23.10.2010 - Nach seiner Auftaktniederlage gegen Carlsen hatten viele Fans von Etienne Bacrot garantiert befürchtet, der Franzose könne beim Nanjing Pearl Spring Chess Tournament zum Punktelieferanten degradiert werden, doch nach vier Runden hat sich das Bild gewaltig gedreht. In der zweiten Runde sprang er noch Topalov so gerade von der Schippe, aber schon in der dritten Runde musste Gashimov erfahren, was passiert, wenn man Bacrot den kleinen Finger reicht. Ganz recht, er lässt nicht mehr los und will die ganze Hand. Heute hieß der Gegner Viswanathan Anand und bewies laut GM Nigel Short (im Chat zur Live-Übertragung auf dem Fritzserver) eine "masochistische" Ader, als er in der Slawischen Verteidigung als Schwarzer ein bekannt zweischneidiges Figurenopfer versuchte. Stark vereinfacht kann man sagen, dass sich der Weltmeister dennoch stets in der Remisbreite bewegte, doch als er das Unentschieden eintüten wollte, unterlief ihm nach Aussage einiger Meisterspieler wie beispielsweise GM Anish Giri eine schwere Fehlkalkulation. Mit zwei Bauern für den gegnerischen Läufer hätte er unbedingt den letzten Turm behalten müssen, statt diesen zu tauschen. Danach gab es für Bacrot einen studienartigen Gewinn, den dieser mit viel Nachdenken auch fand. Das war der erste Sieg seiner Karriere gegen Anand, und zugleich die erste Niederlage des Champions in einer klassischen Partie seit der Weltmeisterschaft in Sofia. Zwischen Veselin Topalov und Wang Yue stand ebenfalls die Slawische Verteidigung zur Diskussion, allerdings ging der Chinese aus verständlichen Gründen gegen den Vize-Weltmeister kein Risiko ein und beschränkte sich auf das Zusammenhalten seiner Stellung. Er tauschte, was das Brett her gab, bis er ein Doppelturmendspiel erzeugt hatte, welches unverlierbar war. Nach 35 Zügen war der Spuk vorüber. Die längste Partie spielten Vugar Gashimov und Magnus Carlsen. Ersterer erarbeitete sich als Weißer einen leichten Vorteil, der im Turmndspiel sogar noch wuchs, aber nicht zum ersten Mal bewies der Norweger Stehvermögen und erreichte knapp den Remishafen. Somit führt weiterhin Carlsen die Tabelle an. Gefolgt von Bacrot auf Rang 2 und Anand auf 3. In der fünften Runde trifft Carlsen mit Weiß auf Topalov, Anand hat ebenfalls Weiß gegen Gashimov, wie auch Wang Yue gegen Bacrot.
In Nanjing wird ein doppelrundiges Turnier gespielt (also 10 Runden) mit der Bedenkzeit 120 Minuten/40 Züge + 60 Minuten/20 Züge + 15 Minuten + 30 Sekunden/Zug ab dem 61. Zug. Mit einem Elo-Schnitt von 2766 wird die Kategorie 21 erreicht. Man treibt seitens der Organisation wie im vergangenen Jahr die so genannte Sofia-Regel auf die Spitze, indem man Remisangebote nur in theoretischen Remisstellungen – als eigentlich gar nicht – erlaubt. Doch wirklich eingehalten wird diese Regelung in der Praxis offenkundig nicht.
Durch die enorme Zeitverschiebung ist es bei uns noch ziemlich früh am Tag, wenn sich die Spieler ans Brett setzen. Um 8:30 Uhr unserer Zeit werden die Runden beginnen, und die letzte Runde wird gar schon um 4:00 Uhr in der Früh beginnen. Der einzige Ruhetag wird am 25.10. eingelegt.
Insgesamt beträgt der Preisfonds satte 250.000,- Euro, die sich wie folgt auf die Platzierten verteilen werden: 80.000,-, 55.000,-, 40.000,-, 30.000,-, 25.000,- und 20.000,-
Bei etwaiger Punktgleichheit wird es zu der folgenden Tiebreak-Regelung kommen: 2 Partien á 10 Minuten + 3 Sekunden/Zug - Falls notwendig, dann 2 Partien 5'+3'' und falls danach immer noch kein Sieger feststeht eine Armageddon-Partie mit 6 Minuten gegen 4 Minuten, wobei der Weißspieler gewinnen muss.