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Engel oder Teufel? Die dramaturgische Symbolik des Schachs
Bei den Chess Classic Mainz treffen Kortschnoi und Karpov wieder aufeinander
23.07.2005 - Schon immer gab es im Weltschach herausragende Spielerpersönlichkeiten, die in den Turnierwettkämpfen ihre Gegner fast nach Belieben dominierten. Und auch häufiger als erwartet gab es auch Opponenten am Brett, die sich nicht als Opfer in die lange Liste der Besiegten einreihen wollten. So kommt es immer wieder zum dramatischen Wettkampf zwischen Gut und Böse, zwischen Engel und Teufel, zwischen Favorit und Außenseiter: Das gefällt dem Publikum, davon profitieren die Journalisten und es dient der Legendenbildung in den Annalen der Schachgeschichte. Nun haben die Besucher der Chess Classic Mainz 2005 ein weiteres Mal die Gelegenheit, Engel und Teufel aus nächster Nähe zu beobachten. Denn es kommt im Rahmen der "Unzicker-Gala" zur Neu-Auflage des sowjet-russischen Dramas zwischen „Viktor dem Schrecklichen“ Kortschnoi und dem Liebling der staatlichen Verbandsfunktionäre in der Ägide der Sowjetunion, Ex-Weltmeister Anatoli Karpov.
    Duelle für die Legendenbildung: Die Dramatik des Herausforderers

Schon Aaron Nimzowitsch griff tief in die Trickkiste seiner damals neuartigen Schachtheorie und war auch ein Freund der psychologischen Kriegskunst, um seine Gegner einzuschüchtern und zu provozieren.

Das Drama der unversöhnlichen Gegner:
Engel und Teufel beim Schachspiel in Barcelona
Foto: Daniela Klotz

Bei einem Turnier 1910 in Hamburg sollte Nimzowitsch gegen Walter John antreten. Nimzowitsch kam 45 Minuten zu spät, John hatte schon seinen ersten Zug gemacht und brauchte nur noch 15 Minuten länger warten, bevor sein Gegner kampflos verlieren würde. "Als aber Nimzowitsch schließlich doch erschien - fünfzehn Minuten vor Ablauf der Konumazierungsfrist - ließ er durchaus nicht den Eindruck entstehen, daß er sich nun irgendwie zu beeilen habe. Anstatt sich zum Brett zu setzen, tat er wieder so, als ob er ein brennendes Interesse für die Ölmalereien an der Wand empfinge.

Er schritt von einem Bild zum andern und prüfte jedes sorgfältig, obwohl er schon zwei Wochen lang täglich auf sie geblickt hatte. John merkte alsbald, daß Nimzowitsch irgendwas im Schilde führe und wurde rot vor Zorn über die verachtungsvolle Nonchalance, mit der Nimzowitsch Spiel und Gegner behandelte. Endlich kam Nimzowitsch zum Brett, machte seinen Zug, ohne sich niederzusetzen, und ging sofort wieder fort, um sich weiterhin in das Studium der Gemälde zu vertiefen. Dies wiederholte sich bis zum 16. Zug, und Nimzowitsch verbrauchte ostentativ dafür nicht mehr als fünf Minuten. Im 17. Zug bot er ein feines Bauernopfer an und gewann neun Züge später die Qualität. John hätte ruhig aufgeben können. Aber er war so wütend, daß er justament 82 Züge lang weiterspielte, bevor er endlich kapitulierte.

Am nächsten Morgen schickte er zu Nimzowitsch - zwei Sekundanten, die eine Duellforderung überbrachten. Nimzowitsch lachte die zwei Herren nur aus und erklärte ihnen, er sei zu einem Duell bereit, aber bloß zu einem mit den Fäusten. Er wies auf seine Muskeln und riet den Herren, John zu warnen. Damit war die Duellgeschichte in Lächerlichkeit erstickt." (Quelle: Eduard Lasker: Chess Secrets, Seite 104). Die Herren der Turnierleitung verstanden nicht so viel Spaß und sorgten dafür, daß Nimzowitsch vor dem ersten Weltkrieg zu keinem einzigen größeren deutschen Schachturnier mehr eingeladen wurde.

    Von Baguio nach Bangkok

In Südostasien gibt es einige Städte, die aufgrund ihrer Höhenlage wie klimatische Paradiese Anziehungspunkte für hitzegeplagte Europäer sind. So bieten Bangalore (Indien), Dalat (Vietnam) oder Baguio (Philippinen) angenehm verträgliche Temperaturen im ansonsten feucht-dampfenden Tropenklima der Region.

Radyo Bombo Baguio: Sprachrohr für Bobby Fischer

Vielleicht war es dieses angenehme Klima, das den amerikanischen Ex-Weltmeister Bobby Fischer nach Baguio zog, vielleicht war es aber auch der Wohnsitz seines Schachfreundes, des philippinischen Großmeisters Eugenio Torres. Wie dem auch sei, Bobby Fischer war regelmäßig auf Besuch in Baguio und hatte gute Kontakte zur lokalen Radiostation, Radyo Bombo Baguio. In mehreren Radio-Interviews äußerte sich Bobby Fischer zu Fragen des Schachs und der Weltpolitik - und diese berühmt-berüchtigten Interviews trugen Fischer manchen Ärger in politischen Kreisen ein. Und Baguio war auch Bobby Fischers Reiseziel, als er von der Polizei am Flughafen von Tokio verhaftet wurde und fast ein ganzes Jahr im Gefängnis steckte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zwei andere Schachspieler hingegen katapultierten Baguio ins Zentrum der Schach-, Bühnen- und Musikwelt, als sie im lokalen Kongreßzentrum einen vielbeachteten Weltmeisterschaftskampf austrugen.

In Baguio, einer Sommerresidenzstadt auf den Philippinen in 1500 Metern Höhe und 250 km nördlich von Manila gelegen, lieferten sich Karpov und Kortschnoi, die Antagonisten der sowjetischen Schachelite, einen erbitterten Weltmeisterschafts-Kampf. 21 Unentschieden zeugen noch heute von der Verbissenheit, mit der dieses Match geführt wurde, in dem letztlich Anatoli Karpov mit 6-5 Siegpartien die Oberhand über Viktor Kortschnoi behielt. Kortschnoi war dem russischen Staats-Schach ein Dorn im Auge, hatte er es doch gewagt, anläßlich eines Turniers im kapitalistischen Westen dem Sozialismus den Rücken zu kehren und sich fortan in Freiheit dem Schach zu widmen.

Victor Kortschnoi

Anatoly Karpov

Viktor Kortschnoi
* 23. März 1931 in Leningrad ist ein schweizerischer Schachspieler,
der 1976 aus der UdSSR emigrierte.

Kortschnoi erlernte das Schachspiel mit sieben Jahren. 1947 wurde er Jugendmeister der UdSSR. 1951 erhielt er den Titel "Schachmeister", ein Jahr später qualifizierte er sich erstmals für die UdSSR-Meisterschaft. 1954 wurde er Internationaler Meister.  Er errang den Großmeistertitel 1956 und zählt seitdem zu den besten Spielern der Welt. Fünfmal gewann er den Titel des UdSSR-Meisters (u. a. 1960 in Leningrad). 1976, anläßlich eines internationalen Turniers in Amsterdam emigrierte er. Er ließ in der UdSSR seine Ehefrau und seinen Sohn zurück. Mit Hilfe der FIDE versuchte er danach, für seine Familie eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Zunächst hielt er sich in den Niederlanden, dann in der Schweiz auf, für die er seitdem bei Turnieren antritt. Nach seiner Emigration entsandte die sowjetische Schachföderation ihre eigenen Großmeister nur noch zu Turnieren, bei denen Kortschnoi nicht ebenfalls eingeladen war. Diese Praxis wurde erst 1984 wieder aufgehoben, nachdem Kortschnoi auf einen kampflosen Sieg im Kandidatenhalbfinale 1983/1984 gegen Garri Kasparow  verzichtet hatte und u. a. zu der Bedingung, daß er künftig zu Turnieren mit sowjetischer Beteiligung eingeladen würde, gegen ihn antrat. Kortschnoi unterlag Kasparow mit 4-7. 1974 unterlag er im Kandidatenfinale gegen Karpow, der ein Jahr später kampflos Weltmeister wurde. Im Kandidatenturnier 1977/78 besiegte er Tigran Petrosjan, Lew Polugajewski und im Finale Boris Spasski und qualifizierte sich so für das Weltmeisterschafts-Match gegen Anatoli Karpov.

Sein Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft 1978 in Baguio (Philippinen) gegen Anatoli Karpov fand in einem politisch angeheizten Klima statt: Kortschnoi machte Karpov, der ein gutes Verhältnis zur sowjetischen Führung hatte, für die politischen Verhältnisse in der UdSSR mitverantwortlich. Im Ergebnis verlor er knapp mit 5-6 bei 21 Unentschieden.

Im nächsten Kandidatenturnier 1980/81 bezwang Kortschnoi erneut Petrosjan und Polugajewski sowie im Finale Robert Hübner und qualifizierte sich erneut für das WM-Finale gegen Karpov. Auch 1981 in Meran konnte er den Titel gegen Karpov nicht gewinnen. Quelle: Wikipedia

Anatoli Karpow
*23.Mai 1951 in Slatoust, ist ein russischer Schachgroßmeister und war von 1975 bis 1985 Schachweltmeister sowie von 1993 bis 1999 FIDE Schachweltmeister.

Karpow gewann die Jugendweltmeisterschaft 1969und qualifizierte sich danach in mehreren Wettkämpfen als Herausforderer des Weltmeisters Bobby Fischer. Als dieser zur Titelverteidigung 1975 nicht antrat, gewann Karpow den Weltmeistertitel kampflos. In den folgenden Jahren spielte er sehr viele Turniere, um seinen Anspruch als bester Schachspieler der Welt zu untermauern.

Seinen Titel verteidigte er zweimal (1978 und 1981) erfolgreich gegen Viktor Kortschnoi.

Diese Wettkämpfe fanden in einer sehr angespannten Atmosphäre statt, da Karpow als linientreuer Vertreter der Sowjetunion galt, während Kortschnoi als Dissident in den Westen emigriert war.

1985 verlor Karpov seinen Titel an Garri Kasparow und konnte ihn auch in drei späteren Wettkämpfen nicht zurückerobern.

Erst als Kasparow mit der Weltschachorganisation FIDE brach und als Weltmeister disqualifiziert wurde, konnte Karpov 1993 den Weltmeistertitel zurückerobern und behielt ihn bis 1999.

Von 1985 bis Mitte der 1990er war Karpov die unangefochtene Nummer zwei im Schach.

Er gilt als einer der besten Positionsspieler aller Zeiten.

Den Schach-Oscar als bester Spieler eines Jahres gewann er insgesamt neun Mal.

Aktuell (Juli 2005) belegt er mit einer Elo-Zahl von 2672 den 31. Platz der Weltrangliste.

Karpov schrieb mehrere Schachbücher, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, unter anderem Meine besten Partien (1997, ISBN 3-86155-074-1) und Karpows Schachschule (2002, ISBN 3-88805-289-0).

In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Philatelie und baute eine bedeutende Sammlung auf.
Quelle: Wikipedia

 

 

Kortschnoi - Karpov in Baguio

Von der philippinischen Stadt Baguio sind es mehrere tausend Luftmeilen Entfernung bis zur Thailand-Metropole Bangkok, doch für den Schöpfer des Musical „Chess“, Tim Rice, war ein Schauplatzwechsel von Baguio nach Bangkok nur eine kleiner dramaturgischer Trick.

Die kreativen Köpfe von "Chess": Tim Rice, Björn Ulvaeus und Benny Anderson
Foto: Passagen.se

Diese Dramaturgie in Baguio inspirierte den Drehbuch- und Musical-Schreiber Tim Rice, ein künstlerischer Weggefährte von Andrew Lloyd-Webber, zu dem Musical „Chess“.

Die Musik steuerten die schwedischen Superstars der Pop-Musik der 1970er Jahre, Benny Andersson und Björn Ulvaeus von der legendären ABBA-Gruppe bei.

One night in Bangkok and the world's your oyster
The bars are temples but the pearls ain't free
You'll find a god in every golden cloister
And if you're lucky then the god's a she
I can feel an angel sliding up to me

Und so dauerte es nicht lange, bis die Zuschauerschlangen vor dem Theater im Londoner Westend immer länger wurden und die Hits aus dem Musical die Charts stürmten – mit dem Song „One night in Bangkok“ schrieben die ABBA-Komponisten einen Ohrwurm, der die Kassen der Musikläden zum Klingeln und die Augen der Musikproduzenten zum Glänzen brachten. Tim Rice stilisierte das epische Schachduell auch zu einem bühnenreifen Liebes- und Politdrama um.

Arbiters Song:
As you settle down behind your pawns
Power passes to me
You can play like Fischer, Capablanca, Tal combined
I don't mind -
Please feel free!

They all thought they were the big fromage
But they don't have my clout
I control the match; I start it, I can call it off
Kasparov
Found that out

I'm on the case
Can't be fooled
Any objection
Is overruled
Yes, I'm the Arbiter I know the score

Die Hauptrollen in der Studiofassung werden von Elaine Paige, Barbara Dickson, Murray Head und Tommy Körberg gesungen, als Chor fungieren die Ambrosian Singers aus London, als Orchester das renommierte London Symphony Orchestra.

Spätestens jetzt waren die bisherigen Auseinandersetzungen der Schachannalen, sei es Bobby Fischer gegen Boris Spasski, Botwinnik gegen Smyslow, Kasparov gegen Karpov auf die hinteren Bereiche der Dramenbühne verbannt, jetzt kam auch Herz, Schmerz, Eifersucht und Weltpolitik  als Ingredienzien eines guten Bühnendramas dazu.

"Menschen nur Figuren im großen Spiel: Das Musical Chess ein großer Erfolg". So schrieben Hartmut Metz und Markus Mack im Februar 2000 über die Veranstaltung des Musical "Chess" in Baden-Baden: "Menschliche Schicksale, mitreißende Musik, ein blendend spielendes Ensemble, präzise agierendes Orchester, schöne Kostüme - das sind die Zutaten für ein Erfolgsmusical. Wenn dieses noch geistiges Kind der beiden ABBA- Musiker Benny Andersson und Björn Ulvaeus ist und die Texte vom Erfolgsautor Tim Rice ("Evita", "Jesus Christ Superstar") stammen, so verwundert es nicht, daß das Musiktheater um das Spiel auf den schwarzen und weißen Feldern bereits seit seiner Uraufführung am 5. Mai 1986 in London das Publikum begeistert." Quelle:
http://www.rochadekuppenheim.de/meko/musical.html

    Von Los Todos nach San Luis

Von Los Todos, dem eher etwas provinziellen Städtchen im Norden Argentiniens sind es nur wenige hundert Kilometer nach San Luis weiter unten im Südwesten. In San Luis werden sich nach den Plänen der FIDE die derzeit besten Schachspieler der Welt treffen, um endlich eine unsägliche Geschichte zu beenden und den echten und wahren Schachweltmeister zu ermitteln und damit für etwas positive Popularität des Titelinhabers zu tun.

Madonna als "Evita" im gleichnamigen Film von Alan Parker

Ganz anders erging es da einer jungen Dame, die aus Los Todos stammte und in frühen Jahren hinaus in die weite Welt zog. sie brachte es in kürzester Zeit zum umschwärmten Liebling einer ganzen Generation und Nation. Eva Peron eroberte die Herzen der Argentinier im Sturm und ihr Leben und Schicksal inspirierte Musical-Man Tim Rice, der mittlerweile die Ritterwürde von der englischen Queen Elizabeth II erhalten hatte, zu einem weiteren Kassenfüller. Mit „Evita“ und dem Hit „Don’t cry for me, Argentina" schließt sich der Kreis mit Tim Rice.

Doch die natürlich gewachsene Popularität der Nationalheldin Eva Peron oder ihrer Rolle „Evita“ steht im  krassen Gegensatz zur Nicht-Popularität eines Schach-Weltmeisters, wer es denn auch immer sei. Nach vielen vergeblichen Anläufen versucht der Weltschachverband FIDE einmal mehr, das gegenwärtige Chaos um den einzigen und wahren Schachweltmeister zu beenden und hat deshalb für die Zeit vom 27. September bis 16. Oktober zu einem Weltmeisterschaftsturnier eingeladen.

Acht Spieler der Weltklasse spielen um die Weltmeister-Krone: Rustam Kasimdzhanov, Michael Adams, Judit Polgar, Peter Leko, Peter Svidler, Vishy Anand, Veselin Topalov und Alexander Morozevich. Das Fehlen des Schach-Superstars der vergangenen Jahrzehnte, Garry Kasparov, ist einleuchtend, er hatte im Frühjahr seinen Rücktritt vom aktiven Turnierschach bekannt gegeben. Der Gewinner des letztjährigen Weltmeisterschafts-Duells in Brissago, Wladimir Kramnik, hat zwar keinen Rücktritt angekündigt, fehlt aber trotzdem in der Teilnehmerliste.

Und wenn dann am 16. Oktober im neuerbauten Annex des Hotel Potrero de los Funes im argentinischen San Luis der wahre Weltmeister ermittelt sein wird, ist schon heute klar, daß er um seine zukünftige Popularität unter Fans und Funktionären kämpfen muß. Es wird lange dauern, bis er eine ähnliche Bekanntheitsstufe wie Evita oder Kasparov erreicht, sei es als Engel oder Teufel.

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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