Nachrichten Neue Vorschläge der FIDE zum WM-Modus: Der Hund bellt, die Karawane zieht weiter
02.03.2005 - Wenn man den neuesten Vorschlägen der FIDE über die Ausrichtung der nächsten Schach-Weltmeisterschaft hört, kann man der Weltorganisation und ihrem Präsidenten Kirsan Ilyumzhinov zumindest keine Untätigkeit vorwerfen. Mit einer neuen Ankündigung sorgt er wieder einmal mehr für mehr Beschäftigung unter den Managern der Super-GM - wenn auch nicht unbedingt für neue Arbeitsplätze.
Der Hund bellt - die Karawane zieht weiter
Vorbei sind die Zeiten, als Schachmacher Bessel Kok alle Beteiligten
an einen Tisch brachte, mit den Super-GMs und den FIDE-Funktionären
sprach und ein vielbeachtetes Vertragswerk, das Prager "Reunification"
Dokument vom Mai 2002 publizitätsträchtig und unterschriftsreif in Szene
setzte. Ein fein austarierter Modus von Qualifikations-Kämpfen sollte
den zukünftigen, den wahren Weltmeister im klassischen Schach ermitteln.
Der wahre Weltmeister aber titellose GM Garry Kasparov war nach
wie vor die unumstrittene Nummer eins der FIDE-Weltrangliste, wenngleich
sich der Abstand zu Indiens Super-GM Vishy Anand zusehends verringerte.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Prager Vertrags begann wieder
das allgegenwärtige Durcheinander in der FIDE-Spitze (Organisation wäre
vielleicht der falsche Ausdruck, denn dieses Wort assoziiert Ordnung,
Plan, Zielstrebigkeit und vieles mehr) - und immer neue Pläne und
Austragungsorte drangen wie eine Frühgeburt ans Licht der Schach-Welt.
Die Pläne und Ankündigungen über die nächste Schach-Weltmeisterschaft
lesen sich fast wie die Reisepläne eines Jet-Setters.
Erster Stop: Dubai.
Dubai
Das ursprünglich geplante Match zwischen Garry Kasparov, dem Nr. 1 der
Weltrangliste und Rustam Kasimdzhanov aus Usbekistan, derzeit die
Nr. 25 der Welt sollte in Dubai am persischen Golf stattfinden.
Schöne
Pläne wurden gemacht, Architekten skizzierten sogar schon ihre Visionen
einer Hotel-Schach-Stadt - bis die Seifenblase platzte, weil im
Mittleren Osten zwar reichlich Öl und Geld fliesst, aber keine
ausreichenden finanziellen Garantien für diese Veranstaltung und die
damit verbundenen Pressekonferenz gesichert werden konnten.
Zweiter Stop: Türkei
Türkei
Schnell sprang der türkische Schachverband - bekannt durch viel
Eigeninitiative wenn es um die Organisation von internationalen
Schachturnieren geht - in die Bresche - bis die Seifenblase platzte.
Die
Türkei wollte keine finannziellen Garantien für den blossen Antritt der
Schachspieler abgeben, weil sie dies bei vielen anderen Sportereignissen
auch nicht gemacht hatte.
Dritter Stop: Saigon
Saigon
Schnell wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder hervorholt,
trat FIDE Präsident Kirsan Ilyumzhinov mit dem nächsten Austragungsort
an die Öffentlichkeit.
Saigon oder in der offiziellen Schreibweise Ho-Chi-Minh-City sollte es werden, man hätte auch schon mit den
nationalen Verbänden und entsprechenden Sponsoren gesprochen - bis auch
diese Seifenblase platzte.
Vierter Stop: Elista
Jetzt entscheidet sich FIDE-Präsident Kirsan Ilumzhinov
für ein Heimspiel: Elista soll der neue Austragungsort der
Schach-Weltmeisterschaft werden und ein neuer Austragungsmodus wurde
auch gleich angekündigt.
Ein kleiner Tip für die PISA-geschädigten Geografie-Muffel: Elista (Элиста)
liegt in der Republik Kalmükien, und zwar auf den geographischen
Koordinaten 46,32° Nord, 44,21° Ost. Kalmückien liegt im Nordkaukasus an
der Nordwestküste des Kaspischen Meeres.
Elista
"Selbst
Russen, so behauptet man in Kalmückien, hätten keine Ahnung wo
Kalmückien läge. Eine Beleidigung, wie man in dem Land findet, denn
schließlich ist Kalmückiens Präsident, Kirsan Ilumzhinov, der
Vorsitzende von FIDE, des Internationalen Schachverbandes, und ist es
der einzige Staat der russischen Föderation, dessen Bewohner
buddhistischen Glaubens sind. Elistas wahrnehmbarstes und größtes
Problem ist nicht die Korruption, nicht die Wirtschaft und vielleicht
nicht einmal, dass mangels Strom die Stadt am Abend immer mal wieder in
Dunkelheit fällt.
Elistas offensichtlichstes Problem ist der
Kanaldeckelklau. Wer ihn betreibt und warum, ist ein Rätsel, dessen
Lösung vielleicht die russische Geheimpolizei weiß, dem Reisenden nach
Kalmückien und in seine Hauptstadt indes bleibt das Geheimnis
verschlossen.
Elista ist nicht unbedingt schön, wie überhaupt
Kalmückien, Russlands halbautonome Provinz dort, wo man den Kaukasus
schon fast riechen kann, kein Ort der Erfüllung touristischer Sehnsüchte
ist. Bunte Flecken im Stadtbild bilden lediglich die Vorbauten vor den
Häuserblocks, die im Stil tibetischer Pagoden errichtet sind. Bunt sind
auch die Poster an den Laternenpfählen, die den jugendlich
milchgesichtigen Präsidenten bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen
zeigen. Nein, nicht Schachspielen, Händeschütteln. Die des Papstes, die
des Dalai Lamas, die des Oberhauptes der russisch orthodoxen Kirche.
Vielleicht kann ja Joschka Fischer demnächst mal vorbeikommen" (Andrea
Strunk, Notizen aus Südrussland, erschienen in der Frankfurter Rundschau
als Reisetagebuch)