02.02.2005 - GMs do it, IMs do it, even educated girls do it…! Nein, dies ist
keine Filmbesprechung des zurzeit in deutschen Kinos laufenden
Films über den
amerikanischen Komponisten Cole Porter. Aber einige Schachspieler tun es halt.
Sie entfliehen dem kalten europäischen Winter für einige Zeit und
genießen karibisches Klima. Anything goes. Gute Schachturniere gibt es ja
genügend um die Weihnachtszeit, aber ich packe statt warmer Wollpullis und
Daunenjacke lieber Platz sparend einen Bikini ein. Leider ist das Turnier auf
der Dominikanischen Republik wegen einer Hurrikan Verwüstung ausgefallen
und so zog es uns nach Mérida (Yucatan, Mexiko), wo wir sehr
gastfreundlich aufgenommen wurden und Zeuge eines starken Auftritts von
Europameister Vassily Ivanchuk sein durften.
Mitten im Großstadtgewimmel von mexikanischen Nightlife,
Weihnachtsmarktrummel und Verkehrschaos fanden die Organisatoren des
„XVII. Torre Repetto In Memorial“ im Centro Cultural Olimpio de
Mérida ein ruhiges und repräsentatives Plätzchen, wo Caissas
Anhänger die Klingen kreuzen konnten. Gespielt wurde in verschiedenen
ELO-basierten Wertungskategorien und Jugendklassen mit auch in den unteren
Klassen noch sehr ansprechendem Preisfond.
In der ersten Gruppe wurde der Sieger nach dem Wimbledon-System
ermittelt, das heißt, dass nach sechs gespielten Runden im A-Open die
ersten 12 Spieler ins Achtelfinale kamen zusammen mit vier gesetzten Spielern
(der Vorjahressieger Yuniesky Quezada, Vassily Ivanchuk, Alexander Graf und
Vadim Milov). Es werden dann 2 Turnierpartien an einem Tag mit Fide-Bedenkzeit
gespielt und schließlich Schnell- bzw. Blitzpartien bis zur Entscheidung.
Ein für die Spieler zwar anstrengender, für die Zuschauer aber ein
sehr ansprechender und spannender Modus.
Europameister Vassily Ivanchuk
Die acht Spieler, die am ersten Tag rausfliegen, können dann, um
ein paar Pesos reicher, wieder ins Open einsteigen und dort noch um die
vorderen Plätze mitstreiten. Europameister Vassily Ivanchuk
demonstrierte einmal mehr seine Überlegenheit als Weltklassespieler
gegenüber „normalen“ Großmeistern. Im Finale gegen den bis
dahin auch überzeugend spielenden deutschen Großmeister Alexander
Graf war in der ersten Final-Partie Fortuna auf Ivanchuks Seite und Grafs
Schock über diesen unnötigen Verlust hielt dann wohl auch noch in der
zweiten Partie an, wo er sich widerstandslos aufs Schafott führen lies.
Sichtlich angeschlagen und unzufrieden mit der eigenen Leistung klagte er
über den anstrengenden Turniermodus. Letztlich kann aber auch er mit
seiner Leistung zufrieden sein. Immerhin ist der Elo-stärkere
schweizerische Spitzenspieler GM Vadim Milov schon im Viertel-Final
ausgeschieden und war nicht erst im Finale unterlegen.
Bei den unteren Turnierklassen (Yucatan etc.) herrschten für mich
zunächst ungewohnte Turnierbedingen. Schwarz musste eine Uhr mitbringen
und viele Spieler tauschten sogar die von Organisator zur Verfügung
gestellten Plastik Figuren und grünen, extra für dieses Turnier
angefertigten Brettplanen durch ihre eigenen grünen Planen und
Plastikfiguren aus. Soll das mehr Glück bringen? In der A-Gruppe gab
es aber Bretter und Uhren und keiner tauschte irgendetwas aus. Die ersten
Bretter spielten auf einer Bühne mit elektronischen Brettern und
Live-Übertragung vor einem großen Zuschauerraum, der auch stets gut
gefüllt war.
Torre-Lasker, Moskau 1925, vor 25.Lf6
Ich war überrascht über den Schachenthusiasmus in Mexiko und
vor allem in Yucatan ist Carlos Torre fast ein Nationalheiliger. Seine
berühmte Partie gegen Lasker kennt jedes Kind und sein Konterfei war
während des Schachturniers überall zu sehen und am Ende wurde den
Organisatoren ein gemaltes Portrait ihres Nationalhelden übergeben.
Wer im Urlaub nicht unbedingt Großstadtrummel haben möchte
fährt einfach die ca. 30 Kilometer (ist auch kostengünstig mit einem
Bus oder Taxi möglich) zum einem nahe gelegenen Strand in
Progreso und
relaxt dort etwas. Die Kulturfreunde können Mayapyramiden besichtigen (die
berühmteste Chichén
Itzá ist als Tagesausflug von
Mérida aus
zu machen bzw. liegt auf direktem Weg von
Cancún, wo
die meisten Flieger landen, nach Mérida; die „Haus-Pyramide“
Dzibilchaltún
liegt nur wenige Kilometer nördlich von Mérida). Die Naturfreunde
können in einem Naturschutzpark Flamingos bestaunen und natürliche
unterirdische Riesenbrunnen, sog.
Cenoten, einmalig in
Yucatan. Nur die Opernfreunde kommen in Yucatan etwas zu kurz. Sie sollten
lieber im Februar nach Moskau ins
Bolschoitheater
fahren, frieren,
Wodka
trinken und Weltklasseschach
genießen.