Chess Classic

Levon Aronian GRENKELEASING Rapid World Championship
GM Levon Aronian – Nr. 6 der Weltrangliste
31.7.-2. August 2009, 18:30 Uhr, Rheingoldhalle Mainz

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Chess Classic

Kille, kille Bärchen - ein schaurig schönes Märchen aus der gruseligen Schachwelt der Killerbienen

03.08.2006 - Karneval der Schachtiere – same procedure as every year. Und so kamen sie alle, (na ja, fast) alle Großen und Kleinen aus dem Bestiarium der Gattung Schächer, Stecher, Puppenschieber an die lieblichen Gestade des goldenen Määnz. Nur der biestige Beutelteufel Kaspar war wieder nicht dabei (tobt lieber in selbstverordneter Frührente); auch das elegante Top-Wiesel Veselin zog es vor, blutgierig schon mal die Witterung der in den patagonischen Pampas grasenden Hochedel-Rindviecher aufzunehmen. Angelockt von den überquellenden Honigtöpfen der anmutigen Rheingold-Töchter JB und HWS, drängten die Massen tierisch hinein in die kolossale Rapidkampfarena, zum Fest des Wagens und Gewinnens. Vorab wurden Appetithäppchen gereicht, nur für die Plebs von ranking-niederem ELO-Stande, dem der grimmige Jungbär Grischa eine makellose Moskowiter Schlachtplatte präsentieren wollte. Wenn es da nur nicht dieses giftig-freche Völkchen der Maja, Willy und Mike gäbe?!

Grischuk (2720) - Rosa (2109) B42

CCM5 Mainz 2005 - Standard Simultan (40 Bretter)

(mit Kommentaren von Mike Rosa [MR] und Eckhard Freise)

Alexander Grischuk

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6

Anno dunnemals, noch zu Zeiten des Bismarck-Herings (19. Jh.), ist bereits manche tiefsinnige tierschachliche Idee kreiert worden.

Bei der Sizilianischen Erdigel-Variante stand Pate der alte Gutsverwalter aus Nassengrund/Lippe, Louis Paulsen.

Im großen Sowjetreich erfand man das sperrige Tierchen neu als Kan-Stachelschwein, das anpassungsfähig Kalten Krieg, Millennium und selbst die späte Blechdosenära überlebt hat, in den vielfältigsten Unterformen.

Eine regionale Abwandlung findet sich im Main-Taunus-Raum wieder als Typ Hessischer Bienenstock, berüchtigt dafür, den herumziehenden Bauernfängern die gebührende Rheuma-Kur zu verpassen - in überraschender Dosis nach Art des Frankfurter Überfallkommandos.

5.Ld3 Lc5 Prompt schwirrt die erste Wächterbiene aus dem Korb! 6.Sb3 La7 7.Dg4!?

Der russische Honigfreund will stracks zum nächsten Honey-Trap g7 - auf demselben zweifelhaften Pfad war gg. MR zwei Jahre zuvor schon das ukrainische WMeisterpony Pono(mariov) dem Lockruf des Süßen gefolgt, aber brav in den Remis-Stall zurückgekehrt. Als vorsichtiger gilt, den Läufer-Stachel gleich zu ziehen, also 7.De2 Sc6 8.Le3 (MR). 7...Sf6 8.Dg3 Sc6 8...d6!? (MR) 9.0–0 h5?!!

Aus dem Randgestrüpp stößt Klein-Mike vor, eine Frankfurter Eigenzüchtung – kühn, aber konsequent, nachdem Jung-Grischa sich früh ins Königsflügelbett gewälzt hat.

Mike Rosa

10.Dxg7?! Schon erliegt das Bärchen dem ungebremsten Naschtrieb. Mehr Endorphine hätte es abbekommen nach 10.e5 Sg4 11.h3 Sgxe5 12.Dxg7 Tf8 13.Lh6 De7 14.Dxf8+ Dxf8 15.Lxf8 Kxf8 (MR), und den schwarzen Sheriffs geht wohl auf Dauer die Luft aus. Nur 2 Bauern für die Sprungbiene und schwache Schwindelchancen bietet 11..Scxe5 12.hxg4 hxg4. 10...Tg8 11.Dh6 Tg6!? 11...Sg4! 12.Dh7 Sf6. Alles in Butter auf dem Kutter, meint der weise Imker-Fritz 9 und verteilt halbe Punktplätzchen für Bienen und Bär nach Zugwiederholung. Unbekömmlich ist 12.Dxh5 Df6! (MR), z. B. 13.Le2 Sce5 14.Lxg4 Sxg4 15.g3 Sxh2!! mit pieksigem Angriff. Aber auch der Turmschwenk nach g6 hat seine Tücken. Zieht sich der scheue Jüngling mit 13.Dd2 erschrocken hinter die Tatzendeckung zurück, kommt ihm Mutti abhanden: 13...Sg4 14.e5 Dh4 15.Df4 Tf6! 16.exf6 Lb8. 12.Df4 Tg4 12...e5!? führt zum Ausgleich (MR). 13.Df3 Se5 14.De2 Dc7 14...d5!? 15.h3 Tg6 16.Kh1 Ld7 17.exd5 Sxd3 18.Dxd3 Sxd5 – und man hört das nächste Geschwader schon surren. 15.Kh1 Wie wäre es mit Entwicklungshilfe (15.S1d2), christlicher Bär? 15...Th4!?

Die Position ist voller taktischer Finessen, die man schon mal übersehen kann; Frage nur, wer ist dabei der Erste? (MR). Big Mike vertraut auf Jung-Grischas Gier nach dem Big Mac: Auf 16. Lg5? folgt der brutale Stich ins h2-Herz 16...Sf3! 16.f4± Vorsicht ist die erste Bärenmarke. Sfg4 17.h3 Sg6 Bloß kein Abtausch der schönen Kampfbienen – sie werden noch dazu gebraucht, Jung-Grischa an der Nase zu kitzeln. 18.Sc3! Cool gespielt (MR); Otto Normalbär hätte sofort mit e5 den Korb eingedrückt. 18...b5?! 19.Ld2?! 19.e5 Lb7 20.Se4! +- (MR). 19...Lb7 20.Df3 0–0–0 Alle Bienen sind schon da, und sie sehen alle aus, als ob sie Rosa hießen! 21.Le1? Zu verfressen schielt Käptn Blaubär nach dem kalorienreichen Bienenstich! Se3?! Objektiv besser war der freche Sturzbomber 21...Sh2!! 22.Kxh2 Txf4 23.Lg3 Txf3 24.Lxc7 Txf1 25.Txf1 Kxc7 26.Txf7 (MR) 22.Lg3!

Erwartet worden war nur 22.Lxh4 Sxh4 23.Dg3 Shxg2 24.Tf2 b4 25.Sd1 h4 (MR), mit argen Mottenlöchern im Pelz. 22...Sf5?! Kille-kille-Taktik – ob Bärchen wohl kitzlig ist? Im Eifer des Gefechts entgeht Big Mike die Rückkehr der stechenden (nicht singenden!) Herrentorte 22...Tg4!! Denn 23.hxg4 hxg4 24.Df2 Th8+ 25.Kg1 Sxf1 gibt Bärenragout. Also 23.Tf2 Th8 24.Kg1 Sh4 25.Lxh4 Txh4, die Bienen haben aber die Lufthoheit. 23.Lh2 23.exf5!? Lxf3 24.Txf3 exf5 25.Lxf5 Se7 26.Lxh4 Sxf5 27.Sd5! Dxc2 28.Tc1 Dxc1+ 29.Sxc1 Sxh4 30.Tc3+ (MR). Noch besser 23.Se2! 23...Tg8 24.Sd5!! Sehr guter Zug (MR), der Stachel der b-Biene ist damit gestaucht.

Noch besser war zuvor 24.a4!! b4. In welche Konter Jung-Grischa laufen konnte, zeigt 24.g3?? Txh3 25.Kg2?? Sgh4+ (25...Txg3+ 26.Lxg3 Sgh4+ -+) 26.Kxh3 Sxf3-+ (MR). Schlimmer kann auch Gottschalk kein Massaker unter Gummibärchen anrichten. 24...Lxd5? 24...exd5 25.exf5 Se7 26.Sd2± (MR) 25.exd5 Se3? 26.dxe6+- dxe6 27.f5? Voreilig zugeschnappt! Nach 27.Lxg6! hat das Schwärmen ein böses Ende: 27...Txg6 28. f5! Auch 27.Da8+ Lb8 28.Tf3+- (MR) hätte die Bienen zermatscht. 27...Se5 Ätsch, da bin ich wieder, sagt Willy – und ruft laut nach Maja! 28.Da8+?! Den frechen Willy zu plätten, hätte dem Bären auch nur die halbe Miete eingebracht: 28.Lxe5 Dxe5 29.fxe6 Sxf1 30.Txf1 Lb8! 31.Dc6+ mit Dauerschach. 28...Db8 29.Dxb8+ Lxb8 Aus der Bienenkönigin ist zwar Gelée Royale geworden- wie im richtigen Leben kommt es aber gar nicht auf die Aristokratie an, sondern auf die Arbeitsbienen! 30.Tf4??

Weiß steht zwar besser, aber noch nicht gut genug für einen schnellen Gewinn. Belagert von sensationslüsternen Kiebitzen, nimmt sich Grischuk erst eine ganze Minute Zeit (MR) – zugleich aber auch eine Auszeit vom kühlen Denken, verwirrt durch das penetrante Summen an seinem Bärenschädel. Bienen umschwirren mich wie Motten das Licht (dachte wohl der fesche Grischa Dietrich). Die Pranke fuchtelt nach f4 und will das lästige Insekt auf h4 aus dem Fell fegen – und schon kommt der Stich in den flauschigen Unterleib. 30...Sxd3 Autsch! 2 Sekunden lang (MR) wankt der Bär, dann liegt er flach und japst im Ableben noch (schachlich hochanständig, sprachlich unentschuldbar) "Excellent played!"

Eckhard Freise

Um den Bienenkorb herum hört man fröhliches Mainzer Abklatschen: Killerbiene Rosa hat viele neue Freunde in der Menagerie gewonnen. Einem vorwitzigen Vorflüster-Kiebitz war zuvor gerade noch der Schnabel gestopft worden; für ihn und seinesgleichen werden in Zukunft Heftpflaster bereitgehalten, natürlich mit CCM-Logo, wg. Abgrund an Pointenverrat. Denn zerquetscht die Tatze die standhafte Turmbiene, wird der triebstarke Jungbär im konzertierten Ansturm der Kampf-Majas augenblicklich zum Bettvorleger: 31.Txh4 Sf2+ 30. Kg1 Txg2# (MR)

0–1

So recht eine Partie zum Genießen an stillen Kaminabenden, auf dem Bärenfell, wenn Big Mike Jung-Grischa versonnen über den ausgestopften Schädel streicht.

Eckhard Freise

Published by Gerhard Kenk

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