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Chess960 und der Hacker mit dem roten Porsche
28.07.2005 - Chess960 goes Mainstream - das kann man zumindest nach dem vielbeachteten Artikel von Kevin Lee Poulsen im US-amerikanischen Kultmagazin Wired konstatieren. Die neue Schachvariante, bei der die Anfangsaufstellung der Figuren ausgelost wird und somit ohne die Fesseln der umfangreichen Eröffnungstheorie gespielt werden kann, wird einem breiteren Publikum näher gebracht. Das Kult-Magazin Wired ist kein unbeschriebenes Blatt und der Journalist Kevin Lee Poulsen hat bereits früher die US-Medien-Schlagzeilen beherrscht, allerdings nicht als Journalist.

Das Magazin Wired hat für die Zielgruppe der Internet-Fans zu Zeiten der WWW-Euphorie einen Kult-Status erreicht, wie es zuvor nur vielleicht Hugh Hefner mit seinem bunt bebilderten Häschen-Magazin für die Männerwelt schaffte.

Am 19. Juli 2005 schrieb Kevin Poulsen schrieb in WIRED über Chess960 und die Weltmeisterschaft der Chess960-Computerprogramme, die im Rahmen der Chess Classic Mainz 2005 stattfinden.

Chess vs. Chess960: A PC's View 

Chess960 seems to hold special appeal for chess programmers. Because the placement of pieces is random, computers rely on lightning-fast processing, without retrieving archives of past moves from a database.

Conventional chess-playing programs, with their dreadful power to calculate moves deep into the future, still rely on a digital version of an opening book at the outset of each game. This is essentially a look-up table constructed by a specialist, dictating the correct move for two million or more unique positions. >>>mehr: Story in Wired News
 

Unorthodox Chess From an Odd Mind 

The opening phase of a chess game as currently played has been subject to a hundred years of scholarship and play, and today players are hard pressed to find so much as a viable pawn push within the first 20 moves that hasn't been thoroughly analyzed.

As a result, serious players spend considerable time memorizing published openings as played by masters and grandmasters, so they know the correct, time-tested response to every move an opponent makes. One standard text on the subject, Modern Chess Openings, is 750 pages long, and will tell you, for example, that the proper answer to white's pawn advance on the 12th move of the Soltis Variation of the Yugoslav Attack, a variant of the Sicilian Defense, is to move your king's rook pawn.

"Bobby Fischer felt that this is not really what chess should be all about," said Mark Vogelgesang with Chess Tigers, a German nonprofit group organizing next month's tournament. "It should be about creativity."

Fischer unveiled the new chess at a 1996 press conference in Buenos Aires. The idea was simple: With so many possible starting positions, Chess960 -- or "Fischer Random Chess" -- takes rote memorization off the board. Opening books are obsolete, and competitors live and die by skill alone from the very first move.

The game makes room for casual players with day jobs to play at a serious level, because they no longer have to devote hours of preparatory time to studying opening variations.

Fischer captured the public's imagination in 1972 when he defeated Boris Spassky in a match in Reykjavík, Iceland, to become the world chess champion -- the first (and still only) American to hold the title, which had long been dominated by Soviet players.

Despite the endorsement of one of the chess world's most famous, and controversial, figures, years passed without Chess960 gaining much traction. Then, in 2001, German aficionados began organizing Chess960 exhibition matches and open tournaments as part of the Chess Classic Mainz -- an annual chess festival held outside Frankfurt that draws players from throughout Europe.

In 2003, Russian grandmaster Peter Svidler defeated the Hungarian Peter Leko to become the official Chess960 World Champion. Last year over 200 players, including scores of grandmasters, competed for the right to challenge Svidler for the championship this year. >>>mehr in Wired News

Das Magazin Wired hatte sich in der zweiten Hälfte der 1990er einen Kult-Status in der einflußreichen und wachsenden Internet-Fan-Gemeinde geschaffen, die ihresgleichen suchte.

"Es versteht sich als Medium der Technikfreaks, hat einen elitären Habitus, ist aber allgemeinverständlich geschrieben. Insbesondere seine auffällige Gestaltung reflektiert den Geist von Medien- und Netzkultur. Besonders bekannt wurde Wired durch die New Economy-Bewegung, die es ideologisch begleitete. Den spöttischen Beinamen "Zentralorgan der kalifornischen Ideologie" erhielt das Magazin von Kritikern, die sich besonders gegen die von Wired vertretenen libertären  Auffassungen richteten, welche großen Einfluss auf die Internetideologie der virtuellen Klasse hatten. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase 2000 wurde die Redaktion drastisch reduziert und die Ausrichtung verändert. Wired hat sich seitdem stark kommerziellen Themen in der Silicon-Valley-Kultur zugewandt und politische Themen ausgeblendet." (Quelle: Wikipedia)

Kevin Lee Poulsen: Der Hacker mit dem roten Porsche. Foto: Los Angeles Police Department

Ob Wired die besten Tage schon hinter sich hat, wird zur Zeit in Online-Medien wie SPIEGEL-ONLINE diskutiert. So schreibt Frank Patalong in seinem Beitrag "Wired schrumpft weiter" vom 29. Juli 2005: "Einst war Wired die prominenteste Newsseite im Internet. Doch in zehn Jahren wechselte einige Male der Besitzer - und damit auch die Strategie. Der neue Besitzer, Daum Communications aus Korea, setzt auf Sparen: Bluten musste in dieser Woche die Redaktion... Individualität und Subjektivität, wie sie Wired News seit zehn Jahren pflegt, ist eine Mangelware in der Medienwelt. Uniforme Agenturware gibt es satt bei Google, Yahoo News und all den anderen News-Robotern".

Wer ist Kevin Poulsen? Nachfragen nach dem beruflichen Background des Journalisten Poulsen ergaben zunächst lediglich ein nichtswissendes Schulterzucken - doch für Insider der Technik-Szene war Poulsen dafür um so bekannter. Poulsens Bekanntheitsgrad explodierte, als er als Hacker in die Systeme der US-Telefongesellschaften eindrang - und als Urheber sensationeller Einbrüche damit Hacker-Geschichte schrieb.

Berühmt ist seine Manipulation des Telefoncomputers der Radio-Station KIIS-FM, die in einem PR-Wettbewerb einen besonderen Preis für den 102. Anrufer auslobte: Ein roter Porsche sollte der Hauptpreis sein. Poulsen manipulierte die Telefonanlage, daß sein Anruf ihm den Hauptgewinn sicherte. Fortan war er der Hacker mit dem roten Porsche.

Weitere elektronische Einbrüche sollten folgen, sein Name geriet auf die Fahndungsliste des FBI. In der geheimnisumwitterten Hacker-Szene war Kevin Poulsen unter dem Pseudonym "Dark Dante" bekannt - dies sollte noch für manche Parallele in seinem Leben sorgen.

Der Hacker mit dem roten Porsche
Foto: Motorsportcenter.com

Tagsüber arbeitete der für die Sicherheitsfirma SRI International und nachts ging er auf elektronische Einbruchstour. Eine seiner bekanntesten Manipulationen war die Reaktivierung einer alten Telephon-Nummer aus den Gelben Seiten, die einem Hostessen-Service gehörte. So konnten seine Freunde eine virtuelle Escort-Firma betrieben.

Heimliches Vorbild?
Dante Alighieri

Als das FBI Poulsen auf die Schliche kam, verschwand er im Untergrund, ein Exil wie es weiland auch der italienische Renaissance-Dichter Dante Alighieri, der Schöpfer der "Göttlichen Komödie"  erleiden musste. Auch Dante wurde von seiner Heimatstadt Florenz ins Exil verbannt. Als er Jahre später zur Schlichtung politischer Wirren in seine Heimatstadt zurückkehren wollte, wurde er von Papst Bonifatius VIII in Rom festgehalten, wie Antonio Altomonte in Dantes Biographie ("Dante. Una vita per l'imperatore", Rusconi Libri, Mailand, 1985.) ausführlich darlegt.

Die Vita des Ex-Schachweltmeisters Bobby Fischer zeigt ebenfalls einige Parallelen mit Hacker Poulsen und Autor Dante auf: Auch Fischer verbrachte mehrere Jahre im Untergrund in Europa. In Japan wurde er schließlich wegen eines vorgeschobenen Paßvergehens von der Polizei verhaftet und verbrachte ein knappes Jahr im Auslieferungsgefängnis, ohne daß jemals ein ordentliches Gerichtsverfahren gegen ihn begonnen wurde (Lesen Sie auch "Exzentriker, Erfinder, Eremit"). Und als Kevin Poulsen letztlich in die Hände des FBI geriet, wanderte er für drei Jahre ins Gefängnis - die bislang längste Haftstrafe für einen Hacker.

Nach der Verbüßung seiner Gefängnisstrafe begann Poulsen eine Karriere als Berater der Firma SecuritFocus und als Journalist. Er deckte in einem Zeitungsartikel auf, wie der berüchtigte SQL-Slammer-Wurm weltweit Tausende von Computern schlagartig zum Absturz brachte, darunter auch einen Überwachungscomputer des US-Atomkraftwerks Davis-Besse im US-Bundesstaat Ohio. Der Slammer-Wurm konnte durch einen Hintereingang, eine ungeschützte Netzwerkverbindung ohne Firewall-Überwachung, direkt in den Überwachungscomputer eindringen - glücklicherweise war jedoch der Atomreaktor infolge eines technischen Defekts zum Zeitpunkt der Slammer-Attacke abgeschaltet. Es ist leicht zu erraten, daß die US-Atomkraft-Lobby über diese Poulsen-Story "not amused" war. (Quelle: Slammer worm crashed Ohio nuke plant network. Kevin Poulsen, SecurityFocus 2003-08-19 http://www.securityfocus.com/news/6767)

Kevin Poulsen steht auch im Mittelpunkt des Buches: "Watchmann, Schatten ohne Gesicht".  "Er führt ein Doppelleben: tagsüber stellt das Computergenie sein Können in den Dienst des Vaterlands, nachts schlüpft er in eine ganz andere Rolle - die des brillanten Hackers. Für Poulsen ist es eine leichte Fingerübung, das amerikanische Telefonnetz lahmzulegen oder Leitungen so zu manipulieren, daß er bei Radiosendungen als einzig durchstellbarer Anrufer enorme Gewinne abkassiert. Bis ihm das FBI eines Tages auf die Schliche kommt und Poulsen untertauchen muß. Die Jagd nach Amerikas genialstem Hacker beginnt. Die wahre Geschichte von Kevin Poulsen: ein verstörendes und faszinierendes Drama einer Obsession und zugleich ein Blick in den Abgrund unumschränkter Herrschaft". Jonathan Littman: Watchmann, Schatten ohne Gesicht Taschenbuch - 318 Seiten (1998) Goldmann ISBN: 3442540046.

Und so schließt sich der Kreis. Der ehemalige Hacker und Computer-Journalist Poulsen entdeckt Chess960, berichtet im Mainstream-Magazin "Wired" über die Besonderheiten der Chess960-Computerweltmeisterschaften anlässlich der Chess Classic Mainz 2005 und verschafft dadurch dem Thema den Ausbruch aus dem  Ghetto der Schach-Spezial-Publikationen.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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