Zu den Youth Classic bitte hier klicken...
Zur DSEM Chess960 bitte hier klicken...
Zu den Youth Classic Simultans...
Zum Geburtstagsvideo Vishy Anand...
Nachrichten
Nachrichten
Der FIDE-Wahlkampf hat begonnen
Ilyumzhinov oder Karpov – stellt sich diese Frage wirklich?
14.04.2010 - Vor einiger Zeit berichteten wir bereits, dass sich Anatoly Karpov für die Wahl des FIDE Präsidenten während der 39. Olympiade in Khanty-Mansiysk (20.09. bis 04.10.2010) aufstellen lassen möchte und damit – der vermutlich einzige – Gegenkandidat des amtierenden Kirsan Ilyumzhinov sein wird. In der Zwischenzeit hat es von den unterschiedlichsten Schachverbänden weltweit teils schriftliche Bekundungen der Unterstützung für beide Kandidaten gegeben. Diese und einige weitere, durchaus interessante Zahlen und Fakten sollen in der Folge unter die Lupe genommen werden.

Hinweis: Die folgenden Meinungen des Autors sowie etwaige Zitate müssen nicht der Ansicht der Chess Tigers entsprechen und sollen diese an dieser Stelle auch nicht widerspiegeln.


Kirsan Nikolayevich Ilyumzhinov

Das Schachjahr 2010 ist ein ganz besonderes, das spürt jeder, der sich über den Tellerrand seines Schachklubs hinaus mit dem königlichen Spiel beschäftigt. Und es geht mal nicht um Magnus Carlsen, dessen Name mittlerweile in keinem Schachartikel mehr fehlen darf – wie Sie sehen, auch in diesem nicht! Selbst die Top Turniere wie das Corus oder Linares und selbst das Melody Amber standen unter dem Zeichen der bevorstehenden Schachweltmeisterschaft zwischen dem Champion Viswanathan Anand und Herausforderer Veselin Topalov. Nach diesem Match wird die Schachwelt, egal wer gewinnt, nicht mehr die gleiche sein. Oder etwa doch? Kann es sein, dass der Präsident des Weltschachverbandes im Schatten der WM gehofft hatte, sich quasi en passant und ohne großes Tamtam im Amt bestätigen lassen zu können? Wenn ja, dann hat sich Kirsan Ilyumzhinov geirrt, denn Anatoly Karpov ließ seinen Worten Taten folgen. Auf der Webseite des Deutschen Schachbundes findet sich die Bekanntgabe, dass Präsident Robert von Weizäcker die Pläne Karpovs unterstütze und diesen offiziell als Kandidaten des DSB für die FIDE-Wahl nominiert habe.

Dies ist nach den Statuten der FIDE möglich, da der Ex-Weltmeister seit 1994 Mitglied der Schachvereinigung 1930 Hockenheim und somit Mitglied des Deutschen Schachbundes ist.“

(Horst Metzing am 09. April auf der DSB-Homepage)

Boris Kutin

Daneben soll es sowohl von den Verbänden aus Frankreich, der Schweiz und Spanien als auch dem US-Amerikanischen Verband (USCF) Stimmen für Karpov geben. Umso unverständlicher, dass sich der selbst bald zur Wahl stehende Präsident der European Chess Union (ECU), Boris Kutin, das Recht herausnimmt, im Namen von Europa einen Brief an Ilyumzhinov zu senden und ihm seine volle Unterstützung zuzusagen. Ganz offensichtlich hat es da keine Rücksprache mit den Verbänden der einzelnen Mitgliedsländer gegeben und dient einzig und allein dem Zweck, sich mit „Dear Kirsan“ gut zu stellen.

Sie haben immer geglaubt, Schachspieler zeichnen sich durch hohe Intelligenz aus und folglich müssten auch die hohen Ämter wenigstens von halbwegs schlauen Köpfen bekleidet sein? Nun, dann werden Sie aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommen, wenn Sie erfahren, dass die ECU keinerlei Stimmrecht bei der FIDE-Wahl haben wird! Das ist schon mal das Erste. Lediglich die jeweiligen Länder beziehungsweise deren Verbände wählen den Präsidenten der FIDE, weshalb an dieser Stelle die geschworene Treue von Boris Kutin keinen roten Heller wert ist. Und weil man den gemeinen Schachfreund wohl pauschal für unterbelichtet erachtet, hat man auf der Webseite der FIDE zeitgleich den Brief von Kutin mit dem des Präsidenten des Afrikanischen Schachverbandes, Dabilani Buthali, veröffentlicht. Dumm nur, dass sich manche Leute derlei Speichelleckerei tatsächlich durchlesen und dann feststellen, dass entweder einer bei dem anderen abgeschrieben haben muss oder es gar eine in Teilen vorbereitete Beispiel-Version direkt von der FIDE gab. Der Brief von Buthali ist auf den 19. März datiert, während Kutin den nahezu identischen zweiten Absatz am 24. März geschrieben haben will.

STATEMENT OF SUPPORT - 24 March 2010

To: Kirsan Ilyumzhinov, FIDE President

Dear Kirsan,
For the upcoming FIDE elections in September 2010, I hereby declare my open and full support to your ticket.

During the 15 years of your presidency we have worked together for many projects towards the further development and progress of our beloved sport. Our co-operation has been fruitful to the greatest extent and it has played a big positive role for the current healthy situation and financial stability of FIDE.

I am wishing you all the best and another successful term for 2010-2014.

Sincerely Yours,

Boris Kutin
Continental President of Europe

Original auf fide.com


STATEMENT OF SUPPORT - 19 March 2010

For the upcoming FIDE elections in Khanty-Mansiysk, we hereby declare our open and full support to the ticket of FIDE President Kirsan Ilyumzhinov.

During the 15 years of Kirsan Ilyumzhinov’s presidency in FIDE we have worked together for many projects towards the further development and progress of our beloved sport. Our co-operation with Kirsan Ilyumzhinov has been fruitful to the greatest extent and it has played a big positive role for the current healthy situation and financial stability of FIDE.

The World Championship cycle is now undisputed and fully funded, our Chess Olympiads and World Youth Championships are gaining more candidate organisers than ever, the FIDE rating and titles system is breaking new records of membership and chess has gained full recognition as a sport by the International Olympic Committee (IOC).

Kirsan Ilyumzhinov has proved to be a productive leader for FIDE. A man with vision and efficiency. We sincerely unite our voices with everyone who openly supports Kirsan's re-election as FIDE President.

Dabilani Buthali
Continental President of Africa

Original auf fide.com

Ali Nihat Yazici

Mittlerweile scheint man sich beim kollektiven Veräppeln der Schachwelt offensichtlich nicht mal mehr besondere Mühe zu geben. Davon abgesehen, dass auch Buthali nicht selbst wird wählen können, sondern nur „seine“ 33 afrikanischen Landesverbände. Genau genommen hat mit der Türkei in Person des Präsidenten des Türkischen Schachverbandes (TCF), Ali Nihat Yazici, bisher nur eine stimmberechtigte Nation öffentlich Stellung für Ilyumzhinov bezogen, denn die beiden anderen Liebesbriefe, die man auf der FIDE-Seite findet, kommen vom Präsidenten der Confederation of Chess for Americas (CCA), Jorge Vega, und dem Präsidenten der Asian Chess Federation (ACF), Sheikh Sultan bin Khalifah Al Nahyan und haben somit – Sie ahnen es - mangels Stimmberechtigung ebenfalls keinerlei Aussagekraft.

Also bitte, dass dem amtierenden Präsidenten der FIDE seine eigenen Mitglieder im so genannten Presidential Board nicht den Dienst versagen werden, dafür wird seine Exzellenz schon gesorgt haben, doch wie es mit den vielen Landesverbänden weltweit (insgesamt 169) aussieht, ist die wirklich interessante Frage. Dieses Mal heißt der Gegner nicht Bessel Kok, sondern Anatoly Yevgenyevich Karpov! Der zwölfte Schachweltmeister ist in allen Teilen der Welt bekannt und genießt bis heute bei sämtlichen Kennern des Schachs allerhöchsten Respekt. Ob ihn das allein befähigt, die FIDE im Sinne des Schachs zu führen und all das, was Ilyumzhinov stets versprochen aber nie gehalten hat, nachzuholen, wer weiß das schon? Doch wie wollen wir für den Schachsport jemals die Akzeptanz und das Interesse der vielen (Noch-)Nicht-Schachspieler gewinnen, wenn wir nach mittlerweile 15 unsäglich langen Jahren nicht in der Lage sind, einen Präsidenten, der ernsthaft behauptet, Kontakt zu Außerirdischen gehabt zu haben, in die kalmückische Steppe zu jagen?

Zitat Ilyumzhinov aus dem Artikel “King of Kalmykia” bei The Guardian
am 21 September 2006:

“Sie holten mich aus meinem Apartment und wir gingen an Bord ihres Schiffes … Wir flogen zu einer Art Stern. Sie steckten mich in einen Raumanzug, erzählten mir viele Dinge und führten mich herum. Sie wollten beweisen, dass UFOs exisitieren.“

Jede einzelne der 169 nationalen Schach-Förderationen hat eine Stimme, egal wie viele Mitglieder sie zählt und so braucht sich Ilyumzhinov nicht um die großen Verbänden wie beispielsweise die USCF oder auch den DSB scheren, er baut ganz auf den Einfluss seiner vier kontinentalen Präsidenten, Boris Kutin (Europa = 54 Stimmen), Sheikh Sultan bin Khalifah Al Nahyan (Asien = 47 Stimmen), Jorge Vega (Amerika = 35 Stimmen) und Dabilani Buthali (Afrika = 33 Stimmen). Vermutlich sollten dies auch die vier inhaltlich unerheblichen Briefe untermauern, mit welchen die FIDE derzeit angibt. Die Ringgeister schwören Sauron die Treue.

Anatoly Karpov

Die Chance für den Strategen Karpov könnte im genauen Gegenteil liegen. Er müsste möglichst viele der 169 Verbände persönlich ansprechen und bestenfalls auch selbst besuchen, um ihnen Alternativen aufzuzeigen. Die Argumente sind ganz klar auf seiner Seite und verkaufen konnte er sich schon immer ausgezeichnet. Ganz sicher ist ihm auch die Unterstützung vieler aktiver Spieler, welche Ilyumzhinov bis auf einige Ausnahmen völlig einerlei sind. Die haben zwar kein Stimmrecht, aber ihre Meinung könnte in ihren Verbänden dennoch auf fruchtbaren Boden treffen. Und wer hätte vor wenigen Jahren noch darauf gewettet, dass ihm der Rivale seines Lebens, Garry Kasparov, tatsächlich mal den Rücken stärken würde beim Versuch, die Geschicke des Weltschachs in die Hände zu nehmen? So geschehen am 15. März auf der Homepage der russischen Presseagentur interfax.com:

"Currently it's quite obvious that the FIDE administration is on the sidelines and any attempt to bring chess back to its former status must be linked to the name of someone who has a serious prestige and knows everything. In my view, Karpov might try to essentially change the situation, and I hope that he does have such a chance."

"It will be very disappointing if administrative intrigues get the upper hand when the candidate for Russia is being chosen. And that's putting it too mildly as well."

Und Karpov wird jüngst auf der Homepage der USCF mit den folgenden für sich werbenden Worten zitiert:

“Upon being elected FIDE President in October of 2010, it is my intention to bring FIDE back out into the open and raise the profile of chess throughout the world. I plan to accomplish the above agenda by relocating FIDE offices to major cities of the world such as Moscow, Paris and New York.”

“Over the past several years I have had the good fortune to open several Anatoly Karpov Chess Schools throughout the world, including our first in the US in Linsborg, Kansas. I personally am a very big believer in the benefits of chess for children and have done charity work over the last several years with my Peace Fund to help Chernobyl victims and with the Special Olympics. For the past eleven years I have been Goodwill Ambassador for UNICEF. As FIDE President I will be able to secure agreements on behalf of chess with both UNICEF and UNESCO.”

“Philosophically speaking I believe the above is a much sounder approach to finances and raising funds than the current methods employed by FIDE. The current FIDE philosophy of implementing new rules with financial penalties and turning profits on official FIDE events at the expense of national federations is not the proper way to support FIDE programs.”

Die Göttin des Schachs - Caissa

Der Wahlkampf um das höchste Amt der FIDE hat definitiv begonnen und wird uns bis zur Olympiade sicherlich noch öfter beschäftigen. Gut möglich, dass 2010 das beste Schachjahr seit 15 Jahren wird, ebenso ist es aber auch nicht unwahrscheinlich, dass wir vier weiteren Jahren des Wehens und Klagens über Willkür, undurchsichtiges Finanzgebaren, völlig sinnfreier Regeländerungen und ständig wechselnden WM-Systemen entgegensehen.

Würde mir Caissa hier und jetzt drei Schachwünsche gewähren, so wählte ich für Viswanathan Anand die erfolgreiche Titelverteidigung, für Anatoly Karpov den Sieg bei der FIDE-Wahl und für mich selbst ganz bescheiden, der erste Mensch mit einer Elozahl über 2900 zu sein. Ich befürchte, für Letzteres reicht sogar die Macht der Schachgöttin nicht aus, doch vielleicht kann sie sich ja dafür etwas mehr bei der Erfüllung der ersten beiden Wünsche anstrengen …






_______________________________________________________________________


Wer gewinnt die Schachweltmeisterschaft 2010?
Viswanathan Anand
Veselin Topalov
pollcode.com free polls



Mike Rosa

Published by Mike Rosa

Dieser Artikel wurde 2224 Mal aufgerufen.


Impressum     Datenschutz
Copyright © 2026 - Chess Tigers Schach-Förderverein 1999 e.V. / CT