Nachrichten Aktuelles Tagesschach 34/10 - Dzagnidze schlägt Kosintseva 43. Int. Schachfestival in Biel wird jünger Europa wählt - Vier Kandidaten wollen Präsident der ECU werden
29.06.2010 - Nana Dzagnidze reitet beim FIDE Women Grand Prix in Jermuk weiter auf der Erfolgswelle. So siegte sie auch Spitzenduell der sechsten Runde gegen Verfolgerin Tatiana Kosintseva und führt nun mit einem vollen Zähler vor Lilit Mkrtchian. Vom 17. bis 30. Juli findet wieder das bekannte Internationale Schachfestival Biel. In diesem Jahr wird aus dem üblichen Meisterturnier das Youngstars-Großmeisterturnier, zu welchem ausschließlich herausragende Nachwuchs-Top GM eingeladen sind. Zudem wird dort neben anderen Veranstaltungen die Schweizerische Chess960-Meisterschaft ausgespielt. Auch, wenn man es dort noch immer veraltet als "Fischerschach" bezeichnet. Im Oktober dieses Jahres wird der (neue) Präsident der European Chess Union gewählt und gleich vier Kandidaten bewerben sich für das Amt. Mit dabei auch der Präsident des Deutschen Schachbundes Prof. Dr. Robert von Weizsäcker, der jüngst für diesen Anlass eine Webseite erstellen ließ.
Jermuk (ARM) - Im November 2009 hatte Nana Dzagnidze ihre bisher höchste Elo mit 2547 und war kurzzeitig sogar die Nr. 3 der Frauenweltrangliste, doch das Schachjahr 2010 lief bisher nicht gut und so fiel fiel auf Elo 2478 und Rang 25 zurück. Doch just beim FIDE Women Grand Prix in Jermuk dreht die 23-jährige so richtig auf und beweist bisher, dass sie zu den besten Spielerinnen der Welt gehört. Immerhin schlug sie in der heutigen Runde mit Tatiana Kosintseva einen Hochkaräter im Frauenschach und liegt mit ihren 5,5/6 bei einer Performance von 2888! Dzagnidze war aber auch heute nicht die einzige Frau, die voll punkten konnte. Ganz im Gegenteil, wie schon in der zweiten Runde fanden alle sechs Partien eine Siegerin und zum ersten Mal gewann ausschließlich die Weißpartei. Bei einer Remisquote von 19% haben sich alle Teilnehmerinnen den morgigen Ruhetag redlich verdient. Runde 7 folgt dann am Donnerstag.
Gespielt wird in Jermuk ein elfrundiges Rundenturnier und die Siegerin erhält 6.500,- Euro aus einem Gesamt-Preisfonds von 40.000,- Euro. Die Gesamtsiegerin des Grand Prix erhält nochmals 15.000,- Euro. Die Bedenkzeit in Jermuk (oder auch Dschermuk) beträgt 90 Minuten/40 Züge + 30 Minuten + 30 Sekunden/Zug.
Rundenstart ist täglich um 12:00 Uhr, nur die letzte Runde wird vermutlich wieder früher beginnen. Inhaber eines Accounts für den Fritz-Server von ChessBase können die Partien dort live verfolgen.
Biel (SUI) - Als Neuheit anlässlich seiner 43. Ausgabe vom 17. – 30. Juli 2010 veranstaltet das Internationale Schachfestival Biel ein Youngstars-Großmeisterturnier mit zehn der besten aufstrebenden Talente weltweit. Dieses erlesene Feld ergibt ein Turnier der Kategorie 17. Der letztjährige Turniersieger in Biel, Maxime Vachier-Lagrave (vor Morozevich und Ivanchuk), tritt im Kongresshaus zur Titelverteidigung an. Der 19jährige aktuelle Juniorenweltmeister aus Paris steht an der Spitze des Teilnehmerfelds knapp vor dem Europameister von 2009, dem Russen Evgeny Tomashevsky, und dem Italiener Fabiano Caruana (18jährig), welcher sich vor kurzem mit seiner Familie in Lugano niedergelassen hat. Zum ersten Mal nach Biel kommen der britische Titelhalter David Howell und der erst 16 Jahre alte Anish Giri, seines Zeichen holländischer Meister 2009 und im Januar Sieger der Kategorie B in Wijk aan Zee. Stark vertreten ist Asien: Mit dem 16jährigen Philippinen Wesley So, der im vergangenen Winter für Furore sorgte, indem er am Worldcup Ivanchuk und Kamsky bezwang. Dazu mit dem zweitjüngsten Grossmeister aller Zeiten, dem Inder Parimarjan Negi, welchem dieses Kunststück 2006 im Alter von nur 13 Jahren, 3 Monaten und 22 Tagen gelang.
Weitere Information über das 43. Bieler Schachfestival und alle seine Turniere (Rapid, Blitz, Chess960, Open) auf www.bielchessfestival.ch
Quelle: offizielle Presseerklärung des Veranstalters
Großes Sesselrücken oder viel Lärm um nichts? Nicht nur das Amt des FIDE Präsidenten ist in diesem Jahr heiß umkämpft, auch auf europäischer Ebene, genauer gesagt bei der European Chess Union (ECU), wird Anfang Oktober um den Vorsitz gerungen. Neben Amtsinhaber Boris Kutin (Bild oben rechts) streben gleich noch drei andere hochkarätige Kandidaten nach Amt und Würden. Da wären der Präsident des Türkischen Schachverbandes Ali Nihat Yazici (unten rechts), dann Silvio Danailov (unten links), welcher beispielsweise Top GM Veselin Topalov als Manager dient und nicht zuletzt der Präsident des Deutschen Schachbundes Prof. Dr. Robert Klaus von Weizsäcker (oben links).
Unterschiedlicher könnten die Kontrahenten kaum sein. Da ist der eher gemütlich wirkende Boris Kutin, der seit zwölf Jahren die ECU mehr verwaltet denn leitet und das auch weiterhin tun möchte. Er kommt leise daher und hat eigentlich, außer der Ankündigung seiner erneuten Kandidatur, bisher nur wenig Anstalten gemacht, seine Zukunftspläne für die ECU darzulegen. Seine Tage könnten angesichts der starken Gegnerschaft gezählt sein.
Dann da haben wir zum Beispiel einen wortgewaltigen und äußerst diskussionsfreudigen Ali Nihat "Mr. Open Letter" Yazici, der extrem auf Kuschelkurs mit FIDE Präsident Kirsan "Ich wurde von Aliens entführt" Ilyumzhinov setzt. Wenn es sein muss - also eigentlich immer - kann der Türke in seinen zahlreichen "offenen Briefen" auch sehr heftig werden, bis hin zur persönlichen Beleidigung von Kontrahenten. Fragt sich, ob es gut wäre, jemanden an der Spitze des europäischen Schachs zu haben, der bei jedem Anflug von Kritik zum HB-Männchen wird und in die Luft geht. Im Türkischen Schachverband funktioniert das wohl, aber dort ist er auch ohne ernsthafte Konkurrenz.
Nicht minder behände mit Worten ist bekanntlich Silvio Danailov, aber seine mitunter provokanten Aussagen sind zumeist besser durchdacht und als Manager des amtierenden Vize-Weltmeisters Topalov hat sein Wort durchaus jetzt schon großes Gewicht - nicht nur in Europa. Einst von der FIDE für seine Betrugsvorwürfe gen Weltmeister Vladimir Kramnik ganz schlimm gerügt, setzt Danailov nicht unclever in seiner Kampagne "I know ..." auf die Jugendförderung und verspricht, die Finanzen der ECU kräftig aufzupäppeln. Zuzutrauen wäre es ihm, aber steht nicht zu befürchten, dass der bauernschlaue Bulgare als Spieler-Manager beispielsweise der Versuchung erliegt, seine Schützlinge zu begünstigen? Das ist natürlich unglaublich weit hergeholt, aber man wird ja wohl noch fragen dürfen ...
Tja, und dann wäre da noch der deutsche Kandidat Robert von Weizsäcker, der neben seinem Amt im DSB hauptberuflich Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität München ist und "nebenbei" noch ein erfolgreicher Fernschach-Großmeister. Er setzt besonders auf Kompetenz, Seriosität und Glaubwürdigkeit. Stattdessen keine überzogenen Wahlversprechen, aber er verspricht etwas, was jeden Schachspieler von guten alten Zeiten schwärmen lässt:
Transparenz und Korrektheit (besonders) in finanziellen Angelegenheiten ...
"Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium ..." Ein hehres Ziel des Wirtschaftsexperten, doch irgendwie kauft man das dem ältesten Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auch ab. Sein Wahlkampfteam (auch Ticket genannt) hat von Weizsäcker unlängst bekannt gegeben, doch neben GM Nigel Short, GM Ivan Sokolov, GM Johann Hjartarson und Schatzmeister Yuri Kaplun genießt er auch Unterstützung "von ganz oben". Nein, der liebe Gott hält sich (leider) weitestgehend raus aus der Schachpolitik, doch die Weltmeister Nr. 12 und 13, Anatoly Karpov und Garry Kasparov, sind als "Helfer" ja auch nicht zu verachten! Zu einem ordentlichen Wahlkampf gehört heutzutage natürlich auch eine passende Internetpräsenz, welche seitens von Weizsäckers kürzlich online gegangen ist: Wahlkampfseite Robert von Weizsäcker
Schachpolitisches Dreigestirn der Extraklasse - Weltmeister Garry K. Kasparov, Prof. Dr. Robert K. von Weizsäcker und Weltmeister Anatoly Y. Karpov
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