Nachrichten Rauswurf bei Corsican Circuit Iranischer GM verweigert Partie gegen israelischen FM und wird ausgeschlossen
27.10.2011 - Seit dem 22. und noch bis zum 30. Oktober findet auf der französischen Mittelmeerinsel Korsika der Corsican Circuit statt. 176 Spieler haben sich im Théâtre de Bastia eingefunden, um an dem zunächst 9-rundigen Open teilzunehmen. Die besten 14 Spieler werden ins Achtelfinale einziehen und dort bereits von Weltmeister Viswanathan Anand(!) und Top-GM Shakhriyar Mamedyarov erwartet. Zahlreiche Großmeister wurden davon und natürlich dem mit 60.000,- Euro prall gefüllten Preisfonds angelockt, doch einer musste nach der dritten Runde die Hoffnung auf ein Duell mit Anand jäh begraben. Der Iraner Ehsan Ghaem Maghami weigerte sich in der vierten Runde, gegen FM Ehud Shachar aus Israel zu spielen und wurde dafür von Turnierdirektor Léo Battesti ausgeschlossen. Recht so oder hätten Sie anders gehandelt? Stimmen Sie ab!
Die politische Lage zwischen Iran beziehungsweise der gesamten arabischen Welt und Israel ist seit jeher äußerst angespannt und macht leider auch vor dem Schach nicht Halt. Es gibt genügend Beispiele aus anderen Konflikten, in welchen die Politik Einfluss auf den Sport nahm und Duelle verfeindeter Nationen verhinderte. Schach und Islam ist ohnehin keine einfache Angelegenheit, doch in den vergangenen Jahren öffnete sich besonders der Iran dem königlichen Spiel. So war 2010 die iranische Nationalmannschaft (Männer und Frauen!) bei der Chess Classic Mainz - allen voran Aushängeschild GM Ehsan Ghaem Maghami (29). Im Februar diesen Jahres machte er noch positiv von sich reden, als er einen neuen Weltrekord im Simultanspiel aufstellte. Maghami spielte über 25 Stunden lang gegen 614 Gegner (+590/=16/-8) und bewies in den rund 55 Kilometern Wegstrecke auch seine immense Willenskraft.
Freundliche und weltoffene Iraner bei der Chess Classic Mainz 2010 Mit dem Rücken zur Kamera: GM Ehsan Ghaem Maghami
Doch gegen sein Vaterland mag sich der erste iranische Großmeister der Geschichte dann doch nicht auflehnen und musste dafür nun einen hohen Preis zahlen. Maghami betonte, dass er mit Niemandem aus Israel Probleme habe, aber als er zur vierten Runde des Corsican Circuit sah, dass er gegen den israelischen Fidemeister Ehud Shachar zu spielen hatte, sah er sich gezwungen, bei der Turnierleitung um eine Änderung der Paarungen zu bitten. Turnierdirektor Léo Battesti (übrigens auch Vize-Präsident des französischen Schachverbandes) lehnte dies unter anderem mit der Begründung ab, dass vorher bekannt war, dass insgesamt 5 Spieler aus Israel teilnehmen würden. Hier das vollständige Statement:
"The Iranian Grand Master Ehsan Maghami Ghaem informed me of his refusal to play against his opponent of the fourth round, the Israeli Fide Master Ehud Shachar. I told Mr. Ghaem Maghami that as an organizer of a sporting International competition, I could not accede to his request to change the pairings, for him to play against another player. The presence of five Israeli players in this tournament is known by all participants since Saturday, October 22. It honors our competition as well as the presence of Iranian players and about thirty other nationalities. The motto of our Federation is Gens una sumus, we develop in Corsica awareness of the positive aspects of chess sport on our youth, being complicity of any form of segregation would be unworthy, and in total contradiction with the foundations of our sport action. So regretfully I have to exclude the player who unfortunately has persisted in his choice, inspite of my imprecations. I regret it. But I could not escape from our responsibilities."
Später fügte Battesti noch hinzu:
"5 Israeli and 2 Irani were playing among 40 players of their levels. Could you imagine the numbers of forfeits... I have never been informed of his intention before this 4th round. If they had informed me before the open, I would have told them not to take part. It's a special open which qualifies the first 14th with 60,000 € of prizes. Could you imagine the consequences of arranged pairings on the sportive equilibrium of this qualification? So it will be a permanent position considering also, of course, that chess is a sport."
In einem Telefongespräch mit Peter Doggers von ChessVibes.com erklärte sich Maghami so:
"It was something normal for me. Time to time it happens that I meet an Israeli player in the pairings. I want to emphasize that personally I don't have any bad relations with anyone from Israel. I respect people from all over the world and I understand very well that we are all sports men.
The fact that I was excluded from the tournament came unexpected. It may happen to anyone that he doesn't want to play a game, but will he be excluded immediately? I would have preferred a loss by default and continue the tournament. This makes the situation more complicated. It's not helpful for chess, or politics.
Chess is my main job and my hobby, I love it. I've played it for almost 22 years. So I'll continue playing tournaments and I just want to give the advice to organizers that we should try to avoid this problem in advance."
Offensichtlich ist es Gang und Gäbe auf internationalen Turnieren, politisch brisante Spielerpaarungen zu vermeiden - die entsprechenden Softwares kann man sogar passend einstellen! Dennoch lässt es sich nicht zu einhundert Prozent ausschließen, wie auch bei der Mannschafts-Olympiade 2010 in Khanty-Mansiysk. Dort hätte es zur Begegnung zwischen Jemen und Israel kommen sollen, aber erstere traten nicht an und verloren 0:4. Sie wurden jedoch nicht vom Turnier ausgeschlossen!
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