Nachrichten „Selbst ein Schwachkopf macht es besser als Iljumschinow“ Interview: Anatoli Karpow neuer FIDE-Präsident? / „Kasparow ist an seiner eigenen kläglichen Diplomatie gescheitert“
06.07.2005 - Anatoli Karpow versteht es immer noch, für Schlagzeilen zu sorgen. Engagiert betreibt der Unicef-Botschafter Werbung für unter Jodarmut leidende Kinder, seine weltweit rund 50 Schachschulen – und in eigener Sache: Anatoli Karpow soll endlich den ungeliebten Präsidenten des Schach-Weltverbandes FIDE, Kirsan Iljumschinow, vom Thron stoßen. Die Europäische Schach-Union (ECU) baut die Legende zum Gegenspieler des Kalmücken auf. Obwohl der 54-jährige Ex-Weltmeister inzwischen seltener Gast in der Turnierarena ist, macht ihm Schach aber immer noch sehr viel Spaß, bekennt der Russe im Interview mit Hartmut Metz. Am 9. und 10. August (jeweils ab 16 Uhr) nimmt Karpow daher bei der Gala zum 80. Geburtstag von Wolfgang Unzicker in der Mainzer Rheingoldhalle teil. Außer dem Münchner Jubilar sind Viktor Kortschnoi und Boris Spasski mit von der Partie.
Karpov beim Simultan-Gastpiel
in Baden-Baden
Frage: Spielt der beste Schachspieler aller Zeiten noch oder
ist er zurückgetreten?
Karpow: Nein, ich spiele weiterhin.
Frage: Im Gegensatz zum 42-jährigen Garri Kasparow sitzen Sie
weiter am Brett. Unlängst bauten Sie im französischen Burdeos Ihre
einmalige Rekordserie aus.
Karpow: Stimmt. Ich feierte meinen 161. internationalen
Turniersieg. In Burdeos schlug ich im Finale den Marokkaner Hichem
Hamdouchi, der recht stark spielt. Frankreich scheint mir Glück zu
bringen. Ende des Jahres war mir auch schon in Aix-en-Provence der
160. Erfolg gelungen.
Frage: Das heißt, eine Schach-Müdigkeit oder neue Ziele wie
Kasparow stellen Sie bei sich nicht fest? Sie wandeln lieber auf
den Spuren Ihres Erzrivalen Viktor Kortschnoi, der auch noch mit
74 die Szene bereichert.
Karpow: Mir macht Schach immer noch Spaß. Deshalb verschwende
ich keinen Gedanken an einen Rücktritt.
Frage: Ihr Kommentar zu Kasparows Abgang?
Drehorgel-Musik:
Ein Ständchen zu Karpovs 54. Geburtstag
Karpow: Ich denke, seine eigenen Manöver mit Kirsan
Iljumschinow haben ihn müde gemacht. Er hat mindestens dreimal
seine Ansichten geändert. Mal war er der gute Freund des
FIDE-Präsidenten, dann wieder sein schlimmster Feind und
beschimpfte ihn mit übelsten Tiraden. Einen Monat später waren sie
wieder die besten Freunde, Kasparow reiste nach Kalmückien, um
seine WM-Chance zu erhalten – doch dann „verarschte“ ihn
Iljumschinow und die Feindschaft blühte wieder. Letztlich hat er
sich selbst zu Fall gebracht und wurde ein Opfer seiner eigenen
kläglichen Diplomatie! Danach trat Kasparow zurück, was aber fürs
Schach, das möchte ich auch betonen, nicht gut ist. Generell lässt
die gesamte Situation zu wünschen übrig.
Frage: Um das zu ändern, sollen Sie Iljumschinow als
FIDE-Präsident ablösen. Morgen soll Ihnen die Europäische
Schachunion (ECU) die Kandidatur zur FIDE-Präsidentschaft
antragen.
Karpow: Natürlich würde es
selbst ein Schwachkopf besser als Iljumschinow machen. Schlechter
kann dieses Desaster kaum mehr werden. Fortschritte sind daher
leicht zu erzielen. Wegen dieser armseligen Führung herrscht ein
Chaos. Um dieses zu beseitigen, muss die Priorität auf der
Vereinigung der Weltmeister-Titel liegen. Lange dürfen wir aber
nicht mehr zögern, um die fatale Situation zu ändern – die Zeit
rinnt uns durch die Finger.
Frage: Mit einer einigen ECU stünden bereits 53 Stimmen
und Verbände hinter Ihnen. Eine geballte Macht, die zusammen mit
Sympathien für den früheren Weltmeister für eine Ablösung
Iljumschinows reichen sollte.
Karpow: Nein, nein, es ist klar, dass die ECU zum Wohle des
Schachs einig sein sollte. Momentan ist es offensichtlich, dass
Iljumschinow weg muss. Und nicht nur der, sondern seine gesamte
Entourage, die die FIDE ausplündert. Das größte Problem besteht
darin, dass man bei fast keinem der FIDE-Funktionäre weiß, ob sie
gerade die Wahrheit sagen oder dich wieder anlügen – Letzteres
passiert selbstverständlich häufiger. Sie bei der Wahrheit zu
ertappen, ist weit schwieriger (lacht).
Frage: Im Falle des Erfolgs würden Sie in die Fußstapfen von
Max Euwe treten, der auch Weltmeister und FIDE-Präsident war.
Karpow: Lassen Sie uns das nicht diskutieren. Klar ist
jedenfalls: Es muss ein neuer FIDE-Präsident her und ein neues
FIDE-Team. Eine Mannschaft mit Leuten wie den Vizepräsidenten
Surab Asmajparaschwili, der Polizisten angreift, und dem vor
Gericht verurteilten Inder Ummer Koya oder diesem inhaftierten
Rumänen Crisan ist absurd. Kein Wunder, haben wir kein positives,
sondern ein negatives Image. Das müssen wir ändern – schließlich
besitzt Schach zahlreiche positive Seiten. Ich denke dabei
insbesondere an Schulschach. In den USA beispielsweise trafen sich
erstmals mehr als 3.200 Kinder zum geistigen Wettstreit. In Kansas
betreibe ich auch eine Schachschule. Über die können Schüler im
Internet Unterricht nehmen und sich Pluspunkte verdienen wie in
Erdkunde oder Geschichte. Derlei scheint mir vielversprechend und
bietet eine fantastische Grundlage für weitere Fortschritte.
Drei Schach-Musketiere: Karpov (vorn), Grischuk (Mitte), Svidler
(hinten)
Frage: Wie viele Karpow-Schachschulen gibt es mittlerweile
rund um den Globus?
Karpow: Oh, das weiß ich inzwischen gar nicht mehr genau. Im
Vorjahr habe ich einige neue eröffnet, so alleine drei in Litauen.
In Russland existieren inzwischen 25 Schulen. Ich meine,
inzwischen gibt es welche in 20 Ländern. Die Zahl der
Schachschulen oder -zentren dürfte nun insgesamt um die 50
betragen.
Frage: Das Karpow-Schachzentrum hier in Baden-Baden zählte zu
den ersten.
Karpow: Ja, nächstes Jahr feiern wir zehnjähriges Jubiläum.
Nur in Russland hatte ich noch früher welche. Seit Baden-Baden
forcierte ich das Thema Schachschulen international. Anfangs
wollte keiner glauben, dass es Sinn macht, Schach als Teil einer
Schule oder gar des Schulunterrichts zu sehen – inzwischen hat
sich das deutlich gewandelt.
Frage: Sie unterstützen zudem die Unicef als Botschafter.
Karpow: Ich habe dabei besonders dem Jodmangel den Kampf
angesagt, durch den Kinder in ihrer Entwicklung zurückbleiben.
Dieser grassierte zu Beginn dieser Tätigkeit vor vier Jahren in
vielen der 29 osteuropäischen Länder, in denen ich als
Unicef-Botschafter tätig bin. Inzwischen gibt es in zwei Dritteln
der Länder Gesetze, um diesen zu beheben. Laut den jüngsten
Statistiken haben wir dadurch nicht nur zu Westeuropa
aufgeschlossen, sondern ein paar Länder überholt. Bulgarien ist
sogar der erste Staat, der von der Unicef für seinen Kampf gegen
Jodmangel ausgezeichnet wurde. Nächstes Jahr sollten wir alle
gesteckten Ziele erreicht haben – dann kann ich mir überlegen, was
ich dann in Angriff nehme (lacht). Ich schätze Aufgaben, bei denen
der Erfolg nachprüfbar ist. Die Zahlen belegen den Fortschritt.
Ich will nicht behaupten, dass das zu 100 Prozent mein Verdienst
ist – aber zu 70 Prozent (grinst). Ich freue mich jedenfalls für
die kleinen Kinder, die die größten Opfer von Jodmangel sind.
Frage: Zurück nach Baden-Baden: War es nie ein Thema, dass Sie
mal für den OSC Baden-Baden in der Bundesliga spielen? Einige
andere Weltstars machen dies auch.
Karpow: Für mich ist das nichts. Ich mag das Spielsystem der
deutschen Bundesliga nicht mit zwei Spielen an einem Wochenende.
Da reist man mehr, als dass man spielt – und dann noch am frühen
Sonntagmorgen! Um für zwei Partien vier Tage zu opfern, fehlt mir
die Zeit.
Frage: Wer ist für Sie der wahre Weltmeister? Wladimir Kramnik
oder Rustem Kasimdschanow?
Karpow: Die schwierigste Frage, die Sie mir stellen können
(schmunzelt)! Ich weiß nicht. Okay, Kasimdschanow hat dieses
Turnier gewonnen, dieses K.o.-Turnier. Ich will ihn nicht
abwerten, aber er ist natürlich nicht der wahre Weltmeister. Ich
will Ihnen zur Erläuterung ein Beispiel geben: Alexander Chalifman
erhielt, nachdem er Weltmeister beim ersten K.o.-Turnier geworden
war, eine Einladung zum Topturnier nach Linares. In einem
Interview danach zeigte er sich erfreut darüber, dass er den
letzten Platz vermeiden konnte! Das zeigt, dass der Titel mit dem
K.o.-System an Renommee verliert. Das war Iljumschinows Absicht.
Am Anfang hatte er durchaus klare und gute Ziele. Aber als er nach
dem ersten Streit kapierte, dass der WM-Titel und die Namen
Kasparow und Karpow weit mehr zählen als der des FIDE-Präsidenten,
konnte Iljumschinow dies nicht verwinden und beschloss, den
Weltmeister abzuwerten. Das gelang ihm – allerdings zerstörte er
auch das Schach. Vielleicht ist er jetzt glücklich, wir anderen
sind jedoch unglücklich. Wir brauchen Persönlichkeiten und einen
Weltmeister, um Sponsoren gewinnen zu können.
Frage: Das heißt, für Sie als FIDE-Präsident würde eine
Titelvereinigung oberste Priorität besitzen.
Karpow: Genau. Kasimdschanow wäre bei acht oder mehr Partien
pro Runde sicher nicht Weltmeister geworden. In Tripolis bewies er
gute Nerven – das ist allerdings nicht genug, um sich den Titel
Weltmeister zu verdienen. Zunächst müssen wir zur klassischen
Bedenkzeit zurückkehren. Natürlich dürfen es heutzutage auch keine
Marathon-Duelle mehr sein wie bei mir damals gegen Kortschnoi oder
Kasparow über 24 oder gar 48 Partien. Zudem darf klassisches
Schach nicht mit Schnellschach und schon gar nicht mit Blitz
vermengt werden, was verschiedene Typen von Schach sind. Wenn es
derlei früher schon gegeben hätte, wären Michail Botwinnik oder
Boris Spasski nie Weltmeister geworden.
Frage: Früher erinnerte man sich, wer Weltmeister war und
wann. Heute ist alles austauschbar.
Karpow: Exakt. Man kannte 110 Jahre Schach-Geschichte. Heute
erinnert man sich nicht mal mehr an die Weltmeister der letzten
fünf, sechs Jahre (lacht).
Frage: Im August nehmen Sie bei den Chess Classic Mainz an der
Gala für Wolfgang Unzicker teil, der am 26. Juni 80 Jahre alt
wird. Welche Erinnerungen haben Sie an den Münchner?
Karpow: Ich kenne Wolfgang schon lange, auch wenn er eine
andere Generation ist. Das erste Mal kreuzten wir in Hastings
Anfang der 70er die Klingen. Dann trafen wir 1974 bei der
Olympiade in Nizza aufeinander. Unzicker zählte einst zu den
besten Spielern der Welt, weshalb ihn jeder kennen muss. Selbst
die ganz jungen Meister sollten Partien von Leuten wie ihm
studieren. Ich war erstaunt, als ich hörte, dass er schon 80 wird.
Frage: Die Sowjets stellten außer Bobby Fischer alle
Weltmeister. Die firmierten zwar als Staatsamateure, aber kann man
den als Richter arbeitenden Unzicker als Amateur-Weltmeister
bezeichnen?
Karpow: Sehr gut möglich für eine gewisse Periode. Unzicker
war zweifellos einer der stärksten richtigen Amateure, keine
Frage. Vergleiche sind indes schwierig. Der als Anwalt tätige
Isländer Olafsson war zum Beispiel ebenso äußerst stark, zählt
jedoch nicht zur Generation von Unzicker.
Frage: Was halten Sie von dem Kampf der Senioren-Titanen in
Mainz mit Unzicker, Kortschnoi und Boris Spasski, bei dem Sie mit
54 Jahren der jüngste Großmeister sind?
Karpow: Das Turnier gefällt mir. Ich habe schon eine Weile
nicht mehr mit Spasski gespielt. Gleiches gilt für Kortschnoi –
und mit Wolfgang bin ich zum letzten Mal vor 25 Jahren in Bad
Kissingen am Brett gesessen.
Frage: Würde eigentlich nur noch Ihr Vorgänger als
Weltmeister, Bobby Fischer, bei den Chess Classic fehlen, um die
ganz Großen der 70er und 80er vereint zu haben.
Karpow: Hoffentlich ist er jetzt erst einmal in Island sicher.
Ich bin jedenfalls froh, dass die Affäre in Japan doch noch
glücklich für ihn endete. Das Hickhack war für Fischer wie die USA
schädlich. Es wurde den Amerikanern nicht positiv ausgelegt, dass
sie einen ihrer berühmtesten und populärsten Landsmänner so
behandeln. Für Fischer ist das natürlich genauso bitter.
Frage: Sie waren sogar enttäuscht, als Sie von
Chess-Classic-Organisator Hans-Walter Schmitt hörten, dass bei der
Unzicker-Gala kein Chess960, sondern normales Schach ohne
Auslosung der Grundstellung gespielt wird. Klappt es vielleicht
mit einem Match im Chess960 gegen Fischer, das der Amerikaner
entwickelte?
Karpow: Ich würde gerne mit Fischer Chess960 spielen. Für
diese Art von Schach muss man sich nicht ewig vorbereiten, weil es
keine Eröffnungstheorie gibt. Am wichtigsten ist es, in guter
Verfassung zu sein und einen klaren Kopf zu haben. Dann kann man
Chess960 spielen und Fischer dabei schlagen! Dass sich ein Match
mit Fischer ergibt, bezweifele ich indes. Es käme wohl nur zu
Stande, wenn Fischer dringend Geld bräuchte.
Das Interview mit Karpov führte Hartmut Metz
Frage: Viktor Kortschnoi wird wie immer besonders motiviert
sein, wenn es gegen Sie geht. Er scheint auch mit 74 Jahren noch
besondere Freude bei Siegen über Sie zu verspüren. Wie ist Ihr
Verhältnis zu ihm?
Karpow: Das hängt davon ab, wie er geschlafen hat. Wenn er
schlechte Träume hat, erzählt er manchen Quatsch.
Frage: Ich nehme an, Sie wollen Kortschnoi wenig Anlass zu
Jubelarien geben und streben Ihren 162. Turniersieg an – oder
dürfen Ihre Gegner, insbesondere Jubilar Unzicker, auf Gnade und
einen milde gestimmten Karpow hoffen?
Karpow: Bei dem Turnier geht es um Wolfgang, weniger um einen
Sieg mehr oder weniger für mich. Für die Fans wird es eine Freude
sein, Großmeister, große Großmeister unterschiedlicher
Generationen und aufregendes Schach zu sehen.