Nachrichten Aktuelles Tagesschach 50/10 - Zwei Remis in Shanghai und ein (unerlaubter) Toilettengang ohne Folgen Nepomniachtchi verteidigt Führung in Irkutsk Enges Rennen beim LGA Cup in Nürnberg
04.09.2010 - Trotz hart umkämpfter Partien gab es in der zweiten Runde des Shanghai Masters 2010 keinen Sieger. Sowohl Levon Aronian und Alexei Shirov als auch Wang Hao und Vladimir Kramnik lieferten spannende Duelle, doch der entscheidende Schlag wollte nicht gelingen. Somit führt weiterhin Aronian das vierköpfige Feld nach seinem Erstrundensieg gegen Wang Hao an, obwohl er gegen Shirov die Regeln verstieß und unerlaubt zur Toilette ging. Derweil hat Ian Nepomniachtchi einen wichtigen Schritt gen Turniersieg bei der Russian Championships Higher League 2010 in Irkutsk gemacht. Ihm genügte in der neunten Runde ein Weißremis gegen Evgeny Alekseev, um die Führung zu behaupten. Hochspannung - was auch sonst - herrscht unterdessen in Nürnberg beim 7. LGA Premium Schach Cup. Nach fünf von sieben Runden gibt es zwar keine weiße Weste mehr, aber sieben Spieler haben sich mit 4,5 Punkten an die Spitze gesetzt. IM Georgios Souleidis berichtet erneut vom Ort des Geschehens.
Shanghai (CHN) - Bei vier Top-Großmeistern in einem Rundenturnier verwundert es auch die größten Optimisten nicht, wenn es mal eine "Nullrunde" gibt. In der zweiten Runde des Shanghai Masters 2010 war es bereits soweit, es wurde keine Partie entschieden. Na ja, eigentlich ist ein Remis ja durchaus eine Entscheidung oder eben ein Unentschieden (ja was denn nu?), aber wir blutrünstigen Schachfans tun uns dennoch schwer, von glorreichen Remispartien zu schwärmen. Dennoch, das Remis zwischen Levon Aronian und Alexei Shirov war beispielsweise weitaus aufregender als das zwischen Wang Hao und Vladimir Kramnik. Im 16. Zug brachte Shirov im halbslawischen Damengambit eine Neuerung, um dann im 17. Zug gleich eine Figur zu opfern. Es entbrannte ein packender Fight mit einigen Irrungen, Wirrungen und Zeitnotfehlern, doch unter dem Strich steht ein gerechtes Remis zwischen zwei Spielern der absoluten Weltklasse. Keineswegs langweilig - vielleicht auch wegen der Sofia-Regel - verlief das Duell zwischen Wang Hao und Kramnik, doch während man dies alsbald vergessen haben wird, ist es sehr gut vorstellbar, dass Aronian gegen Shirov noch viele Analysten beschäftigen wird.
Eine pikante Note hatte die Partie zudem zu bieten, denn als Aronian nach dem 40. Zug seines Gegners(!) seine Notation den Regeln entsprechend vervollständigt hatte, wollte er arglos sich und vor allem seine Blase mit einem gepflegten Gang aufs stille Örtchen erleichtern. Da hatte der Armenier aber die Rechnung ohne den Wirt beziehungsweise die chinesische Schiedsrichterin gemacht, denn diese wollte ihm den Toilettengang verweigern, weil er am Zug war. Augenzeugen (z. B. Peter Doggers von ChessVibes.com) berichten, dass es zu einer kurzen Diskussion kam, deren Ende Aronian nicht abwartete und den Gang zum Lokus antrat. Augenscheinlich tat er das ohne fernöstliche Repressalien, obwohl man festhalten muss, dass sich der Armenier wohl im Unrecht befand.
"Players are not allowed to leave the ‘playing venue’ without permission from the arbiter. The playing venue is defined as the playing area, rest rooms, refreshment area, area set aside for smoking and other places as designated by the arbiter."
"The player having the move is not allowed to leave the playing area without permission of the arbiter."
Zu Deutsch:
"Es ist den Spielern nicht gestattet, das Turnierareal ohne Erlaubnis des Schiedsrichters
zu verlassen. Das Turnierareal ist begrenzt auf den Spielbereich, Toiletten,
Verpflegungsbereiche und Nebenräume für Raucher, sowie auf weitere, vom
Schiedsrichter bezeichnete Bereiche."
"Dem Spieler, der am Zug ist, ist es nicht gestattet, den Spielbereich ohne Erlaubnis
des Schiedsrichters zu verlassen."
Mal davon abgesehen, dass Notdurft nicht umsonst mit Not beginnt, und jeder Schachspieler das Problem kennt, bei praller Harnblase Varianten berechnen zu müssen, hätte Aronian dennoch erst einen Zug machen müssen, bevor er zur Toilette ging. Na ja, es wird schon kein Superrechner im Spülkasten gewesen sein.
Die Bedenkzeit in Shanghai beträgt 90 Minuten/40 Züge + 60 Minuten + 10 Sekunden/Zug ab dem 41. Zug. Rundenstart ist täglich um 8:30 Uhr unserer Zeit, wobei offenbar kein Ruhetag eingelegt wird. Gespielt wird unter den immer beliebter werdenden Anti-Kurzremis-Regeln, die den Namen der bulgarischen Hauptstadt tragen. Eine weitere Besonderheit ist das Punktesystem. Für einen Sieg gibt es drei und für ein Remis einen Punkt.
Irkutsk (RUS) - Auch nach 9 von 10 Runden führt weiterhin Ian Nepomniachtchi die Russian Championships Higher League 2010 an. Das Remis gegen Evgeny Alekseev reichte, weil auch seine direkten Verfolger allesamt den Punkt teilten. Diese allgemeine Friedfertigkeit ist der Tatsache geschuldet, dass es nicht nur einen sondern gleich fünf Sieger in Irkutsk geben wird. Klar, der Gesamtsieger wird natürlich besonders lobende Erwähnung finden, aber wichtiger ist die Qualifikation für das eigentliche Finale um die Russische Meisterschaft im Dezember, welches eben die ersten Fünf der Higher League erreichen. Zwei Drittel der Partien der neunten Runde endeten ohne Sieger. Einzig erwähnenswert ist der Sieg von Alexander Riazantsev gegen Dmitry Frolyanov, welcher ersteren in die direkte Verfolgergruppe von Nepomniachtchi vorstoßen ließ.
Russian Championships Higher League 2010 Männer nach 9 Runden
Nürnberg - Vor dem letzten Spieltag bzw. den Runden 6 und 7 rückte das Feld beim 7. LGA Premium Schach Cup ganz eng zusammen. Sieben Spieler stehen mit 4,5 Punkten an der Tabellenspitze gefolgt von gleich zwölf Spielern mit 4 Zählern. Der Samstag begann mit der 4. Runde und spektakulärem Schach. Die vorderen Bretter waren hart umkämpft und einige Partien wurden durch schöne Opfer entschieden. Am Spitzenbrett kam es zur Auseinandersetzung zwischen einem der Favoriten auf den Turniersieg, dem Kanadier Mark Bluvshtein, und Ilja Zaragatski. Es entstand ein interessantes Endspiel zwischen zwei Läufern gegen Turm und Bauer. Lange Zeit war völlig unklar, ob und wer besser steht, aber am Ende konnte sich Bluvshtein sehenswert durchsetzen.
Vor der fünften Runde standen mit Bluvshtein, Vitaly Kunin und Christoph Renner, der in der 4. Runde Arik Braun sehenswert besiegte, drei Spieler mit voller Punktzahl an der Spitze, doch das änderte sich. Die Partie am 1. Brett zwischen Vitaly Kunin und Mark Bluvshtein endete nach hartem Kampf remis und Lubomir Ftacnik bezwang an Brett 2 Christoph Renner. Zu Big Points kamen an den Verfolgerbrettern mit den schwarzen Steinen Romuald Mainka und Gennadi Ginsburg. Mainka war dabei aber das Glück hold, denn sein Gegner David Baramidze ließ reihenweise gute Angriffschancen ungenutzt.
Für den letzten Spieltag ist Spannung angesagt, denn es kommen viele Spieler noch für den Turniersieg in Frage.
Chess Tiger GM Klaus Bischoff liegt aktuell mit 4/5 auf dem 10. Rang
Chess Tiger IM Erik Zude ist mit 3,5/5 derzeit 27.
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