Zu den Youth Classic bitte hier klicken...
Zur DSEM Chess960 bitte hier klicken...
Zu den Youth Classic Simultans...
Zum Geburtstagsvideo Vishy Anand...
Top Turniere
TopTurniere
Lebbe geht weider!
Hochdramatisches Bundesligafinale endet mit knappen Sieg der SG Porz
11.04.2005 - In einer Nervenschlacht ohne Gleichen schlägt "Big Al" Alexander Beljavsky (Porz) in der alles entscheidenden Partie den unglücklichsten aller Baden-Badener Spieler Michael Krasenkov. Die legendäre und scheinbar unheilbare "Schachblindheit" musste wieder einmal Schicksal spielen und macht den "Glücklicheren" zum Sieger und ein ganzes Team erstmal untröstlich. Aber das ist Sport, das ist großer Sport, wenn die Größten auch mal straucheln können. Wir alle sollten dafür sorgen, dass dieses Spiel niemals diese Komponente verliert, auch wenn sie ärgerlich und vermeidbar scheint. Es ist ein schönes Spiel, ein dramatisches Spiel, ein menschliches Spiel mit Momenten der höchsten Genialität und der tiefsten Unfähigkeit.

zu den Partien, weiteren Berichten, Kommentaren auf Schachbundesliga.de...

Porz-Wahn, Sporthotel, Sonntagmorgen, 9:00 Uhr, die knisternde Spannung unmittelbar vor dem Wettkampf beider Teams vom OSC Baden-Baden und der SG Porz war deutlich spürbar. Die Nettigkeiten, die beim Einschenken des ein oder anderen Kaffee’s noch ausgetauscht wurden schienen eher oberflächlich, wie in Trance, manchmal sogar reflexartig. Gut so, es ging ja um was! Selbst aufheiternde und witzig gemeinte Floskeln wie „Ist doch nur ein Spiel“ oder „Was ist grün und wird heut’ Meister“ konnten nicht wirklich die Anspannung bei den beteiligten Spielern und Offiziellen lösen. Selbst das Mischen mit den Protagonisten des bedeutungslos gewordenen Wettkampfs zwischen Eppingen und Hofheim waren nicht im Stande diese Atmosphäre zu verändern – erst als der Schiedsrichter Klaus Deventer die Anwesenden begrüßte, dabei auf die Verlesung der Spielernamen der Begegnungen mit dem Hinweis auf die Namenschilder an den einzelnen Brettern verzichtete, legte sich scheinbar die Spannung von einem auf den anderen Moment. Die Uhren wurden angestellt, die Weißspieler machten ihren ersten Zug und der Kampf der „Über“-Mannschaften der 1.Bundesliga begann.

Dr. Robert Hübner: Porzer Urgestein spielt für den OSC Baden-Baden.
Foto: Gerhard Kenk

Eine kleine Überraschung hatten die Baden-Badener den Porzern noch beschert, als sie an Brett 8 den am Vortag siegenden GM Philipp Schlosser durch das frühere Porzer Urgestein GM Dr. Robert Hübner ersetzten, sodass die Mannschaften mit den Bestbesetzungen von Brett 1 bis 8 antraten. Allein hieran kann man erkennen, was es den Verantwortlichen der neuen Dauerrivalen wert war, hier und heute, alle zur Verfügung stehenden Potenziale auszuschöpfen. Mit einem Elo-Schnitt von 2679 wurde das nominell stärkste Bundesligateam aller Zeiten ins Rennen für den OSC Baden-Baden geschickt, aber auch die Porzer mit einem Schnitt von 2653 konnten voll dagegen halten. Was kann in so einem Wettkampf passieren? 4:4 nützte niemand was, wenn die Minimalisten – nicht vom Sponsor Minimal (Lebensmittelkette) unterstützt -, wieder einmal mit 4,5:3,5 ihr Standardergebnis auch gegen Solingen erzielen. Also es musste ein 4,5-Sieg her – egal für welches Team!

Die Taktik der Baden-Badener war ziemlich klar: Svidler gegen Lutz, Shirov gegen van Wely, Krasenkov gegen Beljavsky gehen „Volle Kanne“ und an allen andern Brettern kontrollierte Offensive bis auf Dautov (Schwarz) gegen Graf, hier war verteidigen angesagt. Bei den Porzern war der Auftrag sicher genau entgegengesetzt. Es folgt die Beschreibung eines Dramas in drei Akten!

Akt I: Unspektakulär wurden die Partien der Armenier Vaganian gegen Movsesian und des völlig überraschten Mikhail Gurevich gegen den Doc Robert Hübner remis. Nach der Partieaufgabe des an diesem Tage völlig indisponierten, scheinbar „zu schläfrigen“ Spaniers Francisco Vallejo Pons – ja, ja, für einige Spieler ist die Startzeit 9:00 Uhr Sonntagmorgen pures Gift – wurde die Euphorie der Baden-Badener zum ersten Mal gedämpft, aber man hatte ja noch drei gute Trümpfe mit Svidler - Lutz, van Wely - Shirov und Krasenkov - Beljavsky im Spiel. Es zeichnete sich in der Spitzenpartie Adams gegen Anand ab, dass Anand locker mit Schwarz remis hält und das Dautov mit Schwarz auch keine Schwierigkeiten gegen Graf bekommt.

Akt II: Rustem Dautov kommt gegen Alexander Graf immer mehr unter Druck und für einen Moment sieht es sehr kritisch aus. Sollte diese Partie für Baden-Baden verloren gehen ist nur noch ein 4:4 oder weniger möglich. Alexej Shirov hat in seiner Partie einen Bauern gewonnen und wird mit dem Vorrücken des Damenflügelbauern eine ganze Figur zusätzlich gewinnen, der Ausgleich ist so gut wie gesichert. Svidler hat nichts aus seiner gut aussehenden Stellung herausgeholt und muss ins Remis einwilligen. Michael Krasenkov verdichtet seine Stellung immer mehr zum Gewinn und hat einen Zeitvorsprung von gut 21 Minuten gegenüber 11 bei Alexander Beljavsky.

Alexander Beljavsky (links) und Michael Krasenkov bei der Analyse ihrer Partie. Foto: Harald Fietz

Akt III: Ich stehe seit gut 10 Minuten zwischen dem Brett 6, Krasenkov – Beljavsky und Brett 7 Graf gegen Dautov und kann alles genauestens sehen. Auf der anderen Seite stehen die aktiven Spieler der beteiligten Mannschaften und der Boss von Porz, Wilfried Hilgert, der genau dem leidenden „Big Al“ Beljavsky bei der Arbeit zusieht. Geschlagene 8 Minuten seiner restlichen 11 Minuten investiert „Big Al“ unter teilweise heftigem Kopfschütteln in die Stellung, um dann im 26.Zug Te8 zu spielen. Derweil hatte der, die ganze Zeit kräftig auf und ab tigernde, Michael Krasenkov gesehen, dass mit f5 die Zertrümmerung des schwarzen Königsflügels ansteht, sprang ans Brett und machte diesen Zug ohne lange nachzudenken. Zwischenzeitlich hatte Dautov seine gedrückte Stellung konsolidiert und strebte die benötigte komfortable Remisstellung an. Es stand 3:2 für Porz, Dautov remis, Schirov gewinnt und Krasenkov gewinnt, dachten alle Zuschauer, also 4,5:3,5 für den OSC Baden-Baden.

27.f5 g5, „Big Al“ zieht den Bauern vorbei, um nicht sofort unterzugehen, es verbleiben noch 1:15min. für die restlichen 13 Züge auf der Uhr. Michael kam eiligen Schrittes heran und investiert gründliche 8 Minuten in die Stellung und zog dann 28.Th3, Beljavsky zieht Bauer f6 und griff den Springer auf e5 an, - noch 59 Sekunden – Michael zieht a tempo Sg4. Jetzt fallen die Bauern f6 oder h6, die Stellung ist für Schwarz hinüber – ein letztes Racheschach mit Db5+. Michaels Hand kreiste über dem König, – dass kann doch nicht wahr sein, dann kommt Te2 und die Dame ist futsch oder Matt – die Hand geht gottseidank wieder weg, ich atmete tief durch, Db2 schießt es mir durch den Kopf – einziger Zug – die Hand kommt wieder zurück und zieht den König von b1 nach a1 – unglaublich! Beljavskys Hand zuckt zum Turm auf e8 und geht wieder weg, aber dann doch mit 48 Sekunden auf der Uhr Te2!!, Dame weg oder Matt.

WM-Fussballer Paul Breitner kennt die Angst vor dem Versagen: "Da kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief's ganz flüssig".

Ich glaubte in diesem Moment, dass ich in einem schlechten Film sei und beruhigte mich mit dem Gedanken: „Ich, Oberpatzer hätte sicher etwas Elementares übersehen“. Dann schlug auch schon Michael Krasenkov die Hände wild vors Gesicht und sprang auf, lief weg, kam zurück und lief wieder weg, Beljavsky starrte derweil mit erhobenen Händen wie hypnotisiert auf die Stellung und schüttelte nur den Kopf, der Baden-Badener kam zurück mit dem schlimmsten Entsetzen auf dem Gesicht, dass ich je bei einer Partie gesehen habe, - der reinste Alptraum - setzte sich hin und gab nach einigem Nachdenken kopfschüttelnd, ungläubig lächelnd auf.

Bei den Porzern setzte leichtes bis mitleidig lächelndes Kopfschütteln ein, bei den Baden-Badener das gleiche Kopfbewegen nur mit dem blanken Entsetzen in den Gesichtern.

Der Baden-Badener Mannschaftsführer Thilo Gubler fand noch am schnellsten zur Normalform zurück und gratulierte zuerst Beljavsky, dann Wilfried Hilgert, dem glücklichsten aller „Schachmacher“ in diesem Augenblick und tröstete dann seinen untröstlichen Spieler Michael Krasenkov.

Lisa C. Ronim

„Zwischen Lipp’ und Kelchesrand, schwebt der finsteren Mächte Hand“ kann man nur mit dem Zitat aus König Ankäos von Friedrich Kind resümieren. Fast wäre das Orakel von Porz der Madamé Lisa C. Ronim in Erfüllung gegangen, aber eine höhere Macht scheint hier noch im Spiel gewesen zu sein, vielleicht ist es die ultimative Kraft der Schachgöttin Caissa doch stärker als jede Strategie und alle Vernunft. Oder es ist nur der ganz normale Wahnsinn eines dramatischen und unendlich schönen Spiels. So ungerecht und bitter kann Schach auf der einen Seite sein, und so stolz und glücklich kann das unabänderliche Schicksal die andere Seite machen!

Den Porzer möchte ich mit auf den Weg ins Weserstadion geben: „Seid auf der Hut im Stichkampf gegen den SV Werder Bremen, denn jede Glückssträhne ist endlich“.

Dragoslav Stepanovic:
"Lebbe geht weider"
Foto: Sport.1/DSF

Die Baden-Badener kann ich nur mit „Steppi“ Stepanovic, Ex-Eintracht Frankfurt Trainer trösten: „Lebbe geht weider“. Vielleicht besitzt ja die Truppe vom OSC Baden-Baden mit Sponsor GRENKELEASING AG die Kraft in Ruhe weiter zu arbeiten. „Der Mannschaftsmeistertitel kommt nächstes Jahr sicher nicht ganz von allein, aber sicher viel leichter, wenn man ihn nicht mehr so stark herbei sehnt": zieht die Nr.1 des Weltschachs, Viswanathan Anand sein Fazit und fügt hinzu, „Ich würde dabei gerne mithelfen, wenn ich noch darf“!

Hans-Walter Schmitt

Published by Hans-Walter Schmitt

Dieser Artikel wurde 3725 Mal aufgerufen.


Impressum     Datenschutz
Copyright © 2026 - Chess Tigers Schach-Förderverein 1999 e.V. / CT