Nachrichten Weltmeister-High-Noon in Brissago Wenn der Titelverteidiger mit dem Rücken zur Wand seine letzte Chance sucht
23.10.2004 - Mit dem letzten Spiel kehrt wieder die für eine WM würdige Spannung ein - vergessen sind die Serien von Kurz-Remisen, die beinahe konstruktive Langeweile aufkommen ließen. Doch kein Hollywood-Regiseur hätte mehr Spannung vor dem letzten und entscheidenden WM-Match schaffen können. Die Ausgangslage bei 6 : 7 Punkten war alles andere als hoffnungsvoll für Kramnik.
Kramnik mit dem Rücken zur Wand: High-Noon bei der WM in Brissago
Gary Cooper verkörperte im
Film "High Noon" wie kein Anderer den Showdown des Individuums gegen
das Böse.
Kein Hollywood-Regisseur hätte ein spannenderes Drehbuch für das Finale
der Schach-WM in Brissago schreiben können, was die Dramatik des letzten
Aktes betrifft: Erinnerungen an den Showdown von Gary Cooper im Western
"High Noon" werden wieder wach.
Die Ausgangslage war klar: Weltmeister Wladimir Kramnik liegt bei
dem auf 14 Partien angesetzten Match vor der entscheidenden letzten
Partie mit 6:7 Punkten hinter dem Herausforderer Peter Leko aus Ungarn.
Ein Sieg für Kramnik würde Punktgleichstand und damit die
Titelverteidigung bedeuten, Leko müsste mindestens ein Remis mit Schwarz
schaffen - dann wäre er der neue FIDE-WM und würde gemäss den "Prager
Vereinbarungen" gegen den Sieger des nächsten Spitzenkampfs zwischen
Gary Kasparow als Spieler mit der höchsten ELO-Punktewertung und dem
Weltmeister Rustam Kasimdzhanov aus Uzbekistan.
Wenn Sie - lieber Leser - jetzt etwas verwirrt sind ob der vielen
gleichzeitigen Weltmeister-Titelträger, so ist das keine Schande.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Wladimir Kramnik
Als Kramnik in der entscheidenden Partie mit e4 eröffnet, entscheidet
sich Leko für die
grundsolide Caro-Kann-Verteidigung (B12). Mit dem
defensiven Rückzug 7. .... Ld7 wählt Leko eine eher vorsichtige
Fortsetzung, die auf Turnierebene eher selten gespielt wird, so zuletzt
bei der FIDE-Weltmeisterschaft der Frauen in Eliste zwischen Natascha
Bojkovic aus Serbien & Herzogewina und Ketino Kachiani-Gersinska
(Deutschland).
Leko war früh um Ausgleich bemüht und tauschte im 16. Zug bereits die
Damen ab. Beide Kontrahenten verzichteten auf die Rochade und hielten
ihren König im Zentrum.
Im Endspiel hatte Leko dann sogar zwei
Mehrbauern Vorteil, aber Kramnik nutzte die grössere Beweglichkeit
seiner Figuren und die offene Stellung des schwarzen Königs zum
Gegenangriff aus - nach 41 Zügen gab sich Leko geschlagen.
Alter und
neuer Weltmeister ist Wladimir Kramnik, bei Punktgleichstand von 7:7
bleibt aufgrund des Reglements der Titelverteidiger Weltmeister.
Hier können Sie die entscheidende 14. Partie bei Chessbase
nachspielen