18.07.2005 - Abwesender "Tiger" feiert Erfolg in Dortmund. Viswanathan Anand verzichtete auf die Teilnahme bei den Dortmunder Schachtagen und gab am Samstag in seiner Heimat lieber eine Wohltätigkeitspartie zugunsten indischer Kinder - trotzdem gehörte er zu den Siegern des Turniers.
DORTMUND taz
Zwei Sieger
bei den Dortmunder Schachtagen haben bereits gestern vor den
letzten Zügen (nach Redaktionsschluss)
festgestanden: Zum einen der 19-jährige Lokalmatador Arkadij
Naiditsch, zum anderen Viswanathan Anand. Und das, obwohl der
"Tiger von Madras" erst gar nicht bei dem zu den vier wichtigsten
Turnieren des Jahres zählenden Wettbewerb antrat. Der
Vorjahressieger schätzt Dortmund nicht, weil er sich auf dem
Terrain der Schachtage-Dauerbrenner Wladimir Kramnik (Russland)
und Peter Leko (Ungarn) unwohl fühlt. Stattdessen bereitet sich
Anand lieber auf "sein deutsches Turnier" im August, die Chess
Classic Mainz, vor und gab am Samstag in seiner Heimat ein
Wohltätigkeitssimultan zugunsten indischer Kinder.
Nebenbei durfte sich der 35-Jährige freuen, ohne eigene
Denkanstrengung in der Weltrangliste einen Vorsprung bekommen zu
haben. Der Kronprinz, der nach dem Rücktritt von Garri Kasparow
die Nummer Eins ist, musste sich mit Wesselin Topalow den Platz an
der Sonne teilen. Der Bulgare verliert jedoch ebenso wie der
Weltranglistendritte Leko Ratingpunkte. Dass die beiden Asse nach
acht Runden lediglich 4:4 Zähler aufwiesen, ist unter anderem ein
Verdienst von Naiditsch. Der Dortmunder trumpfte sensationell auf
und führte vor seinem letzten Duell gegen Peter Swidler das
zehnköpfige Weltklassefeld mit 5:3 Punkten an. Der Russe konnte
gestern die deutsche Nummer vier noch mit einem Sieg überflügeln.
Das galt auch für Weltmeister Kramnik - vor seiner langen
Formkrise Seriensieger beim Sparkassen-Chess-Meeting - und den
Niederländer van Wely.
Aber selbst wenn Naiditsch mit den schwarzen Steinen kein Remis
und den Turniersieg geschafft haben sollte, bedeutet dieses
Resultat für den 19-Jährigen den internationalen Durchbruch. In
der Weltrangliste katapultiert sich die größte deutsche
Nachwuchshoffnung auf jeden Fall von Platz 112 in die Top 100.
Tosenden Applaus erntete das Talent von den SF Dortmund-Brackel,
wo noch immer seine drei jüngeren Schwestern Irina, Jevgenija und
Marija spielen, in der siebten Runde im Schauspielhaus. Nach fast
sechs Stunden und 58 Zügen hatte der Lokalmatador den Dänen Peter
Heine Nielsen in die Knie gezwungen und die Spitze erobert. Zuvor
hatte der 16. der Junioren-Weltrangliste den Israeli Emil Sutowski
und vor allem überraschend Vizeweltmeister Leko geschlagen. Als
einziger konnte der Co-Weltranglistenerste Topalow den Außenseiter
bezwingen.
Naiditsch, der bereits mit 15 Jahren den Großmeister-Titel
errungen hat, erhielt bis dato nur in seiner Heimatstadt die
Gelegenheit, sich in einem Rundenturnier mit den Stars der Szene
zu messen. Bei seiner ersten von drei Teilnahmen hatte er den
letzten Platz bei den Schachtagen 2003 belegt, aber im Brustton
der Überzeugung verkündet: "Ich brauche mehr solcher Turniere."
Der damals 17-Jährige ließ sich vom Unterricht seiner Gesamtschule
freistellen und kehrte nicht mehr zurück. Ein guter Schüler sei er
ohnehin nie gewesen. "Wenn man zwei Stunden Eröffnungen paukt, hat
man anschließend keine Lust mehr auf Spanisch-Vokabeln", erklärte
der Hobby-Fußballer. Der gebürtige Rigaer wurde im Vorjahr schon
Fünfter in Dortmund, diesmal gelang ihm sein Meisterstück. Im
Schauspielhaus waren fünf der acht weltbesten Großmeister
vertreten. Solche Profis muss Naiditsch auch regelmäßig in Schach
halten, will er sein Ziel verwirklichen: "Nur als Top-Ten-Spieler
kann man gut vom Schach leben. Alles andere ist zu wenig", sagt
Naiditsch.