIDE und des
Spanischen Schach-Verbandes weichen in entscheidenden Punkten voneinander
ab und beweisen eine höchst unterschiedliche Wahrnehmung der Fakten:
Erstens: FIDE Vize
GM Zurab Azmaiparashvili
behauptet in seiner Stellungnahme, daß das kürzlich ausgesprochene
Urteil des Gerichts bewiesen hätte, daß er absolut unschuldig sei.
Zweitens: Die FIDE Pressemitteilung
detailliert hingegen, daß alle kriminellen Anklagepunkte fallen gelassen
seien, unmittelbar bevor das Gericht in Palma de Mallorca zum anhängigen
Verfahren zusammentrat. Demzufolge ist es durch die außergerichtliche
Einigung und den Verzicht auf eine Klage überhaupt nicht zu einem
Gerichtsurteil gekommen.
Drittens:
Die Pressemitteilung des Spanischen Schachverbandes erklärt, daß beide
Parteien - die Spanische Polizei und Zurab Azmaiparashvili - ihre
gegenseitigen Schuldvorwürfe vor dem Beginn einer
Gerichtsverhandlung zurückgezogen hätten und daß
deshalb keine weiteren juristischen Streitereien anhängig wären.
Ungeachtet des Image-Schadens, den dieser Vorfall verursachte, behauptet
der Spanische Schachverband unverdrossen: "Wir sind zufrieden, daß das
Image der FIDE und dessen Direktion nicht beschädigt wurde".
Zumindest die Kasse der FIDE wurde geschädigt: Aus den Unterlagen des
FIDE Treasurers geht hervor, daß für den anhängigen Rechtsstreit
zwischen FIDE Vize GM Zurab Azmaiparashvili
und der Spanischen Polizei
insgesamt 34.000 SFR für Rechtsanwaltskosten budgetiert wurden.
Die verbale Attacke: Azmaiparashvili (rechts) diskutiert
mit dem Sicherheitsdienst der Veranstaltung.
Foto: Diario de Mallorca
Die Verhaftung
Foto: Diario de Mallorca
Das sichtbare Ergebnis:
Azmaiparashvili nach seiner Verhaftung
Foto: Albert Vasso
Eine zweite Reaktion der FIDE auf das
Karpov-Interview kam ebenfalls postwendend: Der
stellvertretende FIDE Vize-Präsident
Georgios Makropoulos warf Ex-Weltmeister Karpov eine schlechte Wahl der Eröffnungsvariante
vor.
Retourkutsche
#2 - Ist Dankbarkeit käuflich?
Und dann ließ Makropoulos die Katze
aus dem Sack: Karpov solle doch den großzügigen FIDE-Präsident nicht
kritisieren, hätte dieser doch mehrere Dutzend Millionen Dollar in den
Schachsport investiert, von denen übrigens einige Millionen davon direkt
in Anatoly Karpovs Taschen geflossen seien.
Die Fakten
der FIDE Finanzen erlauben hier eine andere Schlußfolgerung. Ein Blick
auf die Anlagen, die den Delegierten des kommenden FIDE-Kongresses in
Dresden bereit gestellt werden, ergibt ein eher bescheidenes Bild bei
den Einnahmen und Ausgaben. Während die
FIDE im Jahre 2003 bei Einnahmen von 2.1 Millionen SFR und Ausgaben von
1.2 Millionen SFR noch einen Überschuß von nahezu 900.000 SFR
erwirtschaftete, sehen die budgetierten Zahlen für das Jahr 2004 eher
trübe aus: Hier sind gerade einmal 876.000 SFR als Einnahmen geschätzt
worden, denen jedoch 1.3 Millionen geplante Ausgaben gegenüber stehen -
folglich ein Verlust von über 400.000 SFR.
Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wer
die Prüfungsbestätigung der renommierten Wirtschaftsprüfer Ernst & Young
liest, dem kommen doch einige Zweifel. So äußern sich die Ernst &
Young-Wirtschaftsprüfer: "Wir
haben mit Bedenken zur Kenntnis genommen, daß sich die Kosten des FIDE Elista Büros erheblich gesteigert haben (eine Budget-Erhöhung von 50%
innerhalb von zwei Jahren). Darüber hinaus erachten wir es als höchst
bedenklich, daß das Elista Büro zu der Forderung der
Wirtschaftsprüfer nach einem Nachweis der Kosten überhaupt nicht
geantwortet hat".
Elista-Gen.Direktor Viacheslav
Namruev
Elista-Manager Bambusha Nominkhanova
FIDE
Treasurer
David Jarett
Nach
eigenen Aussagen der FIDE in ihrem "Treasurers Report" ist ihr Finanzwesen
alles andere als transparent. "Es gibt eine beträchtliche Verwirrung
über die finanziellen Regelungen der FIDE, denn diese wurden im Handbuch nicht
immer aktualisiert. Im letzten Jahr wurden zahlreiche wichtige
Änderungen im Handbuch einbezogen, die der Generalversammlung zur
Genehmigung vorgelegt wurden. Als diese Vorschläge abgelehnt wurden, war
es unklar, wie der tatsächliche Stand der Dinge war".
Deshalb wird
die FIDE
für die nachträgliche Dokumentation ihrer Finanzregularien im Jahr 2004
insgesamt 20.000 SFR ausgeben. Ordnungsgemäße Buchführung sieht anders
aus.
FIDE Vize
Georgios Makropoulos
Doch
kommen wir zurück auf die Aussage von FIDE Vize
Georgios Makropoulos, daß
einige Millionen in Anatoly Karpovs Taschen geflossen seien.
Die FIDE-Konten über die Einnahmen und Ausgaben des Weltverbandes erwecken
nicht den Eindruck, daß Millionen-Zahlungen über ihre Konten geflossen
wären, denn sonst wäre die Ein- und Ausgabenrechnung um ein deutliches
Volumen höher und dies wäre den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young
vermutlich aufgefallen. Bei einem Gesamt-Volumen von cirka 1.3 Millionen SFR können
Millionen-Beträge schlecht verschleiert werden.
So bliebe nur noch der
Umweg über einen geheimen Reptilienfonds: Entweder muss FIDE Präsident
Kirsan Ilyumzhinov
die Zahlungen an Anatoly Karpov direkt unter Umgehung der FIDE-Konten veranlasst haben - oder die Behauptung von FIDE Vize
Georgios Makropoulos ist schlicht
falsch. Ist Dankbarkeit käuflich?
FIDE-Kongress
in Dresden: Es gibt viel zu besprechen
Wie wir aus sonst gut unterrichteten Kreisen hören,
soll die ECU (European Chess Union) kürzlich die Unterstützung der
Kandidatur von Anatoly Karpov zur Wahl des nächsten FIDE-Präsidenten
bestätigt haben. Ob Karpov diese Katze schon in Dresden aus dem Sack
läßt, ist noch offen.
In einer anderen Angelegenheit wird Anatoly Karpov jedoch offiziell und freiwillig Aufklärungsarbeit
leisten: Als UNESCO-Beauftragter der FIDE wird er unter Tagungsordnungspunkt Nummer 17 (von insgesamt 65)
Auskunft über die Aktivitäten des "Committee on International
Organizations" geben.
Sicherlich wäre der FIDE-Kongress eine gute
Gelegenheit, die persönlichen Anschuldigungen im kleinen Kreis zu
besprechen, aber statt dessen haben die Beteiligten das breite Licht der
Öffentlichkeit gewählt, um auf sich gegenseitig zu schießen.
Friede, Freude, Eierkuchen:
Die Harmonie dauerte nur
wenige Tage.
Wladimir Kramnik,
FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov, Bessel Kok (stehend), Garry
Kasparov, Anatoly Karpov (von links nach rechts) freuen sich über
den Abschluss des "Prag-Agreements" von 2002.
Wie dem auch sei, die demokratisch gewählten Delegierten der
internationalen Schachverbände können während des kommenden FIDE-Kongresses
im August in Dresden einige Aufklärungsarbeit leisten, falls sie bei der
umfangreichen Agenda mit 65 Tagesordnungspunkten überhaupt den Willen
und die Zeit dazu finden.
Dem Image des Schachsports und der FIDE täte das gut.