19.07.2005 - Der indische Super-GM Vishwanathan Anand hat eine neue Fan-Gemeinde gewonnen. Bei einem Simultan "Vishy versus 64" im indischen Chennai trat der mehrfache indische "Sportler des Jahres" gegen 64 Spieler in einem Simultan-Match an und gewann 22.000 US-Dollar - das er allerdings nicht auf sein privates Bankkonto verbuchte, sondern für einen wohltätigen Zweck spendete: für die Behinderten-Organisation Vidyasagar, einer karitativen Organisation zur Unterstützung von Kindern, die an Autismus und anderen geistigen Behinderungen leiden.
Anand und Fan: Zwei Schachspieler bei Vidyasagar in
Chennai
Die Teilnehmer-Plätze am Simultan
wurden mit Unterstützung des Internet Chess Club (ICC) über
eine e-Bay-Auktion versteigert, zehn glückliche Gegner konnten die
Gelegenheit nutzen, gegen die Nummer 2 der FIDE-Weltrangliste
anzutreten.
Gespielt wurde mit einer Bedenkzeit von 90 Minuten
plus 5 Sekunden Zeitgutschrift pro ausgeführtem Zug.
Parallel zu
den 10 Simultan-Partien bei ICC im Internet spielte GM Vishy Anand
54 Simultan-Partien vor Ort in der indischen 4-Millionen-Metropole
Chennai, dem früheren Madras am Golf von Bengalen.
Chennai ist Geburtsort einiger bekannter Persönlichkeiten, so
stammt beispielsweise der indische Tennis-Star Ramesh Krishnan,
der Schlagersänger Engelbert Humperdinck und der frühere
Beatles-Schlagzeuger Pete Best aus Madras, wie die Stadt heute oft
noch genannt wird. Und natürlich stammt auch Chesstiger Vishy
Anand, der "Tiger von Madras", aus Chennai.
Grund genug für Vishy Anand,
etwas für karitative Zwecke zu unternehmen, inmitten seines
vollgepackten Terminkalenders etwas zur Unterstützung der
behinderten Kinder zu tun.
GM Vishy Anand und Fans
Vidyasagar für wohltätige Zwecke
Mrs. Poonam Natarajan
Die Non-Profit-Organisation
Vidyasagar wurde durch private Initiative von Frau Poonam
Natarajan und anderen Mitstreitern gegründet.
Die Organisation setzt sich zum
Ziel, durch Eigeninitiative Kindern mit geistigen Behinderungen zu
helfen.
"Wir haben uns vorgenommen, die
Spielregeln der Behinderungen zu ändern, so daß jeder besser
spielen und für sich gewinnen kann. Behinderungen sind nicht das
Ende der Welt", faßt die Vorsitzende von Vidyasagar ihre Ziele und
Aufgaben zusammen.
Was ist Autismus?
Die Wortschöpfung Autismus geht auf den bekannten Schweizer
Psychiater Eugen Bleuler zurück. Er prägte 1911 die Begriffe
«autistisch» und «Autismus». Autismus bedeutet - von der griechischen
Wurzel des Wortes «autos» betrachtet - «selbst». Natürlich waren die
Symptome schon lange bevor es den Begriff Autismus gab bekannt. Bleuler
betrachtete den Autismus als einseitig auf sich bezogenes Denken, und
sah den autistischen Rückzug als eine Begleiterscheinung schizophrener
Erkrankungen.
Weltweit gesehen sind von 10 000 Kindern ungefähr 4 bis 5
autistisch. Von der Störung sind Buben 4 mal häufiger betroffen als
Mädchen, wobei zu bemerken ist, das frühkindlicher Autismus in
Familien aller Rassen und sozialer Schichten auftritt.
Autismus zählt neben Schizophrenie und manischer Depression zu
den nur wenig verstandenen neuronalen Erkrankungen. Deshalb gibt es
trotz umfangreicher Forschungsergebnisse bislang noch kein
Erklärungsmodell, das vollständig und schlüssig die
Entstehungsursachen des Früh-kindlichen Autismus belegen kann.
Ätiologieforschung umfaßt den psychogenen Verursachungsbereich den
genetischen Bereich und den neurobiologischen und
neuropathologischen Bereich. In den 80er Jahren wurde festgestellt,
daß bei einem autistischen Elternteil rund 50 Prozent der Kinder
ebenfalls von der Krankheit betroffen sind.
Neuesten Forschungsergebnissen aus den USA zufolge, spielt der
Hirnbotenstoff Serotonin eine wesentliche Rolle beim Ausbruch des
Autismus. Es wurde ein bestimmtes Gen entdeckt (das sogenannte
Serotonin-Transportprotein-Gen HTT), das die Transporteiweiße für
den Hirnbotenstoff Serotonin kodiert, und verstärkt bei Autisten
vorkommt. Quelle: Wirtschaftsuniversität Wien
Das Duell der barmherzigen Samariter
Und so kehrt GM Vishy Anand von
einem anstrengenden Simultan-Match aus Indien nach Deutschland
zurück, ermattet von den Anstrengungen, aber zufrieden über die
Unterstützung, die er vermitteln konnte.
Die Anstrengungen dürften für den
indischen Schnellschachweltmeister jedoch noch nicht so bald
vorüber sein, denn nun steht die Vorbereitung auf sein Duell mit
seinem Herausforderer GM Alexander Grischuk anlässlich der Chess
Classic Mainz im August 2005 an.
Denn dieses Duell knistert vor
Spannung. Vishy Anand wird den Herausforderer nicht auf die
leichte Schulter nehmen können, denn nicht umsonst hat GM Grischuk
in der Mainzer Rheingoldhalle zweimal hintereinander das
ORDIX-Schnellschach-Open gegen die nahezu vollständig vertretene
Weltelite gewonnen und sich so den Titelkampf sportlich wahrlich
verdient.
Grischuk, bekennender Fan der
Rock und Rap-Musik, hat auch ausgeprägte cineastische Vorlieben.
Zu einem seiner Lieblings-Filme zählt "Rain Main", in der Dustin
Hoffmann das Schicksal eines an Autismus leidenden Menschen
spielt, der mit seinem Bruder Charlie Babbit, dargestellt von Tom
Cruise, das Erbe seines verstorbenen Vaters teilen muss.
Rain Man - der Film
"Rain Man" Dustin Hoffmann (rechts)
und Tom Cruise
Erst nach dem Tod seines Vaters -- den er
wegen eines Streits seit 10 Jahren nicht gesehen hat -- erfährt
der Yuppie Charlie Babbit (Tom Cruise), dass er einen älteren
Bruder hat. Dieser autistische Bruder Raymond (Dustin Hoffman),
der in einem Pflegeheim lebt, erbt das gesamte Vermögen: 3
Millionen Dollar.
Um doch noch an das Geld zu kommen,
entführt Charlie seinen Bruder aus dem Heim. Auf der langen
Autofahrt von Cincinnati nach Los Angeles merkt Charlie, dass
Raymond zwar kaum vernünftig mit seiner Umwelt kommunizieren kann,
aber ein kauzig-sensibler Mensch ist und beispielsweise über ein
außergewöhnliches Zahlengedächtnis verfügt. Die Brüder gewöhnen
sich aneinander, werden Freunde, und der nur auf seinen Vorteil
bedachte Geschäftsmann Charlie verwandelt sich in einen
nachdenklichen und verantwortungsbewussten Mann.
Dustin Hoffmann gewann für seine
Darstellung den Oscar, Regisseur Levinson und sein
Filmmacher-Team Ronald Bass, Barry Morrow und John Seale
gewannen weitere Oscars.
Wenn dann Vishy Anand und
Alexander Grischuk im Duell um die Schnellschachweltmeisterschaft
bei den Chess Classic Mainz aufeinander treffen, haben die Gegner
am Schachbrett durchaus auch gemeinsame Berührungspunkte und
Gesprächsthemen abseits der 64 Felder eines Schachbretts.