Nachrichten Bissiger oder unschuldiger Weltmeister? Garry Kasparov wehrt sich weiterhin heftig UPDATE 1: Kasparov nicht schuldig! UPDATE 2: Statement von Kasparov zum Freispruch
24.08.2012 - Vor exakt einer Woche berichteten wir quasi live von der Inhaftierung des 13. Schachweltmeisters Garry Kasparov in Moskau vor dem Gerichtsgebäude anlässlich des Prozesses gegen die russische Punk-Band "Pussy Riot". Dabei soll Kasparov den Polizisten Pavel Sergeevich Domashev in die linke Hand gebissen haben und soll sich nun möglicherweise dafür vor Gericht verantworten müssen. Der Beschuldigte bestreitet diesen Vorwurf vehement und will sich bei seinem heutigen Gerichtstermin mit - aus seiner Sicht - stichhaltigen Beweisen wehren. UPDATE 1: Nachdem Augenzeugen bestätigt haben, dass die Aussagen der Polizisten nicht stimmen können, hat das hohe Gericht die Anklage gegen Garry Kasparov abgeschmettert. Laut eigener Aussage plant dieser jetzt, die Polizisten wegen der illegalen Inhaftierung, Falschaussage und Beleidigung zu verklagen. UPDATE 2: Ein offenkundig erstaunter Kasparov hat ein Statement zu seinem Freispruch gegeben und eine englische Übersetzung veröffentlicht. Dabei dankt er im Besonderen den Journalisten, die ihn tatkräftig entlastet haben.
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Garry Kasparov bei der WM 2012
Garry Kasparov...
...war sowohl als aktiver Schachspieler und ist auch als Aktivist gegen den Kreml ein Meister der Selbstinzenierung, was er in diesen Tagen via Internet mal wieder in Höchstform unter Beweis stellt. Eifrig twittert und "facebooked" er zusammen mit seinem amerikanischen Busenkumpel Mig Greengard über die Ereignisse des vergangenen Freitags.
Daran, wie heftig Kasparov werden kann, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, können sich all jene Schachfreunde erinnern, die das Weltschach noch zu dessen aktiven Zeiten verfolgt haben. Beispiele gibt es genügend, wie etwa 2003, als Kasparov nicht nur das Superturnier in Linares nicht gewann, sondern seine einzige Niederlage gegen den damals noch jugendlichen Teimour Radjabov von den Journalisten zur "Partie des Turniers" gewählt wurde. Der Meister drehte im wahrsten Sinne durch und tobte bei der Abschlussfeier fürchterlich. Es ließen sich noch beliebig weitere Begebenheiten anführen, zu welchen Kasparov für Eklats sorgte - oftmals aus völlig nichtigen Gründen.
Doch was ihn in diesen Tagen so aufwühlt, scheint aus objektiver Sicht wirklich nicht seine Schuld zu sein. Als Galionsfigur im Kampf gegen den Kreml und Präsident Vladimir Putin hatte er sich am vergangenen Freitag unter die Protestanten / Schaulustigen beim Prozess gegen die Frauen von Pussy Riot gemischt. Was dann geschah, lässt sich am besten unserem Live-Bericht entnehmen. Die vergangene Woche hat Kasparov zusammen mit Greengard genutzt, um allerhand Bilder, Videos und Dokumente, die seine Unschuld beweisen sollen, zu sammeln und zu veröffentlichen und spart dabei auch nicht mir Spott gegenüber der russischen Polizei. Spitzen wie beispielsweise...
"Ich würde niemals jemanden unterhalb des Ranges eines Generals beißen."
...oder...
"I am fighting bites with bytes!"
...sind möglicherweise suboptimal, wenn man russische Richter für sich gewinnen möchte, der Unterhaltungswert ist dagegen natürlich deutlich höher. Zusammen mit Greengard hat Kasparov die kritische Webseite "The Other Russia" gestartet und nutzt diese neben Twitter und Facebook natürlich als Plattform für seine öffentliche Verteidigung. Über diese Seite erfährt man beispielsweise von seinem heutigen Gerichtstermin und dem scheinbaren Versuch der russischen Polizei, die Tatsachen zu ihren Gunsten zu verdrehen. Glaubt man den dort veröffentlichten Fakten, mutet das Verhalten der Ordnungshüter durchaus dumm-dreist an. Während Kasparov die (nachweislich) korrekte Zeit seiner Verhaftung mit 15:15 Uhr russischer Zeit angibt, geben der angeblich gebissene Polizist und ein Kollege übereinstimmend 16:30 Uhr an, was schlicht und ergreifend gelogen ist und wohl dazu dient, einer vorgeschriebenen 3 Stunden-Regelung bei "Arresten zur Befragung" zu genügen! Ebenso unwahr scheint die Behauptung, Kasparov habe unmittelbar vor seiner Verhaftung "Freiheit für Pussy Riot!", "Nieder mit dem Polizeistaat!" und "Russland ohne Putin!" skandiert. Aber bitte urteilen Sie doch selbst:
Alle folgenden Bilder und Dokumente stammen von der Webseite "The Other Russia". Klicken Sie auf die Dokumente für eine größere Ansicht!
Das Protokoll Kasparovs Statement, welches eindeutig 15:15 Uhr als Zeitpunkt der Verhaftung angibt (rot umringt)
Das Protokoll von Pavel Sergeevich Domashev, welches 16:30 Uhr als Zeitpunkt der Verhaftung angibt (rot umringt)
Ins Englische Übersetzt lautet die vollständige Aussage:
"On August 17, 2012, at 8:00 am, I began work guarding public order and safety at the following address: 7th Rostovsky Pereulok, Building 11, Moscow, and also at that time, the neighboring territory of the Khamovnichesky Regional Court was cordoned off in connection with the verdict reading for the group Pussy Riot, and citizens were repeatedly explained over a loudspeaker what detours there were for the surrounding area. At about 11:00 am, 200 citizens began to gather near the Khamovnichesky Regional Court of the City of Moscow. Close to 4:30 pm, one citizen from the group of citizens yelled slogans “Freedom to Pussy Riot.” “Down with the police state!” “Russia without Putin” The citizen did not react to the repeated, lawful demands of police officers over the loudspeaker to stop the unlawful actions. In connection with which I, together with Officer M.I. Zavrazhnov, made the decision to detain the citizen and place him in holding at a branch of the Internal Ministry of Russia for the Khamovniki region of the city of Moscow, who turned out to be Garry Kimovich Kasparov, born ******, registered at the following address: ****** for further investigation.
Domashevs Kollege Mikhail Zavrazhnov hat sich nicht mal die Mühe gemacht, einen anderen Text mit gleichem Inhalt zu verfassen...
Man kann natürlich ein Datum nebst Uhrzeit etc. leicht nachträglich in ein Bild einbauen, aber das hat Kasparov schlicht nicht nötig, denn es gibt genügend Beweise für die tatsächliche Uhrzeit
Zum Abschluss folgt noch ein dreiminütiges Video, welches ziemlich klar zeigt, wem an diesem Tag Gewalt angetan wurde und wem nicht:
Es folgt das Video von Kasparov mit seinem Statement zum Freispruch. Die englische Übersetzung finden Sie im Anschluss.
"I have a strange sensation, it’s hard to even find words for it, because my lawyers, friends and I didn’t expect anything besides another typical guilty verdict, and when, over the course of so many years, all opposition activists have been inevitably convicted in courts like this, it’s hard to imagine that the day would come when the courts could provide us with legitimate consideration. Actually, today was very unusual, because from the very beginning, as opposed to many other previous similar cases, the judge agreed to allow motions by the defense. Moreover, all of the defense’s motions were accepted, including those that called witnesses to the stand and those that entered video and photographic material as evidence. Of course, this was a very, let’s say, unusual sign, but we didn’t understand that it would influence the final verdict so much.
I would like to express my particular gratitude to the journalists who managed to collect so many materials, especially photo and video ones, which were used in the case today and which absolutely had an influence both on the judge and, perhaps, on the people who have influence on the judge. All the same, it was just too obvious. I’d like to thank the journalists who came and appeared as witnesses here today, because it was clear that these people, who were completely different and of completely different nationalities, all said the exact same thing. It seems to me that this left an impression, and it also became obvious that, as opposed to many similar situations, there was no actual case of any sort of event occurring. And the extremely confused testimonies of the two police officers who detained me, which contradicted each other, they of course convinced the judge that their version of events held no credibility.
The result was a full acquittal, and this is a very important step forward. I don’t intend to stop here; I want to have charges brought against the officers who illegally detained me. We’ve already filed the necessary paperwork with the investigative branch for the Khamovniki region. And I hope that this verdict will give us additional evidence so that that my detention and beating will be given due consideration by investigators.
As far as the next case is concerned, the one by Officer Ratnikov about this absurd attack – again, I hope that this today’s session will allow us to draw upon video and photo materials. We have very unique materials, basically an entire archive that allows us to give practically a second-by-second account of everything that happened outside of the Khamovnichesky Court. Again, my thanks to the journalists who managed to film all of this, to dig it all up from their electronic devices and even now continue to come forward with different photos and video clips. And I hope that the investigators will act just as objectively as this judge did today, and that I’ll be so lucky as to have Officer Ratnikov be convicted of libel.
It’s hard for me to say what sort of consequences today’s verdict is going to have for the Russian opposition on the whole. I even feel slightly guilty, because until now all of these verdicts have been guilty ones, and so many of my friends are still experiencing this pressure. We know that the widespread investigation of the May 6th events on Bolotnaya Square is still ongoing. But nevertheless, this is a very important step forward, and I’m going to do everything in my power to help those who need defense in these matters, because not everyone is so lucky to have their detentions and the police violence they experienced be covered so fully by the press."