Nachrichten In Memoriam Lothar Schmid (11.5.1928 – 18.5.2012)
29.05.2013 - Am 18. Mai 2013 ereilte die Schachwelt eine schlimme Nachricht. Lothar Schmid verstarb im Alter von 84 Jahren nur sieben Tage nach seinem Geburtstag in Bamberg. Schmid wird als starker Nah- und auch Fernschachspieler bekannt und trug in beiden Disziplinen den Großmeister-Titel. Berühmt wurde er als Schiedsrichter des legendären WM-Matches 1972 zwischen Boris Spassky und Bobby Fischer. Später kamen noch die WM-Duelle Anatoly Karpov gegen Viktor Korchnoi (1978) und Karpov gegen Garry Kasparov (1986) sowie viele weitere Weltklasseturniere hinzu. Uns Chess Tigers wird Schmid auch deshalb in besonderer Erinnerung bleiben, weil er 2005 bei der Chess Classic Mainz die Unzicker Gala80 zum 80. Geburtstag von Wolfgang Unzicker schiedsrichtete. Außerhalb des Schachs ist der Name Lothar Schmid übrigens ebenfalls bekannt, denn er war nach seinem Vater zusammen mit seinen beiden Brüdern der Leiter des Karl-May-Verlages. Heute erreichte uns ein besonders lesenswerter Nachruf auf Lothar Schmid, verfasst vom Vorsitzenden der Emanuel Lasker Gesellschaft, Paul Werner Wagner.
IN MEMORIAM
LOTHAR SCHMID (11.5.1928 – 18.5.2012)
Edith Keller-Herrmann, Paul Werner Wagner und Lothar Schmid 2002 in Berlin
Es fällt sehr schwer, Abschied zu nehmen von unserem Gründungs- und Ehrenmitglied Lothar
Schmid.
Es fällt sehr schwer, Abschied zu nehmen von unserem Gründungs- und Ehrenmitglied Lothar
Schmid.
Sieben Jahrzehnte hat er sich intensiv mit Schach beschäftigt als Spieler, Sammler,
Schiedsrichter, Historiker und Förderer. In der Schachwelt wurde sein Name stets mit
Hochachtung ausgesprochen. Er war im besten Sinne ein Botschafter des Schachs.
Lothar kam durch einen Zufall zum Schachspiel. Im Herbst 1941 hörte er eine Radiomeldung
über die Schach-Europameisterschaft in München. Klangvolle Namen wie Aljechin und
Bogoljubow erregten seine Aufmerksamkeit.
Ein 1942 in Dresden ausgetragenes Schachturnier begeisterte den 14-jährigen endgültig für
das königliche Spiel. Die geniale Spielweise des blutjungen Turniersiegers Klaus Junge
faszinierte ihn. So wollte er auch spielen können.
Lothar fand den Weg zum Dresdener Schachklub und war bereits 1947 Meister der Ostzone.
Er verließ seine Vaterstadt in Richtung Bamberg, wo er dauerhaft eine neue Heimat fand.
Von 1950 bis 1974 vertrat Lothar Schmid elfmal das bundesdeutsche Team bei
Schacholympiaden. Er gewann in der Brettwertung vier Silbermedaillen und mit der
Mannschaft zwei Bronzemedaillen. Meist saß er am zweiten Brett hinter Wolfgang Unzicker.
Im Fernschach gewann er 1952 die Deutsche Meisterschaft, siegte beim Dr.-Eduard-
Dyckhoff-Gedenkturnier und wurde bei der II. Fernschach-WM Vizeweltmeister.
Den Großmeistertitel trug Lothar im Nah- und Fernschach.
Der um drei Jahre ältere Wolfgang Unzicker wurde sein Freund und Rivale. Eine lebenslange
innige Freundschaft verband ihn mit den Schachgroßmeistern Edith Keller-Herrmann und Dr.
Helmut Pfleger.
Sein Beruf als Karl-May-Verleger ließ ihm nur wenig Zeit für Turniere.
Eine zweite Karriere machte Lothar als Hauptschiedsrichter bedeutender Schachwettkämpfe.
Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, dass der legendäre WM-Kampf zwischen Spasski und
Fischer überhaupt zustande kam.
Der eloquente Weltbürger war der einzige, den beide Spieler akzeptierten. Auch den ebenfalls
politisch brisanten Kampf zwischen Karpow und Kortschnoi in Baguio 1978 durfte er leiten.
Lothar Schmid war ein exzellenter Sammler. Seit seiner Jugend jagte er nach allem, was mit
Schach zu tun hatte. Dabei besaß er eine feine Spürnase für Raritäten. Unentwegt war er
weltweit unterwegs auf Auktionen, in Antiquariaten und auf Flohmärkten.
Sein Wissen um Schach war einmalig. Seine Sammlung dürfte die größte der Welt sein.
Lothar Schmid warb unermüdlich in aller Welt für die hohen Werte des Schachs. Im
Weltschachbund FIDE stand er der Kulturkommission vor. Er war ständiger Gast bei
Schacholympiaden, WM-Kämpfen und großen internationalen Turnieren.
Lothar Schmid war mir aus der DDR-Schachzeitung, den Berichten im Westfernsehen über
die WM Fischer - Spasski und Karpow - Kortschnoi und vor allem aus den lebendigen
Erzählungen von Edith Keller-Herrmann bekannt. Sie schwärmte immer von Lothar, dem sie
bereits 1942 in Dresden begegnet war. Edith verband mit Lothar eine lebenslange
Freundschaft über die Grenze hinweg.
Die erste persönliche Begegnung kam im Herbst 2000 zustande. Im Rahmen einer CCITagung
(Schachsammler) in Den Haag trafen wir uns. Auf meine Frage, ob er bereit sei als
Referent an der Internationalen Lasker Konferenz im Januar 2001 in Potsdam teilzunehmen,
sagte er sofort zu. Für ihn war der einzige deutsche Schachweltmeister seit seiner Jugend ein
Vorbild. Deshalb war es auch eine Selbstverständlichkeit, Gründungsmitglied der Emanuel
Lasker Gesellschaft zu werden.
Gern denken wir noch an seinen Vortrag in Potsdam „Lasker und der Beginn meiner
Sammlung“.
Gemeinsam gaben Lothar und ich einen Reprint der deutschen Erstausgabe von Laskers
kleiner philosophischer Schrift „Kampf“ heraus. In seinem Vorwort unterstrich Lothar noch
einmal die Bedeutung Laskers für sein Schachleben und seine Sammeltätigkeit.
Im Laufe der Jahre gelang es ihm seltene Stücke aus Laskers Feder zusammenzutragen:
Manuskripte, Exzerpte, Briefe und Notizen. Und natürlich so ziemlich alle Lasker-
Publikationen - Bücher, Zeitschriften, Journale, Sonderdrucke usw.
Lothar Schmid, der aufmerksame Zuhörer.
So entstand über die Jahre zwischen uns ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Er kam oft zu
den Veranstaltungen der Emanuel Lasker Gesellschaft nach Berlin und ich besuchte ihn
mehrmals in Bamberg und regelmäßig auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse am
Stand des Karl-May-Verlages.
Lothar Schmid und Susanna Poldauf beim Philidor-Wochenende in Bamberg (Juni 2004)
Zu Ehren des 80. Geburtstages von Wolfgang Unzicker fand bei den Chess Classics Mainz
ein Gala-Turnier mit den Weggefährten Anatoli Karpow, Boris Spasski und Viktor
Kortschnoi statt. Hauptschiedsrichter war Lothar Schmid.
Unzicker-Gala in Mainz 2005: Karpow, Schmid, Kortschnoi und Unzicker
Unvergesslich bleibt das Lasker-Wochenende im Haus der Geschichte Bonn im Januar 2007,
wo im Rahmen der Ausstellung „Zug um Zug – Schach – Gesellschaft – Politik“ eine
Gesprächsrunde mit Boris Spasski, Lothar Schmid und Dr. Helmut Pfleger stattfand.
Tenor der Gespräche: Schach kann und soll die Völker verbinden. Gens uns sumus!
Am dort ausgestellten WM-Tisch von Reykjavik wurden bei den Akteuren Erinnerungen an
den legendären WM-Kampf Fischer – Spasski wach.
Dieser Kampf elektrisierte im Sommer 1972 nicht nur die Schachwelt, sondern gewann
Sympathien für Schach in allen Gesellschaftskreisen.
Haus der Geschichte Bonn: Dr. Hütter (HdG), Lothar Schmid und Boris Spasski (Januar 2007)
Und dann das Gespräch im April 2008 „Erinnern an Bobby Fischer“ Lothar und dem
Filmregisseur Andreas Goldstein, der einen Film über Fischer plante. Es gab viel
Interessantes von Lothar zu hören aus den zahlreichen persönlichen Begegnungen mit Bobby.
Erinnern an Bobby Fischer (April 2008) mit Schmid, Wagner und Goldstein
Dieser Jahrhundertkampf hatte in Lothar auch den Jahrhundertschiedsrichter.
Während der Schacholympiade 2008 in Dresden erhielt Lothar Schmid die
Ehrenmitgliedschaft der Emanuel Lasker Gesellschaft verliehen.
Strahlend präsentiert Lothar Schmid die Ehrenurkunde der Emanuel Lasker Gesellschaft (Dresden 2008)
Eine letzte Begegnung mit Lothar gab es Mitte Juni 2012 beim Treffen der Internationalen
Schachsammler im Schloss Pillnitz.
In einem Interview für die Berliner Zeitung vom 31.8.2002, das Thomas Leinkauf und ich in
Bamberg führten, antwortete Lothar auf die Frage:
Was fasziniert Sie an dem Spiel? Schach heißt, gewisse Positionen vorauszusehen. Sie entwickeln eine Kombination im Kopf,
die zunächst mal in der Stellung begründet ist. Sie müssen erkennen, wann es so weit ist,
wann die Stellung reif ist, ihren Plan umzusetzen. Sie berechnen im Voraus oder sie fühlen
einfach, wie sich die Stellung entwickeln kann. Das ist die faszinierende Kunst. Oder
einfacher ausgedrückt: es ist das normale Ziel eines Schachspielers, eine bestimmte gute
Position zu erreichen, indem er den Weg dahin findet und bereitet. Ich frage einen
Schachspieler: Wie berechnen Sie das? Er sagt: Ich denke einen Zug weiter als mein Gegner.
So einfach ist das also. Ganz lustig, nicht wahr. Dem einen fliegt es zu, der andere muss es
hart erarbeiten. Der eine ist vielleicht genial. Und der andere ist ein ganz normaler Denker.
Es kann aber auch umgekehrt so kommen, dass der Geniale einen Fehler macht. Und der
Denker, der Normale, diese Chance nützt. Das ist Gott sei Dank sehr unterschiedlich. Es gibt
Angriffsspieler und Verteidigungsspieler, es gibt Theoriebesessene, ja Theoriehengste, die die
Eröffnungstheorie bis ins letzte Detail studiert haben, und es gibt Spieler, die am Brett intuitiv
ganz natürliche einfache Züge finden. Im Schach ist alles möglich.
Am 18. Mai hat ein Großer der Schachwelt uns verlassen, ein Gentleman mit Humor.
Sein kluges, charmantes Lächeln bleibt uns in Erinnerung.
In der Ruhmeshalle der Schachmeister wird er dauerhaft seinen Platz finden.
Bobby Fischer, Wolfgang Unzicker und Edith Keller-Herrmann werden ihn dort freudig
begrüßen.
Hab Dank, lieber Lothar, für alles, was Du dem Schach und seinen Freunden geschenkt hast.
Vielen Dank für Deinen unermüdlichen Einsatz im Schach für die humanistischen Werte der
Menschheit und für eine Welt des friedlichen Miteinanders der Völker.
Ruhe in Frieden!
Paul Werner Wagner
Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft