Unterhaltung Berlin 1920 Aus der Praxis des Schachtherapeuten
06.02.2005 - Das schrille Klingeln meines Telefons unterbrach die angenehme Stille, die nur von zwitschernden Vögeln, die heute besonders fröhlich und kommunikativ gestimmt schienen, bestimmt war. Ich nächtigte ausnahmsweise in meinem Wochenendhaus am Donnersberg. Nachdem es bei meiner sonntäglichen Wanderung gestern etwas spät und die Rotweinflasche danach leer wurde, schlief ich in meinem Polstersessel mit einer Fiktion von Jules Verne ein. ‚Von der Erde zum Mond’ ließ mich an dem besagten Abend mehrmals laut auflachen, denn der erfrischende Schreibstil, besonders die Beschreibung der Mitglieder des Gun-Clubs, sprühen geradezu vor Ironie. Die hohe Anzahl der Invaliden unter ihnen gipfelt in der Feststellung, dass kaum ein Arm auf vier Personen und nur zwei Beine auf sechs Mitglieder kommen. Das Fenster ließ ich über Nacht weit offen und eine angenehme morgendliche Frische erfüllte den Raum und entlarvte den Pulverdampf des Gun-Clubs meiner Träume als reine Fantasie.
Wieder meldete sich die Außenwelt mit einem Klingelton.
Berlin 1920
Der Schachtherapeut
Nach einem Blick auf die
Uhr, sagte ich zu mir selbst: „Das kann doch nur dieser Lobrehd sein!
Diese alte Nervensäge! Noch nicht einmal das Wochenende kann man in Ruhe
verbringen! Der mit seinen blöden Macken!“ Das unbarmherzige
Klingelzeichen machte bereits zum wiederholten Male auf sich aufmerksam
und ich erinnerte mich, dass ich mein Geld ja als Seelenklempner für
unzufriedene Schachspieler verdiente.
„Ja?“, sprach ich mit
sonorer Stimme in den Hörer, „Schachtherapeut Dr. ...“
„Lobrehd am Apparat.
Wissen Sie was ich heute geträumt habe?“, rief er aufgeregt mit kindlich
wirkender, affektierter Stimme. „Sie werden es mir nicht glauben, aber
ich hab’ schon einmal gelebt!“ Ich verrollte die Augen und dachte,
welchen fernöstlichen Quatsch hat er denn nun schon wieder
aufgeschnappt.
„Das ist ja toll Herr
Lobrehd! Waren sie früher ‚ne Maus, ein Elefant oder ein Sonnenblümchen?
Oder hatten Sie von allem etwas, Herr Lobrehd?“, fragte ich mit leicht
provozierendem Unterton.
„Nein, nein! Ich war schon
Mal als Mensch auf der Welt! Und das Beste daran ist, dass ich schon
damals ein guter Schachspieler gewesen sein muss!“
„Oh, nein“, dachte ich,
„jetzt wird der gute Mann auch noch größenwahnsinnig und hält sich
womöglich für den reinkarnierten Steinitz!?“
„So, so, sie weilten
bereits auf diesem Erdenrund?! Für wen halten Sie sich, ... ähh ich
meine wer waren Sie denn damals?“, fragte ich vorsichtig nach.
„Rotenstein“, war die
prompte Antwort. „Ich komme heute nach der Arbeit zu Ihnen in die
Praxis. Dann erzähl ich Ihnen alles ganz genau.“
Und bevor ich etwas
erwidern konnte, hörte ich ein Klicken am anderen Ende der Leitung und
nach kurzer Pause setzte das nervtötende Besetztzeichen ein. Ich machte
mich abflugbereit, um vorher in der Praxis noch etwas über diesen
Rotenstein in Erfahrung zu bringen, bevor Lobrehd mich dort überfällt.
In den 15 Minuten vor
seiner Ankunft konnte ich natürlich nur wenig über den relativ
unbekannten Spieler in Erfahrung bringen. Simon Rotenstein gewann 1919
das Winterturnier des Berliner Schachvereins mit 12 Gewinnpartien aus 14
Runden, mit einem Vorsprung von 2 Punkten. Beim Meisterturnier 1920 in
Berlin belegte er immerhin Platz 3 von 11 nach den starken
Meisterspielern Selesniew und Sämisch, noch vor Post, der auf Platz 4
landete.
Anmerkung:Der Russe Selesniew fand
für einige Jahre in Berlin eine neue Heimat. Er weilte zu diesem
Zeitpunkt 1½ Jahre in der Großstadt und spielte bereits über 50 Partien
(u.a. gegen Bogoljubow, Reti und Spielmann) und verlor dabei keine
einzige! Sämisch (1896-1975), war zwar 1920 noch nicht auf der Höhe
seines Könnens angelangt, galt aber bereits als stärkster deutscher
Amateur. Post, Vorsitzender der Berliner Schachvereine, gewann 1921 +
1922 die deutsche Meisterschaft.
Rotenstein war im Berliner
Stadtteil Halensee ansässig.
Der Stadtteil Halensee ist
eigentlich kein offizieller Stadtteil. Halensee hat auch keine eigene
Geschichte als selbständige Gemeinde wie zum Beispiel Schmargendorf oder
Grunewald. Die Bezeichnung Halensee für die Gegend rund um das westliche
Ende des Kurfürstendammes ist entstanden, als der Kurfürstendamm seit
den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebaut wurde. Natürlich stammt
der Name von dem nahe gelegenen Halensee. Dieser See wiederum gehörte
überwiegend zur Villenkolonie Grunewald, nicht zum Stadtteil Halensee.
Da platzte Lobrehd auch
schon zur Eichentür herein und lief zielstrebig zur Couch.
„Also, das muss ich Ihnen
erzählen.“, fing er gleich an.
„Guten Tag Herr Lobrehd,
wie geht es Ihnen?“ antwortete ich etwas überbetont um ihm eine
alltägliche Begrüßungsformel wieder in Erinnerung zu bringen, dabei fiel
mir eine Beule an seinem Kopf auf.
„Äh, ja, ... guten Tag,
... danke gut.“ „Schön“, erwiderte ich, „Platz genommen haben Sie ja
schon. Möchten Sie mir noch etwas genauer mitteilen, was Sie
beschäftigt?“ Wohl wissend, dass er gar nicht anders konnte. Sein
teilweise sanguinisches Temperament, mit dem Herz auf der Zunge, brach
jegliche Rekorde.
„Also, wie ich Ihnen schon
am Telefon heute morgen berichtete, habe ich bereits einmal gelebt. Ich
weiß bis jetzt nur soviel, dass ich Rotenstein hieß und Schach spielen
konnte – vermutlich sogar ganz ordentlich!? Mehr nicht. Ich hoffe Sie
können mich in Trance oder Hypnose oder so etwas versetzten, damit ich
mehr über mein früheres Leben erfahren kann.“
Da waren sie wieder meine
3 Probleme: Lobrehd, sein Dachschaden und seine bescheuerten Wünsche.
Hier galt es für mich in
Windeseile, denn Lobrehd konnte sehr schnell ungeduldig werden, einen
gangbaren Weg zu finden. Um Zeit zu gewinnen, bat ich ihn mir mehr über
seine „unglaublich tolle Entdeckung“ – wie ich es ausdrückte – zu
erzählen.
Dass ich hierbei offene
Scheunentüren einrannte, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen.
„Also das fing an, dass
ich letzte Woche in der Stadtbibliothek herumschmökerte. Ich suchte
nichts Bestimmtes, sondern überließ es dem Zufall, genauer gesagt dem
Schicksal, welche fiktive Welt mich in Bann ziehen möchte. An den
Neuerscheinungen, mit ihren nichts sagenden Titeln, ging ich schnell
vorbei, stöberte ein wenig bei den Philosophen, gelangte zu
Reiseerzählungen aus dem 19. Jahrhundert bis ich zum Schluss in der
Esoterik-Ecke landete. Dieser ganze Hexenkram übt auf mich eine gewisse
Faszination aus, obwohl ich mich auf so etwas nie wirklich einlassen
würde! Als ich gerade das Regal mit Hilfen zur Steuererklärung und
anderen Naturkatastrophen ansteuern wollte, erblickte ich im letzten
Augenblick ein gelb-schwarzes Buch mit dem Titel „Selbsthypnose für
Dummies – und die es werden wollen“. Das war’s! Das war der Titel der
mich unweigerlich ansprach. Da ich es nicht erwarten konnte den Inhalt
aufzusaugen und an mir anzuwenden, verkroch ich mich in eine abgelegene
Ecke im 2.Stock, direkt hinter dem dicken Bücherregal mit rührseligen
Lebensberichten von ehemaligen Tamagocci-Besitzerinnen, deren „Freund“
bei der Parkplatzsuche mit dem Auto in der Innenstadt verhungerte.
Einige gewissenbelastete Fanatiker haben oben auf dem Regal Ewige
Lichter angezündet, um ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen.
Ich wusste, dass dort ein
Stuhl steht, den die Tamagocci-Depressiven manchmal zu einem Altar
umfunktionieren, in dem sie Bilder, Reueberichte und handgeschriebene
Liebesbriefe anheften. Ich schnappte mir den Stuhl schob ihn in die Ecke
und fing an zu lesen. Unglaublich spannend, was da ein Herr Dr. Charles
Atan so über unser Unterbewusstsein alles weiß!
Ich kann Ihnen das Buch
nur wärmstens empfehlen, auch wenn ich nicht alles verstanden habe! Der
Mann ist wirklich kompetent! Er beschreibt, wie man sich mit Hilfe eines
Pendels in Selbsthypnose versetzen kann. Nun hatte ich ja kein Pendel
bei mir, wie Sie sich sicher denken können. Also nahm ich kurzerhand
einen Schnürsenkel von meinem Turnschuh, holte ein Ewiges Licht vom
Regal, pustete es aus, bohrte mit dem Korkenzieher von meinem original
Schweizer Messer, in Rot mit weißem Kreuz, ein Loch hinein und
befestigte den Schnürsenkel daran. Fertig war mein Pendel.
Zugegebenermaßen etwas unbeholfen schlenkerte ich das Teil vor meinem
Gesicht herum, bis auf einmal heißes Wachs aus dem roten Plastikbehälter
mich mitten im Gesicht traf. Ich zuckte zusammen, verhedderte mich mit
dem Pendel an meiner Brille und kippte mit samt dem Stuhl um. Mein Kopf
muss dann wohl die Ecke des Metallregals persönlich kennengelernt haben,
denn ab diesem Zeitpunkt erinnere ich mich an nichts mehr.
Als ich wieder zu mir kam,
hatte ich ein großes braunes Pflaster über meiner rechten Schläfe
kleben. Die Bediensteten sprachen wohlwollend auf mich ein, gaben mir
einen Schluck Whisky zu trinken – ich hielt es für Leitungswasser und
war auf einmal hellwach, denn mein Rachen brannte fürchterlich. Sie
wissen ja, dass ich Antialkoholiker bin. Nach einigem Hin und Her bin
ich nach Hause gelaufen und bemerkte erst dort, dass ich das Buch nicht
mitgenommen hatte. Allerdings war es mir peinlich die Stätte des Unheils
wieder aufzusuchen, da ich davon ausgehen musste, dass die
Bibliothekarinnen mich für einen Tamagocci-Verrückten hielten, bei dem
seine Trauer zu suizidalem Verhalten führte.
Mein Arzt murmelte etwas
von einer leichten Gehirnerschütterung, schrieb mich eine Woche krank
und nun bin ich hier bei Ihnen.“ „Hmmm“, machte ich nachdenklich, „und
wie kommen Sie nun darauf, dass Sie als Herr Rotenstein schon einmal
gelebt haben?“
„Ach so, ich vergaß, ja
klar, ... Also während der letzten Woche, die ich die meiste Zeit im
Bett verbrachte, träumte ich jede Nacht von einem roten Stein der auf
ein Schachbrett fällt und da war mir klar, dass es keine Zufälle geben
kann! Verstehen Sie: roter Stein – Rotstein, Schachbrett –
Schachspieler, er fällt – war also vorher schon da. D.h. ich habe als
Herr Rotstein schon vorher gelebt!“
Dabei wurde Lobrehd ganz
euphorisch, fast schon kindisch – auf alle Fälle wurde mir erneut
bewusst, wie einfach gestrickt seine Hirnwindungen sein mussten.
„Ganz toll Herr Lobrehd,
ganz toll! So muss es gewesen sein, natürlich! Ein Traumdeuter von Ruf
hätte das nicht besser interpretieren können! Ich sehe das genauso!“
Zustimmung schien mir der
einfachste Weg zu sein ihn wieder los zu werden.
„Um aber ganz sicher zu
gehen, möchte ich Sie auch in Hypnose versetzen und Ihnen dabei ein paar
Fragen stellen – wenn Ihnen das Recht ist?“
„Ja, natürlich – ich habe
volles Vertrauen zu Ihnen!“
„Neuerdings benutzt man
nur noch in Ausnahmefälle ein Pendel, seit kurzer Zeit verwendet man die
Hypnose-Pille „Trance 08/15“. Nach dem Einnehmen kommen Sie in den
gewünschten Halo-Wachzustand, der eine Befragung meinerseits zulässt.
Lobrehd war mit allem
einverstanden, schluckte die Schlaftablette, die ich ihm gab und
schlummerte sanft ein.
Ich machte mich in der
Zwischenzeit an meinem PC zu schaffen, suchte Partien von Rotstein aus
einer großen Datenbank heraus und analysierte sie, bis ich endlich eine
interessante zum Vorführen gefunden hatte. Sie stammt aus dem
Meisterturnier Berlin 1920. Schnell schrieb ich mir die Notation auf
einen Zettel. Ich ließ meinen Klienten noch eine weitere halbe Stunde
schlafen (manchmal macht mir mein Beruf Spaß, vor allem wenn das Honorar
leicht verdient ist) und weckte ihn dann mit ein paar leichten Schlägen
auf die Backe.
Noch leicht bedeppert,
reichte ich ihm ein Glas Wasser mit dem Hinweis: „Keine Angst, das ist
kein Whisky, sonder wirklich Wasser.“ Er richtete sich dazu auf und nahm
vorsichtig einen Schluck.
„Herr Lobrehd, das war ja
wirklich hoch interessant, was Sie mir unter Hypnose alles geantwortet
haben!“
„Wirklich?“, ich kann mich
mal wieder an nichts erinnern. Ich schilderte ihm meine wenigen
Erkenntnisse, malte alles aber blumenreich aus, so als ob er echtes
Insiderwissen ausgeplaudert hätte. Zum Schluss zeigte ich ihm die
Aufzeichnung zu der Partie aus dem Turnier in Berlin 1920 und gaukelte
ihm vor, dass er die Aufschrift selbst unter Hypnose gemacht hätte.
Natürlich wollte er sie
sofort nachspielen, um zu sehen wie gut Meister Rotstein wirklich war.
Er setzte sich an das Mahagoni-Brett und staunte nicht schlecht.
Kurt Richter - Simon
Rotenstein
Berlin 1920
1.e4 e5 2.Nf3 Nf6 3.Nc3 Nc6 4.Bc4 Nxe4 5.Nxe4 d5 6.Bd3 dxe4 7.Bxe4 Bc5
8.Bxc6+ bxc6 9.0-0 [9.Nxe5 Bxf2+ 10.Kxf2 Qd4+ mit beiderseitigen
Chancen.]
9...0-0 10.Nxe5 Re8 11.d4 Ba6 12.Re1 Bxd4 [12...Qxd4 führt schnell zu
einem
remislichen Endspiel. 13.Qxd4 Bxd4 14.Nf3 Rxe1+ 15.Nxe1 Re8 16.Nf3 Re2
17.Be3 Bxe3 18.fxe3 Rxc2 19.Rd1 f6 20.Rd2 mit Ausgleich.] 13.Nxc6??
Hier hat der Taktiker
Kurt Richter wohl geschlafen. Nun folgt etwas
Blutvergießen, eine Königsflucht an die Front und die zu erwartende
Hinrichtung.13...Bxf2+! 14.Kxf2 [Auch 14.Kh1 verliert, denn nach
14...Qf6
geht der verirrte Springer auf c6 flöten.] 14...Qh4+ 15.g3 Qxh2+ 16.Kf3
Bb7
17.Bf4 Bxc6+ 18.Kg4 f5+ 19.Kxf5 g6+ 20.Kg5 Rxe1 21.Qg4 Kg7!
und mit h7-h6 wird der Sack zu gemach bzw. umgebracht. [Mit dem
materialistischen 21...Rxa1?? hätte man die Partie noch leicht
vergeigen
können. 22.Qe6+ Kg7 (22...Kh8?? 23.Be5#; 22...Kf8?? 23.Kf6!! nebst Matt
in 2
Zügen!) 23.Qf6+ nebst Remis durch Dauerschach.] 0-1
„Genau so hätte ich dem
Richter sein Henker gespielt“, sprach Lobrehd und ging zufrieden nach
Hause.
Ich machte noch meine
Rechnung an ihn fertig, mailte sie ihm zu und machte mich ebenfalls
vergnügt auf den Nachhauseweg.