TopTurniere Tata Steel 2011 - Sieger und Besiegte Ein kurzes Fazit und exklusive Bilder von der Siegerehrung
31.01.2011 - Mit dem Tata Steel Chess Tournament 2011 ist das erste große Highlight des noch frühen Schachjahres beendet. Das folgende kleine Fazit zu den Teilnehmern der A-Gruppe (nach Platzierung) soll das Turnier ausklingen lassen. Unser Chess Tiger on Tour, Eric van Reem, war zudem bei der Siegerehrung mit seiner Kamera dabei und hat uns schnell noch ein paar Bilder geschickt. So viele lachende Gesichter möchten wir Ihnen natürlich keinesfalls vorenthalten! Bleibt nur noch, allen Siegern zu gratulieren, uns bei den Organisatoren und Sponsoren dieser einmaligen Veranstaltung für zwei Wochen Weltklasseschach zu bedanken und uns schon jetzt auf den Januar 2012 zu freuen!
Man kann ja über Hikaru Nakamura denken, was man will, sein außergewöhnliches Talent zum Schachspielen stand schon fest, da hat er als Weißer noch stümperhaft im zweiten Zug die Dame nach h5 gestellt. Viele seiner Kollegen haben früh geahnt – und bestimmt auch befürchtet -, dass dieser freche Kerl auf kurz oder lang mal einen richtig fetten Treffer landen würde. Nakamura selbst ist vermutlich am meisten von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt, denn anders kann man sich einen Satz wie „…ich werde Grischuk wie ein Baby vernichten…“ wohl nicht erklären. Doch Naka ist nicht nur gelegentlich ein verbaler Großhans, er ist vor allem stets mit vollem Einsatz bei der Sache! Über Niederlagen ärgert er sich schier maßlos, was sich am Brett in Kasparov-gleichen Grimassen äußert. In Wijk aan Zee bekamen die Fans diesen Nakamura jedoch nur in der achten Runde zu sehen, als er von Magnus Carlsen nach allen Regeln der Kunst zerlegt wurde. Dem entgegen stehen jedoch sechs herausragende Siege. Dabei kam ihm die besondere Fähigkeit zu Gute, angeschlagene „Beute“ zu erlegen. So holte er gegen die letzten Sechs der Tabelle 5,5 Punkte, während die Konkurrenz eben dort den einen oder anderen halben Zähler liegen ließ. Bis auf die bereits erwähnte Partie mit Carlsen hielt Nakamura gegen die absolute Weltklasse ordentlich gegen und bewies damit, dass er längst zur selbigen gehört.
Der verdiente Sieger - Hikaru Nakamura
„Anand müsse mal wieder ein Weltklasseturnier gewinnen!“, heißt es. „Er ist zu friedfertig und fürchtet das Risiko!“, wissen viele. Nicht nur als Chess Tiger droht einem da, die Hutschnur zu platzen. Natürlich hätte Viswanathan Anand seinen drei Corus-Siegen gerne den ersten Tata-Titel hinzugefügt, aber ausgezeichnete +4 reichten dieses Mal eben nicht. Gegen die ersten Fünf wollte dem Weltmeister einfach kein Sieg gelingen, aber dafür blieb er ungeschlagen, was man in einem derartigen Feld erstmal hinbekommen muss. Das genügte zu einem hervorragenden und alleinigen zweiten Rang und bedeutet aktuell die erneute Führung in der Live Rating List mit der persönlichen Rekord-Wertung von 2816,6. Der Inder scheint präzise wie ein Uhrwerk zu laufen. Wenn man seinen Partien zuschaut, stellt sich zumeist nur die Frage: „Kann er das gewinnen, oder entkommt der Gegner ins Remis?“ Einmal – nämlich gegen Anish Giri – geriet Anand in Bedrängnis, weil er beinahe zu viel riskierte, aber noch war die Zeit für den jungen Wahl-Niederländer nicht gekommen.
Rang 2 für Vishy Anand
Magnus Carlsen wird auch dann bei seinen Kritikern keine Gnade finden, wenn er jedes Top Turnier gewinnt und 2900 ELO hat! Zu groß ist sein Talent. Von ihm wird erwartet, dass er alle bestehenden Rekorde bricht und darüber vergisst, dass er erst niedliche 20 Jahre alt ist. Er soll gefälligst buckeln, bis der Arzt kommt, und dass der fesche Norweger auch noch modelt, ist ohnehin eine Frechheit! Doch das Geniale an Magnus Øen Carlsen ist, ihn juckt dieses Gerede offenkundig nicht die Bohne. Im Schoß seiner Familie und seinen Vertrauten ist er sicher, er verdient ausgezeichnet und Niederlagen beantwortet er am liebsten mit einem oder gleich mehreren Siegen. Seine Entscheidung, noch nicht zu bald Weltmeister werden zu wollen, muss nicht jeder verstehen, aber zumindest respektieren! Mit dem geteilten dritten Rang in Wijk aan Zee kann und wird er prima weiterleben und auf den nächsten G-Star-Bildern deswegen auch nicht grimmiger als sonst dreinschauen.
Geteilter Dritter - Magnus Carlsen
Neben einem möglichen Turniersieg ging es für Levon Aronian auch darum, seine 2800 zu behalten. Dafür musste der von Grund auf sympathische Armenier im vorderen Drittel landen und das gelang ihm auch ziemlich souverän. Er blieb neben Anand ungeschlagen, hatte nur recht wenige bange Momente zu überstehen, wobei er vielleicht ein oder zwei kurze Remisen zu viel einstreute.
Geteilter Dritter - Levon Aronian
Ähnliches trifft auf Vladimir Kramnik zu. Trotz der vielen Remisen war er bis zur elften Runde auch ein Kandidat auf den Turniersieg, aber dann brach ihm die Weißniederlage gegen Carlsen das Genick. Daraufhin ließ Russlands Nummer 1 den Kopf hängen und verschenkte die letzten beiden Runden mit kurzzügigen Remisen. Hätte er sich nochmals richtig reingehängt und die Schlussrunden gewonnen, hätte er sogar noch mit Anand gleichziehen können, doch er brachte die Motivation nicht mehr auf.
Gleicher Rang wie Kramnik, aber ein völlig anderes Fazit trifft auf Maxime Vachier-Lagrave zu. Der Franzose ist im gleichen Alter wie Magnus Carlsen und hat sich längst fest in der 2700er-Region angesiedelt. In Wijk aan Zee verlor er tatsächlich nur seine Partie gegen den Turniersieger und knöpfte den Besten der Welt einen Halben nach dem anderen ab. Seine Performance liegt bei über 2800 und beschert ihm einen netten ELO-Gewinn von rund 13 Punkten.
Anish Giri kann so erwachsen wirken, wie er will, noch ist er das Nesthäkchen bei großen Turnieren! Aber seine Vorstellung in Wijk aan Zee hat definitiv dazu beigetragen, dass er weitere hochkarätige Einladungen erhält. Er wurde bester Niederländer – und zwar mit Abstand - und fegte beispielsweise in nur 22 Zügen Carlsen vom Brett. 50 Prozent bei einem Turnier der Kategorie 20 sind aller Ehren wert und bis zur 2700 sind es nur noch wenige Pünktchen. Kleiner Vergleich zu Carlsen gefälligst? Nun, dieser holte bei seiner ersten Teilnahme in der A-Gruppe 2007 4,5 Punkte und wurde geteilter Letzter. Giri gelangen 6,5 Punkte und der siebte Rang…
Ein ordentliches Turnier hat Ruslan Ponomariov hinter sich gebracht. Der Ukrainer blieb die meiste Zeit seinem Teint treu – nämlich blass und konnte lediglich gegen Wang Hao und Jan Smeets Farbtupfer setzen. Ein kleines Rätsel bleibt der Auftritt von Ian Nepomniachtchi, denn bei dem Russischen Landesmeister wechselten sich Licht und Schatten permanent ab. Als Beispiele dienen seine schreckliche Niederlage gegen Aronian in der vierten Runde, als er sich kolossal verrechnete und sein beeindruckender Kampfsieg gegen Carlsen in der zehnten Runde, als er ein mögliches Remis verschmähte und den Norweger stattdessen kunstvoll verarztete. Mutig hatte sich auch Wang Hao ins Getümmel gestürzt, aber vier Niederlagen gegenüber drei Siegen bedeuten nun mal nur den zehnten Rang für den Chinesen. Bis hierhin durfte man für keinen Teilnehmer von einem misslungenen Turnier sprechen, aber dafür kommt es jetzt richtig dicke. Was war bloß mit Alexander Grischuk los? Hat ihn die Tatsache, dass er unverhofft ein WM-Kandidat ist derart aus der Bahn geworfen? Nun, wo es Sieger gibt, muss es auch Besiegte geben – dieses Mal hat es unter anderem einfach mal Grischuk erwischt. Die gleiche Punktzahl wie Sasha erzielte auch Erwin l’Ami, doch da dieser als ELO-schwächster angetreten war, bleibt seine Rating unbeschädigt. Und auch der von Jan Gustafsson so trefflich sekundierte Jan Smeets kommt mit einem bläulichen Auge davon. Bei ihm hat man das Gefühl, dass er es noch besser könnte, wenn diese blöde Uhr nicht neben dem Brett stehen würde. Allerdings bestünde dann auch die Gefahr, dass er niemals ziehen würde. Und zu (guter) Letzt führt kein Weg daran vorbei, Alexei Shirov für ein absolut miserables Turnier Beileid auszusprechen. Für den gebürtigen Letten kam es knüppeldicke, wobei er es aber auch nicht über sich brachte, etwas solider zu spielen. Seine unzähligen Fans lieben ihn für „Fire On Board“, aber in Wijk aan Zee hat er sich geschlagene sechs Mal die Finger verbrannt.
Die drei Erstplatzierten der B-Gruppe: Luke McShane (1.), David Navara (2.) und Zahar Efimenko (3.) - Bestimmt auch aufgrund seiner kämpferischen Spielweise wurde neben dem Briten auch Navara umgehend für die A-Gruppe im kommenden Jahr eingeladen!
Sieger der C-Gruppe: Kateryna Lahno (3.), Illya Nyzhnyk (2.) und Daniele Vocaturo (1.)
Der ehemalige niederländische Politiker Johan van Hulst (3,5/5 im Politikerturnier) bekam zu seinem 100. Geburtstag eine Ehrennadel verliehen und durfte den "van Hulst-Preis" für den besten Jugendspieler an Anish Giri übergeben. Er lernte vor 88 Jahren das Schachspielen und hat bis auf Wilhelm Steinitz alle Weltmeister der Schachgeschichte kennen gelernt!