TopTurniere Hintergrund 8.Partie: Denn sie wissen (nicht), was Sie tun ... Hochspannung bei Fans & Experten - Mut- oder Stilfrage bei Anand & Topalov
06.05.2010 - "Denn sie wissen nicht, was sie tun", das Autorennen im Film von Regisseur Nicholas Ray mit James Dean in der Hauptrolle bringt die Situation beim WM-Kampf um die Schachkrone auf den Punkt. Vielleicht zu dramatisch formuliert, aber doch mit unverblümter Symbolik behaftet. In Bulgariens Hauptstadt Sofia hat der einheimische Nationalspieler Veselin Topalov in der 8.Partie mit einem Sieg gegen den amtierende Weltmeister aus Indien, Viswanathan Anand, den Gleichstand zum 4:4 erreicht. Im Military Club sind nur noch 4 Normalpartien zu absolvieren, ehe dann 4 Schnellpartien, 5 mal zwei Paar Blitzpartien und dann die Armageddon-Partie über den WM-Titel entscheidet. Überdies wird am 6.Mai der Nationalfeiertag in Bulgarien mit einer Militärparade begangen, die am Military Club Sofia vorbeizieht und sicher den Nationalheld Veselin Topalov zusätzlich beflügeln wird. Der "Tiger von Madras" gegen den "Löwen von Bulgarien" und 1.200.000.000 Inder können ihrem Landsmann nicht helfen, nur er selbst kann es richten. Streng genommen beginnt mit der 9.Partie ein ganz neuer Wettkampf, viel mehr als eine Mutprobe denken alle Puritaner mit der Erinnerungen an spektakuläre WM-Wettkämpfe in der Vergangenheit. Vergegenwärtigen wir uns die Original-Story:
An seiner neuen Schule wird Jim schnell mit einer Bande gleichaltriger, gelangweilter Rowdys konfrontiert, deren Mitglied auch das Mädchen Judy aus Jims Nachbarschaft ist. Anführer Buzz versucht Jim zu provozieren und ihn in einen Kampf zu verwickeln. Nachdem Jim ruhig bleibt und sich gut verteidigt, fordert Buzz ihn zu einer Mutprobe heraus. Am Abend desselben Tages trifft sich Jim an der Küste mit der Bande zur Mutprobe, dem sogenannten „Hasenfußrennen” („chicken run”). Buzz und Jim rasen dabei in gestohlenen Autos auf eine Klippe zu. Wer zuerst aus dem Auto springt, ist das „chicken”, der Feigling. Während Jim kurz vor der Klippe springt, bleibt Buzz mit dem Jackenärmel am inneren Türgriff hängen und stürzt mit dem Auto in die Tiefe.
Wer von diesem Alptraum schlimmster Ausprägung gerädert aufwacht, von der Vorstellung übertragbar auf die Spielsituation im WM-Wettkampf vom Hängenbleiben am Türgriff, abheben über der Klippe und Fliegen bis zum finalen Aufschlag am Boden, kann nur hoffen, dass eine weitere Szene aus der Filmgeschichte in "Ben Hur's" Wagenrennen, bei dem die ehemaligen Freunde und danach erbitterte Feinde, Judah und Messala, mit vier Schimmel gegen vier Rappen in einem unerbittlich geführten Rennen um den Sieg kämpfen, erspart bleibt. Keinem der beiden Protagonisten wird es sicher so schlimm ergehen, weil Sie doch mit beiden Füßen auf dem Schachboden stehen. Der Weltmeister aus Indien, Viswanathan Anand, hat alles erreicht, was es zu erreichen gibt im Weltschach. In die Reihe der 15 klassischen Weltmeister von Steinitz beginnend, über Lasker, Cabablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik, Smyslov, Tal, Petrosian, Spassky, Fischer, Karpov, Kasparov und Kramnik hat sich Anand 2008 als Letzter in Bonn eingetragen. Darüberhinaus hat er die Ko-Weltmeisterschaft 2000 in Delhi/Teheran und die Turnierweltmeisterschaft in Mexiko-City für sich entschieden. Sein Herausforderer Veselin Topalov hat 2005 in St. Luis in Argentinien schon eine Turnierweltmeisterschaft damals vor Anand gewonnen und ist bei der Ko-Weltmeisterschaft in Tripolis/Libyen an Rustam Kasimdzhanov aus Uzbekistan in 6 Partien mit anschließendem Tiebreak gescheitert. Interessant ist, dass der in Deutschland lebende Rustam, genauso wie in Bonn gegen Kramnik, hier in Sofia im Team des Weltmeisters wichtigste Dienste verrichtet, seine Ideen und seine positiven Erfahrungen in Matches gegen Topalov auch psychologisch einbringt. Daraus lässt sich noch nicht viel über den Ausgang des Wettkampfes sagen, aber mit der Gewichtung der Fakten kann jeder sich selbst ein Bild machen. Wenn er dazu noch selbst Überlegungen anstellt, was er jetzt selbst nach Kenntnisnahme des Verlaufes der ersten 8 Partien zu machen gedenkt, würde er dem Schreiber dieser Zeilen beipflichten, dass es fast unmöglich ist eine sichere Voraussage zu machen! Trotzdem: Anand bleibt Weltmeister.
Die großen WM-Strategen, wie zum Beispiel Garry Kasparov sagen: "Der bessere Schachspieler gewinnt" Anand hat zwei große Kombinationssiege in der 2. und 4.Partie, sogar beim Spielstand nach Rückstand einen Vorsprung eingefahren. Anand hat aber auch in der 1. und 8.Partie durch eigenes Zutun die möglichen Remis verschenkt und sogar in der 7.Partie einen möglichen Sieg mit 42.Da4 anstatt 42.Db7 ausgelassen. Der Herausforderer Topalov hat bisher seine Chancen optimal genutzt, wobei er sicher auch an manchen Stellen hätte besser spielen können. Der Eindruck bleibt, dass Anand im Match zwei entscheidende Fehler einzügig machte, aber in der Summation der langen Zugfolgen wesentlich mehr Qualität nach Abschluß der Vorbereitung einbrachte. Die offene Frage bleibt, was ist jetzt zu tun für beide Kämpfer? Bei dem eingeschlagen Weg bleiben und sich dabei an bekannten Mustern, Vorbereitungen und Strategien halten oder neue Systeme beginnend mit 1.e4 aufs Brett bringen. Die erste Variante würde die Risiken der unliebsamen Überraschungen minimieren, die zweite würde das Tor öffnen für jede Überraschung. Dies gilt vor allem für die Weißspieler, die bis jetzt mit 4:0 bei den Siegen führen. Wie ist die Situation nach der 8.Partie psychologische zu bewerten. Mann könnte glauben, dass Anand hoffnungslos im Nachteil ist, wegen seinen Schwierigkeiten in der letzten Partie und obendrauf mit dem unglücklichen Ergebnis, als er schon das Remis in der Tasche glaubte. Die spezielle Situation könnte ihm entgegen kommen: der erfahrenere, nachhaltigere und kombinationssichere Spieler wird dem aggressiveren, schnelleren und euphorischerem Spieler die Möglichkeiten zum Angreifen geben und ihm dann heimleuchten. Viele Fachleute meinen, es wird auf Nuancen und Sachlichkeit ankommen, nicht auf Säbelrasseln oder Gebrüll. "An der richtigen Stelle im richtigen Moment intuitiv das Richtige tun" wird entscheiden, wenn die Schachgöttin Caissa nicht dagegen hat. Die Spannung in disem WM-Duell könnte für alle Schachfreunde nicht größer sein, dass ist doch genau das was ein richtiges Schachherz höher schlagen lässt.
Die Auswahl der achten Tür der Alexander Newski Kathedrale zeigt den Hintereingang. Der indische Weltmeister konnte heute nicht nachweisen, dass er nach heroischer Verteidigung eines ungleichfarbenen Läuferendspiels nach Erreichung des rettenden Ufers im sicher aus dem Boot aussteigen konnte. Mit Läufer Lc6 versenkte er sich selbst.
Impressionen vom WM-Match in Sofia und Umgebung
Die achte der zwölf Türen in der Alexander Newski-Kathedrale
Der bulgarische Herausforderer Veselin Topalov zu Beginn der Partie bei seinen Entspannungsübungen: Typ "Rasiersitz" oder "Hahnenschrei"?
8.Partie: Handschlag, ehe 1.d4 gezogen wird
8.Partie: Schiedsrichter Nikolopolous bei der Begrüßung
Bühne aus größere Entfernung
Die abschließende Pressekonfernz nach der 8.Partie
Rühriges Leben herrscht im Pressezentrum
Am Flugplatz Sofia wird zum WM-Kampf eingeladen
Die Symbole Bulgariens - 3 Löwen mit Krone Der Schachspieler Topalov wird oft als "Löwe von Bulgarien" tituliert
Der bewachende Löwe vor dem Denkmal des "Unbekannten Soldaten" vor der Südwand der spätantiken Basilika "Sweti Sofia"
Der Gerichtspalast, vollendet 1936, beeindruckt mit dem größten Säulengang eines Gebäudes in Sofia und den Reminineszenzen an mittelalterliche Bauten und natürlich mit den bewachenden Löwen
Vier majestätische Löwen bewachen den Hauptverkehrsknotenpunkt Sofias
Der "Tiger von Madras" mit Team im Spielzeugladen entdeckt...
Interessantes Imponiergehabe nicht nur in PS und Chrom...
... sondern auch mit Ronni Coleman als Bodybuilder. Er ist nicht nur amtierender Mr. Olympia, sondern hat diesen Wettbewerb von 1998 bis 2004 jedes Jahr gewonnen. Damit zieht er mit Arnold Schwarzenegger gleich, der diesen Titel ebenfalls siebenmal gewonnen hat.