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Die Endlichkeit der menschlichen Erinnerung
Anand will das „weiße“ Jackett erobern und Weltmeister in San Luis werden!
29.07.2005 - Als der sechsjährige Viswanathan Anand in Madras (Indien) die ersten Geheimnisse des Schachs von seiner Mutter erlernte, ahnte diese nicht, dass ihr Sohn damit den Grundstein für eine beispiellose Karriere am Schachbrett und in der Öffentlichkeit gelegt bekam.
Heute blickt der indische Super-GM auf eine beeindruckende Erfolgsserie zurück:

    Junioren-Weltmeister 1987
      Schachweltmeister der FIDE von 2000 bis 2002
    Aktuelle Nummer 2 der FIDE-Weltrangliste, punktgleich mit dem bulgarischen GM Veselin Topalov (der noch an Nummer 1 rangierende Garry Kasparov hat seinen Rücktritt vom Wettkampfschach angekündigt)
      Sieger bei den wichtigsten Schachturnieren der Welt, so z.B. Corus (2003 und 2004), Dortmund (2004) Monaco Amber 1994, 1997, 2003 und 2005.
    Gewinner des Schach-Oscars als bester Spieler der Jahre 1997, 1998, 2004 und 2005

 

GM Viswanathan Anand
Foto: Hartmut Metz

Seine Popularität als Schachspieler der Extraklasse verhalf ihm zur zweimaligen Auszeichnung als Indiens „Sportler des Jahres“. Sein Buch  “My Best Games of Chess” wurde 1998 von der British Chess Federation als “Buch des Jahres” ausgezeichnet.

Mitten in seinen Vorbereitungen auf seine achte Titelverteidigung als Schnellschachweltmeister bei den Chess Classic Mainz 2005, die vom 11. August bis 14. August gegen Herausforderer GM Alexander Grischuk stattfindet, fand er Zeit, sich mit der Redaktion der Chess Tigers über aktuelle Fragen zu unterhalten.

Chess Tigers: Nach dem Rücktritt von Garry Kasparov als langjährige Nummer 1 der FIDE-Weltrangliste führen Sie gemeinsam mit dem Bulgaren Veselin Topalov die Weltrangliste mit je 2788 ELO-Punkten an,  mittlerweile hat Topalov in Dortmund cirka 5-6 Elo-Punkte wieder verloren. Wie denken Sie über Topalov und den Zweikampf an der Spitze der Weltrangliste?

Anand: Topalov hatte im letzten Jahr in Linares und Wijk aan Zee sehr stark gespielt und insgesamt zwei Jahre Spitzenschach auf hohem Niveau gezeigt. Es ist allerdings fraglich, wie lange er solch anstrengende und Kraft raubende Spiele noch weiter durchhalten kann.

Vishy Anand gewinnt den Weltmeisterkampf in Teheran

Chess Tigers: In Indien sind Sie der bekannteste Schachspieler und haben auch die indische Nationalmannschaft in Calvia angeführt. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der indischen Nationalmannschaft?

Anand: Bei der Schacholympiade auf Mallorca hatten wir einige Partien etwas unglücklich verloren – aber wir haben eine gute und junge Mannschaft.

Einzelne Spieler nehmen auch regelmäßig an Turnieren in Europa teil, beispielsweise hat GM Krishnan Sasikiran an den letztjährigen Chess Classic in Mainz teilgenommen, der erst 19jährige GM Pentela Harikrishna nimmt dieses Jahr teil und auch die junge Spielerin Humpy Koneru gilt als großes Talent. Aber es wird noch einige Jahre dauern, bis wir in die absolute Weltspitze vordringen können und so stark wie Russland oder die Ukraine werden.

Der junge Viswanathan Anand sammelte bereits im Alter von 8 Jahren Turniererfahrung.
Foto: Privat

Chess Tigers: Welche Chancen rechnen Sie sich beim kommenden Weltmeisterschafts-Turnier in San Luis, die vom 27.9. bis 16. 10. 2005 in Argentinien stattfinden, aus? Dort treffen Sie ja auf  die Spieler Rustam Kazimdzhanov, Michael Adams, Judit Polgar, Peter Leko, Peter Svidler, Veselin Topalov und Alexander Morozevich.

Anand: Ich würde natürlich gern als Sieger und Weltmeister aus Argentinien zurückkommen, wenn denn meine Gegner damit einverstanden wären (lacht). Ich glaube, es werden sehr anstrengende aber interessante Mini-Matches werden, ähnlich wie in Linares, weil gegen sieben Gegner in jeweils zwei Partien gespielt wird, also insgesamt 14 Partien.

Chess Tigers: Weshalb hat die FIDE ausgerechnet Argentinien zum Austragungsort gewählt?

Anand: In Argentinien sollte bereits einmal ein Weltmeisterschaftskampf zwischen Kasparov und Ponomariov stattfinden, der allerdings schon in der Vorbereitungsphase geplatzt ist. Seit dieser Zeit hat die FIDE gute Verbindungen zu den Organisatoren in Argentinien, das hat sich jetzt bezahlt gemacht.

Chess Tigers: Wird der Gewinner des Turniers in Argentinien dann der wirkliche Weltmeister sein?

Anand: Wenn es nach dem (Dannemann) Weltmeister Wladimir Kramnik geht, würde der Gewinner von Argentinien als Herausforderer gegen ihn um die klassische Weltmeisterschaft spielen, so wie es schon einmal im Prager Agreement von 2002 vorgesehen war. Deshalb nimmt Kramnik auch an diesem Turnier nicht teil.

Alle teilnehmenden Spieler wurden aber von der FIDE verpflichtet, eine Vertragsklausel zu unterschrieben, „nicht gegen einen Spieler einer anderen Organisation um einen Titel zu spielen“ und gehen davon aus, dass der Sieger von Argentinien der neue FIDE-Weltmeister sein wird. Kramniks Haltung dazu ist ein wenig indifferent, letztes Jahr sagte er noch, dass er sich an das Prager Agreement nicht mehr gebunden fühlt, jetzt meint er, dass es wieder gültig werden könnte, weil es opportun für ihn wäre!

Chess Tigers: Es heißt, Sie sind der beste Schnellschachspieler der Welt und Sie würden sich etwas langweilen, wenn Sie Partien mit langer Bedenkzeit spielen müssen.

Anand: Ja, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt, meine Turnierteilnahmen in Linares und Wijk aan Zee haben dies eindeutig gezeigt.

Chess Tigers: Wer war Ihr schwerster Gegner bei den vergangenen Chess Classic Mainz?

GM Ruslan Ponomariov
Foto: Hartmut Metz

Anand: Es waren zweifellos Wladimir Kramnik, mit dem es 2001 eine Remis-Serie gab, die erst im Tiebreak entschieden wurden.

Doch auch die Duelle 2002 mit Ponomariov und 2003 mit Judit Polgar aus Ungarn, der besten Schachspielerin der Welt, waren ziemlich schwierig.

Gegen Polgar habe ich erst am letzten Tag beide Partien gewonnen, zuvor stand es mit 3:3 Punkten ausgeglichen.

Im Duell 2004 gegen Alexej Shirov lag ich eigentlich immer einen ganzen Punkt vorne, das war schon etwas beruhigend.

Chess Tigers: Auf welche Partie sind Sie besonders stolz?

Anand: Im Duell mit Ruslan Ponomariov kam es in der entscheidenden 8. Partie zu einem doppelten Springeropfer (diese Partie können Sie bei  Chessgames nachspielen). Aber auch meine Französischpartien 2000 in Bad Soden gegen Shirov und Morozevich waren von hoher Qualität.

Chess Tigers: Welches war der bedeutendste Sieg bei der Chess Classic?

Anand: Das war eindeutig hier in Bad Soden im Jahr 2000 mit den Top 6 der Welt. Im doppelrundigen Turnier blieb ich ungeschlagen und erzielte fünf Siege und fünf Remis: Das perfekte Turnier gegen Kasparov, Kramnik, Shirov, Leko, Morozevich. Insgesamt waren bei diesem Turnier ja sogar die Top Ten anwesend!

Chess Tigers: Wie schätzen Sie die Qualität der Schnellschach-Partien im Verhältnis zu Sieben-Stunden Schachpartien ein?

Anand: Meine Schnellschach Partien sind auf jeden Fall bis zur vorbereiteten Position auf gleich hohem Niveau und fallen natürlich ein wenig ab, wenn die Zeit knapper wird. Aber wirklich nur unwesentlich.

Chess Tigers: Wie bereiten Sie sich auf ein großes Turnier vor? Haben Sie einen Trainer?

Anand: Vor vielen Jahren hatte ich einmal mit einem Trainer zusammen gearbeitet, aber seit langer Zeit arbeite und trainiere ich alleine. Mit Hilfe von Computern und Datenbanken analysiere ich neue Ideen für Eröffnungen. Aber auch die sportliche Fitness darf nicht außer Acht gelassen werden.

Chess Tigers: Wie intensiv bereiten Sie sich auf GM Alexander Grischuk vor?

Viel Glück im nächsten Jahr: Zoltan Almasi (links) ist Herausforderer von Chess960-Weltmeister GM Peter Svidler. Alexander Grischuk (rechts) fordert Vishy Anand im Duell um die Schnellschachweltmeisterschaft heraus.
Foto: Hartmut Metz

Anand: Selbstverständlich bereite ich mich gewissenhaft auf ihn vor. Das übliche Studieren seiner Partien bringe ich mit meinen Hauptideen in bevorzugten starken Systemen zusammen – er macht sicher das Gleiche.

Eine besondere Schwierigkeit ist mehr und mehr bei allem gespeichertem Wissen sich exakt zu erinnern, wie denn die Bewertung der Stellungstypen bzw. der konkreten Varianten ist – ohne quasi ein Protokoll zu diesen komplexen Varianten in der Datenbank zu erstellen erscheint das später unmöglich.

Wenn man am Brett sitzt und sich dann nicht mehr erinnern kann, muss der Variantenbaum wieder neu erarbeitet bzw. überprüft und bewertet werden. Das kann ganz leicht in die Hose gehen. Die Schwierigkeiten liegen eben in der Endlichkeit der menschlichen Erinnerungsfähigkeit.

Chess Tigers: Was machen Sie, falls Sie das Match gegen Grischuk verlieren sollten – spielen Sie dann im nächsten Jahr im ORDIX Open mit, um sich zu qualifizieren oder drängen Sie unverzüglich auf eine Revanche?

Anand: Ich fordere in einem solchen Falle natürlich eine Revanche.

Chess Tigers: Wann steigen Sie in das Chess960 Geschehen ein?

Anand: Wenn es gutes Geld und noch mehr Prestige dafür gibt, warum sollte ich das nicht machen? Aber durch die alljährlichen Titelverteidigungen in Mainz bin ich ja entschuldigt und kann die Spiele am Nachbartisch nur verfolgen.

Chess Tigers: Was denken Sie, wenn Sie schon 20 bis 30 Züge aufs Brett gebracht haben und die Jungs am Nebentisch überhaupt noch nicht begonnen haben oder zumindest über ihre ersten Züge nachdenken?

Anand: ja, ich schau mir das an, aber ich fange nicht an zu rechnen, erst wenn die Partien die bekannten überschaubaren Strukturen aus der Eröffnung ins Mittelspiel bekommen, schaue ich genauer hin und kann dann in den täglichen Pressekonferenz auch dazu was sagen, die Endspielbeurteilung, bzw. die Gewinnchancen die sich bieten, kann ist dann konkret sehen.

Chess Tigers: Würden Sie den Organisatoren empfehlen wie in Monaco (Schnellschach normal und Schnellschach Blind) die Disziplinen täglich zu mischen?

Anand: Das halte ich in Mainz für keine gute Idee, weil man sich an die Spielrhythmen gewöhnen muss. Die Konstellation mit den Open, also zuerst FiNet Chess960 und dann ORDIX Open 11 Runden an zwei Tagen ist absolut richtig. Der gleiche Zeitrhythmus mit 20 Minuten plus 5 Sekunden pro Zug bringt für die Kombinationsteilnehmer nur Vorteile. Ich halte es für sogar sehr geschickt, die normalen Spieler langsam an das neue Spiel heranzuführen, zuerst mal zugucken im Open und abends auf der Bühne und dann selbst spielen, die perfekte Verführung…

Das schwarze Jackett für den Sieger:
GM Viswanathan Anand in Mainz 2004

Chess Tigers: In der nächsten Woche geht es in Mainz um den Weltmeistertitel im Schnellschach.

Anand: Nein, es geht um mehr! Für Schnellschach bedeutet Mainz eher etwas wie "Wimbledon" für Tennis, "Augusta" für Golf oder die "Tour de France" für das Radfahren. Diese Events haben alle auch ihre eigenen Champions charakterisiert, genau wie die Chess Classic. Von diesen professionellen Veranstaltern würde niemand den Titel gegen einen gelegentlich ausgespielten WM-Titel eintauschen wollen und Hans-Walter schmitt weiß das haargenau.

Chess Tigers: Die Veranstalter planen, Ihnen in diesem Jahr kein weiters „Schwarzes“ Jackett zu den bisherigen Sieben hinzu zu geben, sondern, falls Sie wieder gewinnen sollten, soll es ein „Weißes“ zur Dokumentation des 8. Sieges werden!

Anand: Hans-Walter hat viele Ideen und ist ja immer für eine Überraschung gut, jetzt bin ich erst recht voll motiviert, immer nur das schwarze Einerlei….(lacht augenzwinkernd).

Herr Anand, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch mit Großmeister Viswanathan Anand führte Gerhard Kenk.

Hans-Walter Schmitt und Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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