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WM-Rückblick: Auch etwas für Geniesser
Schach und Genuß: Aus den Lebenserfahrungen eines Benoni-Experten
29.10.2004 - Bei der kürzlich beendeten WM in Brissago gab es nicht nur für die Freunde der konstruktiven Langeweile, sondern auch für die Geniesser des Lebens reichlich Anschauungsmaterial. Der Modern-Benoni-Experte IM Attila Schneider erläuterte die Verkaufserfolge seiner Bücher mit einer Parabel über die Trinkgewohnheiten einiger Europäer.
Genuß pur

Die 13. und vorletzte Partie der Schach-WM im Centro Dannemann in Brissago (Tessin) begann am Samstag, den 16. Oktober 2004: Peter Leko mit den weißen Figuren lag mit einem Punkt im Match vor Wladimir Kramnik, dem Titelverteidiger. Leko benötigte nur noch 1 Punkt aus zwei Partien - dann würde er Kramnik als FIDE-Weltmeister ablösen. Für genügend Spannung war also gesorgt. Als Leko mit d4 eröffnete, wählte Kramnik erstmals in diesem Match die Moderne Benoni-Verteidigung.

Peter Leko müsste eigentlich mit der Modernen Benoni Verteidigung sehr vertraut sein, hat doch sein ungarischer Landsmann IM Attila Schneider ein dreibändiges Standardwerk auf Ungarisch über diese Eröffnungstheorie geschrieben. Und die erste Übersetzung seines Buches in eine andere Sprache war eine deutsche Übersetzung.

Insel Islay in Schottland

Küste bei Portnahaven auf der
Insel Islay (Schottland)

Attila Schneider begründet es so: "Ich bin froh, daß mein Buch zuerst in Deutsch erscheint. Seinerzeit, als ich in Westeuropa regelmässig gespielt habe, verkaufte ich dort auch Bücher. Nach meinen Erfahrungen waren die deutschen Schachspieler die besten Kunden; kein Zufall, daß auch das Durchschnittsniveau im Schach bei ihnen am höchsten ist, ganz zu schweigen von der Elite! Ich bin schnell darauf gekommen, was der Grund dafür ist. Nichts anders, als die Mentalität der deutschen Menschen. Ich will jetzt andere Völker nicht beleidigen, aber ich habe die folgende Erfahrung gemacht: wenn in einem Nachbarstaat von ihnen ein Schachspieler wählen muß, ein Schachbuch oder eine Flasche Rotwein zu kaufen, kauft er in 9 von 10 Fällen den Rotwein. Ein anderes Beispiel: Es gibt ein Inselland in Europa, seinen Namen verrate ich nicht. Wenn sich dort ein Schachspieler entscheiden muß, ein Schachbuch zu kaufen oder drei Gläser Whisky zu trinken, trinkt er in 9 von 10 Fällen sechs Gläser Whisky, für die er bestimmt ein Schachbuch hätte kaufen können, und dann nochmals drei Gläser Whisky. Der deutsche Schachspieler kauft zunächst das Buch und zählt erst danach, wieviel Krüge Bier er trinken hätte können (oder etwa nicht?)".

Das Label von Bunnahabhain zeigt einen heimkehrenden Seemann am Steuer seines Schiffes und dem schottischen Balladen-Titel "Westering Home"

Vielleicht hat IM Attila Schneider keine persönlichen Reise- und Genuß-Erfahrungen in Schottland gemacht, denn dann wäre er sicherlich auf die hervorragenden schottischen Distillate, den Single Malt Whisky gestossen und hätte einer Degustation nicht aus dem Wege gehen können. Insbesondere auf der schottischen Insel Islay gibt es Single Malts, die nahezu jeder Whisky-Trinker mit geschlossenen Augen erkennen kann.

"Die von Seetangduft gesättigte Luft und das besondere Klima der Insel verleihen den Islay Malts ihren einzigartigen Charakter. Bunnahabhain ist der sanfteste und subtilste unter den Islay Malts. Die zurückhaltende Verwendung von Torf und das weiche Quellwasser der Insel kreieren ein unverwechselbares Aroma. Ein großer Teil der Produktion reift in ausgesuchten spanischen Sherryfässern und gibt dem Single Malt von Bunnahabhain seinen besonders milden und weichen Charakter", so beschreibt The Whisky Store den Islay-Malt.

Und was für den normalen Angelsachsen oder Westeuropäer eher wie eine Wanderbaustelle der Sprache klingt, wäre für einen Ungarn wie Attila Schneider, der sicherlich an lange und unaussprechliche Worte von Kind an gewöhnt ist, kein Problem. Der Single Malt Whisky Bunnahabhain kommt aus der Highland Distillerie in Port Askaig von der Insel Islay. Sogar in Kramnik's Heimat, dem eher dem Wodka-Genuss verschriebenen Russland, wird das schottische Erzeugnis in den höchsten Tönen gelobt:

"Свое труднопроизносимое название эта марка получила от галльского словосочетания «Boon-a-havn», что значит «устье реки». Действительно, винокурня находится прямо на морском берегу, недалеко от того места, где в него вливается небольшая местная речушка.

Как и многие другие, своим появлением винокурня обязана моде на виски конца прошлого столетия, когда смешивание различных сортов с целью получения новых смесей становилость все более и более популярным. Поэтому нет ничего удивительного в том, что основной упор сразу был сделан на продажу этого солода производителям купажированных марок.

В отличие от других винокурен, зародившихся стихийно, Bunnahabhain строилась по четкому плану. Была выбрана местность, наилучшим образом подходившая для начала производства, имеющая достаточные водные ресурсы и маршруты для доставки сырья на винокурню. Сделано было все для достижения максимального объема выпуска продукции."

Schachspielende Genußmenschen würden die Kaufentscheidung zwischen einer Flasche Bunnahabhain und einem Schachbuch von Attila Schneider wahrscheinlich eher ganz im Stil eines Springergabelangriffs auf Dame und König lösen: Eine Flasche Whisky und ein Schachbuch, bitte sehr. ( Warnung: Alkoholmissbrauch ist gesundheitsgefährdend. Genießen Sie in Maßen.)

Doch nun - ohne Whisky-Genuss - zurück zur Partie. Kramnik zog im 9. Zug seinen Springer auf die Grundlinie nach e8 zurück -  diese Zugfolge (A73) wird selten gespielt. Leko griff am Damenflügel an, nahm einen Isolani auf d4 sowie Doppelbauern auf der B-Linie in Kauf, Kramnik hingegen hatte eine solide Bauernformation am Damenflügel aufgebaut. Zunächst erfolgte Leko's Angriff am Damenflügel, Kramnik verteidigte umsichtig. Danach gelang es Kramnik mit Schwarz, die offene F-Linie zu aktivieren und einen Gegenangriff am Königsflügel zu initiieren. Leko bemühte sich, die schwarzfeldrigen Läufer abzutauschen, dadurch hätte er das Problem seines Doppelbauern auf b2 elegant gelöst - nur Kramnik machte ihm nicht den Gefallen.

Nach Damen- und Springerabtausch im 29. Zug war die Zeit für das Turm- und Bauernendspiel gekommen. Beide Kontrahenten hatten noch jeweils 6 Bauern auf dem Brett, doch Kramnik's Bauernformation am Damenflügel war sehr solide. Leko hingegen verfügte über zwei aktive Türme.

Theorie-Spezialist IM Attila Schneider kommentiert in seinem Buch "Die komplette Moderne Benoni-Verteidigung": "Die sich aus der Modernen Benoni-Verteidigung ergebenden Endspiele erfordern von Schwarz präziseres Spiel, als die aus vielen anderen Eröffnungen entstehenden Endspiele. Ursache dafür ist meistens die Schwäche des Bauern d6, die Schwarz schon in der Eröffnung auf sich genommen hat".

Und in der Tat - das Endspiel war scharf und präzise geführt. Nach 55 Zügen hatte Leko Freibauern auf b6 und g5, WM und Titelverteidiger Kramnik drohte mit Turm den Bauern auf b6 zu gewinnen und seinerseits mit einen Freibauern von c3 zur Damenumwandlung durchzumarschieren. Im 60. Zug opferte Leko seinen Turm gegen einen Bauern. Dann marschierte sein zweiter Freibauer auf der g-Linie, Kramnik konnte nur noch mit Turmopfer den Bauern von der Umwandlung abhalten, im 65. Zug war der spannende Kampf mit einem Remis zu Ende.

In der 14. und letzten Partie wird Kramnik das Alles-oder-Nichts-Gambit spielen müssen, Leko genügt ein Remis zum Matchgewinn.

Zum Nachspielen auf der offiziellen Veranstalter-Webseite aus dem Centro Dannemann: >>>Hier

Gerhard Kenk

Published by Gerhard Kenk

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